Caroline Peters "Meine Mutter ist seit 15 Jahren tot. In meinen Träumen kehrt sie aber immer wieder zurück"

© Straulino
Aus der Serie: Ich habe einen Traum ZEITmagazin Nr. 44/2018

Neben ein paar klassischen Schauspielerträumen (man hört sein Stichwort und findet die Bühne nicht) träume ich etwa einmal im Jahr einen Wohnungstraum: Es ist immer eine andere Wohnung, aber ich weiß, dass es meine ist, in der ich schon seit hundert Jahren lebe. Dann mache ich so im Vorbeigehen im Flur eine Tür auf, und dahinter ist eine komplett neue Wohnung. Mir ist sofort klar, die war auch schon immer da, aber seltsamerweise habe ich es nicht gewusst. Sie ist leer, keine Menschen, keine Möbel. Ein großartiger Traum: Er ist jedes Mal wahnsinnig befreiend und beglückend. Man ist ja oft alles andere als entspannt, dieses endlose Lampenfieber und die vielen Vorstellungen. Und dann dieses Gefühl von totaler Erleichterung, als wenn jemand sagt: Du musst nie wieder arbeiten, außer wenn du willst! Man hat viel mehr Möglichkeiten als gedacht, man musste einfach nur drauf kommen, die Tür aufzumachen. Alles ist schon da.

Ich denke dann in dem Traum oft: Das muss ich unbedingt meiner Mutter erzählen! Meine Mutter ist seit 15 Jahren tot. In meinen Träumen kehrt sie aber immer wieder zurück, wobei sie nie mit mir spricht, was mich sehr ärgert. Wir sehen uns so selten, und dann redet sie nicht mit mir! Einmal träumte ich von einer Kinopremiere. Nach dem Film wurde das Team auf die Bühne gerufen, und ich war ganz aufgeregt. Im Traum hatte ich noch nie einen Film gedreht und wusste auch nicht, ob ich in diesem mitgespielt hatte. Dann steht plötzlich meine Mutter da vorn im Team vor der Leinwand, und ich habe wieder gefragt: Warum kommst du so selten, warum sagst du nichts, was machst du da überhaupt? Aber sie hat wieder nur so ein bisschen gelächelt und nichts gesagt. Die Situation hat sich also auch in diesem Traum nicht aufgelöst. Ich fand das sehr belustigend, aber auch sehr merkwürdig. Was will mir mein Unterbewusstsein damit sagen?

Die Beziehung zu deinen Toten bleibt immer dynamisch, hat mal eine Freundin zu mir gesagt. Das fand ich wahnsinnig beruhigend, als meine Mutter starb. Und es ist absolut der Fall: Die Sichtweise von gemeinsamen Erlebnissen ändert sich permanent. Deshalb ist es auch so ärgerlich, dass meine Mutter in meinen Träumen nichts sagt. Eine andere Freundin, der ich mal davon erzählt habe, hat das so gedeutet: Deine Mutter will dir gar nichts sagen, sie freut sich einfach, wenn sie dich mal sehen kann. Und tatsächlich fühlt sich die Begegnung auch nach dem Aufwachen sehr real an, das empfinde ich als angenehm. Ich habe dann nicht so sehr den Eindruck, dass mein Bewusstsein sich da was baut, sondern dass die Toten tatsächlich mit mir kommunizieren. Ich weiß, das klingt jetzt etwas spinnös, aber so fühlt es sich an. Die brauchen ja auch einen Weg, um weiter eine Dynamik herzustellen, die wollen ja auch nicht vergessen werden. Ich finde das immer sehr schön: Dann ist der Tod ja doch nicht so schlimm, wenn man sich ab und zu noch sehen kann! Jemanden, der einem nahegestanden hat, gar nicht mehr zu sehen ist wirklich schwer zu verkraften. Dieses schreckliche "Nie wieder!", das erleichtern einem die Träume.

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Kommentare

15 Kommentare Seite 1 von 2 Kommentieren

Beneidenswert, wenn man die Beziehung zu Verstorbenen so erlebt, für mich sind sie leider "weg", nicht in dem Sinne, dass ich nicht spüren würde, was mich einst mit ihnen verbunden hat, aber es ist eben eine Erinnerung und nicht mehr wirklich greifbar, sondern bleibt ein Rückblick.

Manchmal frage ich mich warum der Tod für mich bisher immer so ultimativ gültig im Erleben und seiner Wirkung nach innen ist, aber andererseits weiß ich (zum Glück)auch noch nicht, wie das ist, wenn die Eltern verstorben sind, vielleicht gelingt ja mit ihnen diese Form der Beziehung über den Tod hinaus.