Dagmar Berghoff "In meinem Traum flog ich die GSG 9 nach Mogadischu, um die Geiseln zu befreien"

© Armin Smailovic
Aus der Serie: Ich habe einen Traum

Als junge Frau hatte ich immer einen Notizblock neben dem Bett und schrieb meine Träume in der Nacht auf. Die Notizen machte ich, weil mir jemand geraten hatte, dass mich das für die Schauspielerei inspirieren würde. Seit ich 15 war, wollte ich Schauspielerin werden. Nach dem Abitur schaffte ich es an die Hochschule für Musik und Theater Hamburg. An einen Traum aus dieser Zeit erinnere ich mich deutlich: Ich musste einen großen, dunklen Dachboden wischen. Eine Stimme sagte: "Wenn du lieber die Schokolade willst, kannst du mit dem Wischen aufhören." Ich wählte im Traum die Schokolade. Später, im Wachzustand, war ich fassungslos, weil ich mich nicht für den mühseligen Weg der Schauspielerei, sondern für die einfache Alternative, die Schokolade, entschieden hatte.

Ich war damals Anfang 20, im wachen Leben verspürte ich die große Sorge, mein zweites Jahr an der Schauspielschule finanziell nicht durchhalten zu können. Meine Eltern wollte ich auf keinen Fall um Geld bitten. Dazu war ich zu stolz. Denn mein Vater war immer gegen die Schauspielerei. Also bediente ich nachts in einer Bar, spülte Geschirr in einem Restaurant, ich trug Post aus und putzte, um mir mein Leben zu finanzieren. Das zehrte an meinen Kräften, ich dachte oft ans Aufgeben. Kurz nach dem Traum mit dem Dachboden wurde mir überraschend ein Stipendium angeboten, 250 Mark im Monat. Damit lösten sich meine Sorgen auf. Ich glaube heute noch, dass der Traum mir zeigen sollte, dass ich nur durch harte Arbeit und Durchhaltevermögen zum Erfolg kommen kann.

Später hatte ich einen weiteren äußerst intensiven Traum. Es war der Oktober 1977, ich las seit einem Jahr die Nachrichten in der Tagesschau. In meinem Traum war ich Pilot, ein Mann, und flog die GSG 9 in der Nacht nach Mogadischu, mit dem Ziel, die Geiseln der damals von Terroristen entführten Lufthansa-Maschine zu befreien. Kein Mensch wusste von dieser geheimen Mission der GSG 9. Am nächsten Tag las ich bei der Arbeit zu meiner großen Überraschung die Nachricht, dass genau das passiert war. Träume sind Fantasien, wahrscheinlich spiegeln sie Ereignisse wider, über die man viel nachdenkt. Ich habe in meinem Leben viel gesehen. Als Nachrichtensprecherin der Tagesschau war ich über zwei Jahrzehnte mit den schlimmsten Meldungen und Bildern konfrontiert.

Heute habe ich das Gefühl, dass ich weniger träume. Oder ich erinnere mich nicht mehr daran. Vielleicht sollte ich mir wieder einen Notizblock auf den Nachttisch legen.

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