Philosophie: Was ist Leichtsinn?

Herbert Grönemeyer hat Freunden und guten Bekannten eine philosophische Frage gestellt: Was halten sie für leichtsinnig, und was ist für sie leichter Sinn? Hier ist das Ergebnis seiner persönlichen Umfrage.
ZEITmagazin Nr. 43/2018

Jonathan Meese, 48, ist Künstler


Harald Schmidt, 61, ist Unterhalter

Für den leichten Sinn halte ich mich an die Regel eines bretonischen Mehrfach-Weltumseglers (der Name ist mir entfallen, auch eine Form von Leichtigkeit):

Jeden Morgen frage ich mich nach dem Aufstehen:
Rechter Fuß?
– Geht.
Linker Fuß?
– Geht.
Rechtes Auge?
– Sieht.
Linkes Auge?
– Sieht.
Wird ein guter Tag!

Sibel Kekilli, 38, ist Schauspielerin

leichtsinn

wo bist du nur hin?
du musst dich beeilen,
um meine seele zu heilen.
sonst werde ich farblos und verbittert
mein blick auf die welt zersplittert.

ich bin gefangen in meinen gedanken
kein platz für gefühle, die wanken,
zeig dich, du tätest mir so wohl,
du, leichtsinn, wärst heut mein ruhepol


Philipp Ruch, 37, ist Philosoph

In Platons Politeia findet sich ein Satz, der mich immer wieder aufs Neue beeindruckt: "Denn alles Große verfällt leicht, und das Schöne ist in der Tat schwer, wie man sagt." In Anlehnung an dieses offenbar alltägliche Sprichwort im antiken Athen, das uns nur über die Politeia überliefert ist, lässt sich vielleicht etwas über den leichten Sinn sagen: Das Schwere leicht aussehen zu lassen, um eine Gesellschaft zu verzaubern, zu verstören oder zu inspirieren, scheint Teil einer Kontur zu sein, die die meisten künstlerischen Werke und Arbeiten, Inszenierungen, Musikstücke und Kinofilme durchzieht. Ohne diesen leichten Sinn für das Allerschwerste, das wahrlich Unmögliche, gäbe es Kunst vielleicht nicht. Die Kunst als Politik des leichten Sinnes für das Unmögliche.

Bildlich muss ich da zuallererst an unseren einsamen Drucker denken, der am Gezi-Park aus einem Hotel heraus über 1000 Flugblätter in ein autokratisches Regime hineingedruckt hat, per Cloud-Print. Wir haben ihn dort aufgestellt, im Gedenken an den 75. Todestag der Geschwister Scholl, und ihn mit erhöhter Papierzufuhr versehen, sodass er jene Blätter auf die Straße druckt, auf denen zum Sturz des Regimes aufgerufen wurde. Dieses leichte Segeln, dieser angelehnte Drucker, der simple Akt – das alles führt den Beweis, dass so etwas "Leichtes" wie ein Flugblatt in einer Diktatur wie eine Explosion wirken kann. Das Schwere, der Drahtseilakt, das alles sieht hier so leicht aus. Es ist aller Angst, allen Schweißes und aller Mühen entkleidet, die bei vielen Menschen ein ganzes Jahr eingenommen haben.


Anton Corbijn, 63, ist Fotograf und Filmregisseur


Julia Jessen, 44, ist Schauspielerin und Autorin

laut und roh und ungestüm (and about: broken eggs)

Muss manchmal / laut / und roh / und ungestüm / leicht von Sinnen / die Welt zusammenschnurren lassen / zu einem Augenblick

Umgestülpt / ihr Äußerstes in ihrem Innersten versenkt / kann sie dort (verdammt noch mal) ihr Versprechen halten / vielleicht / und bis auf Weiteres

Mit vertikaler Macht / versenkt / zieht es mich / mit Leichtigkeit ins Tiefe / Nabelschnur gerissen / umgetauft vom Leben / auf Namen aus dem Ungewissen / manchmal so umsonst

Schmeckt roh / riecht doll / fühlt ungestüm / sieht nichts von dem was droht / drängt mich / gelassen / ins unendlich Tiefe / das Davor und das Dahinter / sinnberauscht und gänzlich / ausgelöscht / mich selbst / geborgen / in den eigenen Schoß / gehetzt / wird sie mir groß / die Welt / und implodiert / im Jetzt

Mit Glück gemischte / neue Karten / ungebremster Gang / ins Volle / erwarten ...

Keine Sorge / alles gut / spielt keine Rolle / fließ nur kurz nach unten weg / weit über mich hinaus / weit weg / vom linearen Dauerlauf / weit weg / vom täglich Brot / betaste in der Tiefe / kurz / den Glanz / die Welt / den Tod

Hab mich bewohnt jetzt / bin seit Jahren überlebt / bewahre mich / und bleibe / treibe / flussabwärts / Quelle außer Sicht

Und ungeahnt / und immer trotzdem / kommt / der Sog / die willenlose Welle / mächtig / über mich / laut / roh / ungestüm / und kurz / unendlich prächtig


Günther Jauch, 62, ist Moderator

Vor 36 Jahren kam die ARD auf die Idee, mich zum Reporter einer Sendung namens Rätselflug zu machen. Ich wurde, abwechselnd mit Abfahrts-Olympiasieger Bernhard Russi, in einem Hubschrauber um die Welt geschickt, um nach Hinweisen von Zuschauern irgendwo irgendwelche "Schätze" zu finden.

Das Problem: Bernhard Russi war Goldmedaillengewinner und ich in Sport selten über eine Vier plus hinausgekommen.

Meine Rettung: Ich versuchte, das läuferische Defizit und die begrenzte Fähigkeit, wie ein Eichhörnchen auf irgendwelche Bäume zu klettern oder brackige Tümpel zu durchtauchen, dadurch auszugleichen, dass ich bei den Dreharbeiten immer leichtsinniger wurde. Todesmutig hängte ich mich regelmäßig mit bloßen Händen ohne jede Sicherung an die Kufen des Helikopters, der dann über Tempel, Urwälder oder die Alpen knatterte. Ein Krampf, eine Unaufmerksamkeit oder eine schlichte Windböe wären der sichere Tod gewesen.

Eine Unfallversicherung hätte wegen des enormen Risikos pro Sendefolge 5000 Mark gekostet. Das war der ARD zu teuer. Ich selbst bekam auch nichts – der Job war mit meinem Radioredakteursgehalt abgegolten.

Außerdem war ich ja jung – und brauchte kein Geld. Leichten Sinnes war ich stolz auf meinen vermeintlichen Wagemut. Heute bin ich froh, nicht Opfer meines bodenlosen Leichtsinns geworden zu sein.

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