Social Media: "Ich muss noch ein Musically drehen"

© Aline Zalko
Von
Aus der Serie: Prüfers Töchter ZEITmagazin Nr. 43/2018

Einmal war ich Zeuge, wie Lotta seltsame Dinge machte. Sie stand in der Küche und fing an, mit den Armen zu rudern, sie gestikulierte, als wolle sie etwas Dringendes mitteilen, in Gebärdensprache offenbar. Und sie bewegte den Mund – lautlos. Dann riss sie die Augen weit auf, als staune sie über etwas, das sie gerade erblickte. Sie schien mit irgendetwas zu kommunizieren, vielleicht mit einem unsichtbaren Freund. Ich habe gelesen, dass es kein Problem ist, wenn Kinder einen unsichtbaren Freund haben. Unsichtbare Freunde wären mir lieber als manche sichtbaren. Aber bei einer 13-Jährigen? Allerdings entdeckte ich bald, dass Lotta mitnichten mit Geistern kommunizierte, sondern mit einer App auf dem Smartphone. Sie beschäftigte sich mit "TikTok", ehemals als "Musical.ly" bekannt. Lotta nennt die App noch immer "Musically". Mit diesem Programm dreht Lotta kleine Videoclips. Es sind Choreografien, die sie zu Musik, die aus dem Smartphone tönt, mit der Handykamera aufnimmt und danach mit leicht erhöhter Geschwindigkeit abspielt, sodass sie zackig aussehen. So eine Bewegungsabfolge kann etwa sein: Mit verschränkten Armen vor der Kamera stehen und sich etwas hin und her wiegen. Dann eine Hand in die Hüfte stemmen und neckisch mit dem Zeigefinger drohen. Dann mit den Händen ein Herz formen (sieht aus wie eine Abwandlung der Merkel-Raute). Und schließlich eine schwungvolle Drehung um die eigene Achse, dass die Haare fliegen.

Anschließend teilt Lotta das Video mit ihren Freunden. Ihre Freunde antworten mit eigenen Clips. Meine Tochter hängt sich keine Poster von Popstars an die Wand. In ihrer Welt ist einfach jeder sein eigener Popstar. Lotta dreht oft, und das hält sie von mancherlei ab, "ich muss noch ein Musically drehen", sagt sie wie selbstverständlich, wenn sie etwas nicht macht, was sie gerade machen soll. Was mich aber wirklich irritiert, ist Lottas Lächeln. Sie lächelt während des gesamten Clips. Selbst wenn sie die Lippen bewegt, hört sie nicht auf zu lächeln. In ihrer Social-Media-Welt gibt es keine bösen Gesichter. Man lächelt einfach immer weiter.

In der normalen Welt, wo sie ihr Vater morgens aus dem Bett rüttelt und abends fragt, ob die Hausaufgaben gemacht sind, lächelt sie nicht die ganze Zeit. Und es werden auch viel weniger Herzen mit den Händen geformt. Manchmal stelle ich mir vor, dass ich Lotta frage: "Kannst du jetzt endlich den Tisch abräumen?", und sie mit ein paar coolen Moves und einer eleganten Körperdrehung, gerne auch etwas schneller abgespielt als im normalen Leben, die Teller in den Geschirrspüler lächelt. Stattdessen: alle Bewegungen in Zeitlupe.

Öfter mal rumpele ich bei Lottas Dreharbeiten von der Seite ins Bild und spiele den Deppen, der im Hintergrund alles vermasselt. Lotta findet das manchmal lustig, manchmal fragt sie: "Warum machst du das?"

Tja, warum mache ich das: vielleicht weil es mich nervt, dass man sich schon mit 13 Jahren für Social Media inszeniert. Oder aber weil ich eifersüchtig bin auf dieses Land des Lächelns, in dem die Musically-Lotta lebt – und wo ich nicht hingehöre.

Manchmal lässt mich das offenbar missmutig aussehen. Anders kann ich es nicht interpretieren, wenn meine Tochter sagt: "Och, Papa, jetzt guckst du schon wieder wie so ein abgestürzter Computer."

Kommentare

13 Kommentare Kommentieren