© Daniel Feistenauer

Englischsein Kleinbritannien

Kaum jemand außerhalb Englands gibt sich so viel Mühe mit dem Englischsein wie die Hamburger. Unserer Autorin Susanne Mayer fielen da allerdings ein paar Missverständnisse auf. Von

Einmal durchfuhr es mich heiß, Herzklabaster. Hatte ich einen Filmriss? Wir kamen vom Elbstrand hoch, von Teufelsbrück, der Hund hatte wieder Enten gejagt, ein nervenzerfetzendes Erlebnis für alle, die kein Cockerspaniel sind und nicht aus anderen Gründen solche Albernheit schätzen, wir gingen also über den Fußweg in den Park, schlängelten uns durch die Bäume, die Töle mit der Nase im Gebüsch, ich mit den Gedanken noch verfangen in den Jagdszenen, in denen der Hund mit der Strömung, einem Federvieh folgend, in die Mitte des Stroms trieb, zwischen die Containerschiffe.

Wir traten auf die Wiese. Da lag es vor mir: das ganze Szenario. Der englische Landschaftsgarten, weich moduliert, eine Woge von Grün, links aufbrandend und nach rechts auslaufend und rundherum der Saum von alten Bäumen. Anlage 1785 durch Caspar Voght, der im 18. Jahrhundert eines der großen hanseatischen Handelshäuser führte. Inspiriert durch einen englischen Dichter namens William Shenstone, Ausführung durch einen schottischen Gärtner namens James Booth. Ich sah weiß gekleidete Herren, in lockerer Streuung über das herrliche Grün verteilt. Sie schienen nur so herumzustehen, dann nahm ich wahr, dass der eine oder der andere gelegentlich gemessenen Schrittes die Position auf dem Rasen wechselte. Großer Gott, Kricket! In Hintergrund das weiße Herrenhaus mit der Säulenterrasse und davor im Gras, Pardon, auf dem pleasure ground, die Familien beim Picknick und über allem eine sich aufwölbende Regenwand – England! Viva Britannia! Mitten in Hamburg, eine Downton Abbey-Vision, abgemischt mit einer Prise Sentimentalität und der stetigen Bedrohung durch den nächsten Schauer sowie, nun ja, einer hanseatisch korrekten Performance. Fehlte nur noch Pimm’s!

Pimm’s? Kennen Sie nicht?

Pimm’s ist ein britischer Aperitif, der in England des Nachmittags auf quietschig feuchtem Rasen zu Gurkensandwiches gereicht wird oder zu Erdbeeren mit klumpiger Sahne. Pimm’s ist in Hamburg selbst bei Spar und Edeka im Angebot, zumindest im satten Hamburger Westen, aber leider oft aus, wohl weil in Hamburg so viel Pimm’s getrunken wird. Pimm’s ist England pur, eine geschmackliche Herausforderung, der viele auf dem Kontinent nicht gewachsen sind, also außerhalb von Hamburg. So wie auch niemand so recht versteht, woraus Pimm’s besteht, niemand in England oder in Hamburg, die Rezeptur ist ein trübes Geheimnis, ähnlich wie die Spielregeln von Kricket.

Kaum jemand außerhalb von England, der sich so viel Mühe gibt mit dem Englischsein wie in Hamburg. Hier ist Englischsein eine Manie, ein Gestus, der sich der einst so imperial herrschenden Macht anschmiegt und sie zugleich zu übertreffen sucht. Na, ein krasser Distinktionsgestus, also nach unten gerichtet. Und beruht – wie es so oft ist mit Leidenschaften – auf grandiosen Missverständnissen. Schon weil Englischsein ja so schrecklich ernst genommen wird, was ausgerechnet nicht sehr englisch ist. Dessen Habitus zielt, gerade wenn es ernst wird, auf das lässige, elegante Überspielen von Distinktion und kommt dem Schlendern nahe, siehe Kricket.

Kricket wird in Hamburg besessen gespielt wie Polo oder Crocket, was so etwas Ähnliches ist wie Polo ohne Polo-Ponys, also für Damen. Wer Polo spielt, dockt damit ostentativ an eine große Historie an. Polo kommt aus Zentralasien, circa 600 v. Chr., wanderte dann über den Iran auf den indischen Subkontinent, wo ein britischer Offizier im Dienste Ihrer Majestät Queen Victoria das Spiel 1859 sah und ein "Müssen wir lernen!" bellte. Zehn Jahre später war das Spiel in London. Und Hamburg zog nach. Eigener Polo-Club! Schon 1898! Hier deutet es sich an, dieses Nase an Nase, der stumme Wettbewerb zwischen dem Hanseaten und dem Engländer, wer der Bessere im Sattel ist oder auf den Meeren, im Handel oder auch nur im Englischsein. Oder, wie es einst ein hanseatischer Banker in seltener Selbstironie akzentuierte: "Der Hamburger ist der Übergang vom Engländer zum Menschen."

Selbstironie. Ist natürlich die Essenz von Englischsein. Hat auf Twitter einen eigenen Account, "Very British Problems", eine Art von Autoflagellantentum auf 280 Zeichen. Geht etwa so: "Arbeit gut?" – "Keine Ahnung." – "Sicher?" – "Nie." Selbstironie ist ein flüchtiges Wesen, sagen wir, über Hamburg weht es hinweg. Dafür sprechen die Institutionen. Der Anglo-German Club an der Alster, kleiner Palast mit fetten roten Teppichen, wo Damen nur widerstrebend zugelassen wurden, als Gäste, für Mitglieder heißt es noch immer: "Men only!" Der Polo-Club natürlich. Liegt in den sogenannten Elbvororten, in unmittelbarer Nachbarschaft zum Derby, man sagt hier "Dööörbi", was eher Amerikanisch ist, eins der nicht wenigen Missverständnisse in dieser hanseatischen Liebe zum Englischen. Unweit vom Döörbi der Golfplatz, der zwischen die alten Villen gebettet ist, die ihrerseits in großen Gärten liegen, auf üppigen Rasenflächen und drum herum: Rhododendron, Rhododendron, Rhododendron. Vermutlich weil Rhododendron in Hamburg als so superenglisch gilt. Rhododendron!

Es ist vielleicht der Aufmerksamkeit der Hanseaten entgangen, dass die englische Gartenqueen Vita Sackville-West schon in den Vierzigerjahren des letzten Jahrhunderts Rhododendren als "fette, langweilige Banker" bezeichnet hat, das war natürlich sehr von oben herab gesprochen, von ihrem Turm aus aprikosenfarbenem Klinker herab, der inmitten ihres fabelhaften Sissinghurst aufragt, einer durchgeknallten Farborgie von Rosen, Glyzinien, Dahlien. Jedenfalls sind Rhododendren, die in Großbritannien als Unkraut gelten, in Hamburg allgegenwärtig, anders als das Durchgeknallte, Schrille, Exzentrische, das in England bis zum Wahnsinn gepflegt wird, man in Hamburg aber so gar nicht mag. Vielleicht wird der Rhododendron hier so geliebt, weil die Farbpalette so neutral ist wie die Herrenanzüge, die in Hamburg, so sagt es ein Kenner, in jeder Farbe erlaubt sind, solange es Grau oder Blau ist. Aber nun ja, es gibt in Hamburg eben auch sehr viele Banker. Banker und Juristen. Die Begleitflotte des Welthandels.

Hanseaten, die Weltgeschäfte betreiben, tragen gedeckten Anzug, wahlweise stecken sie in nagelneuen Cordhosen oder Anzügen aus Harris-Tweed, einzukaufen unter den Alsterarkaden, bei Ladage & Oelke (sprich: LadaSCH). Ladage & Oelke ist für den Hanseaten, was Manufaktum für den ordinären Bürger ist. Ein Tempel. Hier stehen auf polierten Dielen die Schrankkoffer, die aussehen, als seien sie gerade zurück aus den Kolonien, aus Ceylon oder so, hier sind sie aufgeklappt und offerieren Whisky, der schimmert wie Bernstein. Auf den Mahagoni-Theken locken indische Paschminas in Paisley, im Regal liegt Schottisch-Wollenes in jedwedem Tartan, aufgebockt die ganze Palette der auf Leisten genähte Herrenschuhe von Crocket & Jones, daneben lehnt sich eine Truppe von Stockschirmen zierlich aneinander. Aus Italien, nobody is perfect.

Man hört, sogar Engländer reisten an, um bei Ladage & Oelke einen Dufflecoat zu erstehen, der in London gar nicht mehr zu haben ist, bei Ladage & Oelke aber in Eigenmarke hergestellt wird. Da guckt der Engländer! Nicht ohne Neid, auf diese Hanseaten. Die tragen ihren Harris-Tweed sogar dreiteilig, es kann passieren, dass empfindsame Menschen beim Anblick der hanseatischen Gentlemen auf den Oberschenkeln ein furchtbares Kratzen verspüren. Natürlich trägt in England kein Mann von Verstand dreiteiligen Tweed, schon gar nicht im Sommer, jedenfalls nie irgendetwas aus neuem steifem Tweed. Ein Tweed-Jackett, das in England Distinktion markieren soll, wird über Generationen fusselig getragen, wahlweise vom Hund zerfleddert, bis es ramponiert ist und die Knöpfe ab sind oder baumeln. In England gilt nagelneuer Tweed als spießig. Nicht so in der Hansestadt, wo immer alles adrett ist, kleinen Hanseaten wurde das Akkurate ja ins Genom geschraubt, vermutlich indem Generationen von ihnen in Miniatur-Matrosenanzügen aufgezogen wurden, steife weiße Ware, über die schon Fontane spottete. Direktimport aus England, vertrieben über "Die Kinderstube" am Jungfernstieg (sprich: S-tube). Mit diesem Laden ist es seit Generationen schon vorbei, wie ja auch das britische Konsulat von der Alster verschwunden ist, dieses weiße Schloss, in dem über so viele Jahre der Geburtstag der Queen so stilvoll begangen wurde. Verschwunden der British Council. Eingestellt sogar die Prinz Hamlet- Dampferlinie, mit der große und kleine Hamburger früher ins Königreich shutteln konnten, die Elbe runter, vorbei an den schönen Villen, vor denen dann Papa und Mama und Onkel und Tanten auf den Terrassen standen und winkten. Mit Bettlaken, damit man es unten auf dem Schiff auch sah. Einmal, sagt der Spross eines solchen Hauses, sei Papa eigens nach London gefahren, um an der Straße, durch die der Sarg mit Winston Churchill vorbeigefahren wurde, den Zylinder zu lupfen.

Alles das ist längst vorbei. Von Brexit-England gar nicht zu reden. Wird es für Hamburger Ausnahmen geben für die Visumspflicht? Steht es wenigstens auf der Tagesordnung? Egal, jedenfalls kann es noch heute passieren, dass ein Geplauder mit einer perlendekorierten Hamburgerin (sprich: "Elbschnepfe") nach wenigen Minuten auf die Frage zusteuert, ob man denn als Kind auch in der "Kinders-tube" ausgestattet wurde. Wehe, wenn nicht. Dann gehört man nicht dazu. Andererseits, wer tut das schon, in einer Stadt, in der seit Jahrhunderten eine kleine Armee von Familien den Ton angab. Oberbegriff: "Eigendünkel". Der Eigendünkel will Upper-Class-Grenzen markieren und hat dazu viele Ausdrucksweisen, eine der ganz besonderen ist dieser Gestus englischer Hochnäsigkeit. Noch so ein blöder Irrtum, weil sich ja der Engländer gerne im Gestus der Selbsterniedrigung inszeniert, immerzu sorry, sorry, sorry, in England ist es ja die extensiv betriebene, ausgefeilte Höflichkeit, die gute Manieren signalisiert. Wie heißt es auf Twitter: "Wurde im Laden für den Angestellten gehalten. Gab mir alle Mühe, hilfreich zu sein."

Will man verstehen, wie das alles so gekommen ist, die hanseatische Obsession mit dem Englischen, wieso heute noch die Söhne gerne ausquartiert werden in die nicht geheizten Schlafsäle englischer Internate und den Töchterchen beim Abi-Wunsch nichts anderes einfällt als ein chromblitzender Mini (ein Auto, das in England meist im Zustand fortgeschrittener Verrostung und Vermüllung von alten Tanten gefahren wird), warum Muttis im Range Rover zum Markt kutschieren und dort im rauen Camilla-Sound "diese beiden Kübel Lilien!" ordern, muss man weit zurückgehen. Bis 1266, da gewährte King Henry III den Hamburgern eine eigene Handelsvertretung in London. Dann, 15. Jahrhundert: der Glücksfall. Als Religionskriege Antwerpen für den englischen Handel zum unsicheren Kandidaten machten, schwenkte man auf Hamburg um. Hamburg wurde zum Einfallstor für den gesamten englischen Warenhandel mit Europa – über Hamburg ging es nach Frankfurt und Nürnberg, nach Österreich und Ungarn.

Englische Kaufleute errichteten ihre Filialen an der Alster. Umgekehrt war London der Sehnsuchtsort der jungen Hamburger Kaufmannschaft. Die Hauptstadt des größten Reichs der Welt! Die mächtigste Kapitalmacht der Welt! Das Zentrum der Künste und der Technik. Die großen Familien errichteten in London ihrerseits Dependancen, die Söhne wurden dorthin für ihre Lehrjahre abkommandiert, und wenn sie zurückkamen, trugen sie womöglich zum Dinner Frack. Wie echte Londoner! Man nannte es die "Hamburger Politur".

Gelegentlich lagen im Hafen mehr Schiffe unter englischer als unter Hamburger Flagge. In einigen Straßen Londons, notierten Reisende, höre man mehr Deutsch als Englisch. Und umgekehrt, in den großen Hamburger Häusern kamen Reisende aus dem Staunen nicht heraus: "Man spricht englisch, man ist englisch gekleidet, man gähnt und flucht englisch." Sogar das neue schicke Abwassersystem kam aus England, gebaut von einem Ingenieur aus Croydon. Die Ladys der Oberschicht benannten ihre Babys nach Figuren aus englischen Romanen.

Es lief auf Konsolidierung hinaus. Die englische Kultur kennt natürlich Draufgänger, Tom Jones etwa, den Helden von Henry Fielding. Oder Robin Hood, den linken Aufwiegler. Vivienne Westwood, die Unverfrorene. Aber in Hamburg galt stets: eher Tweed aus Schottland als Latex aus der King’s Road. In Hamburg haben sich die Beatles erfunden, aber Punk wurde nicht heimisch, es setzte sich eher Pomp and Circumstance durch. Nie sieht man es schöner als auf den alljährlichen "British Days", die neuerdings zeittypisch "British Flair" heißen und die in einem "Open Air Proms Concert" kulminieren, benannt nach dem jährlichen Spektakel in der Londoner Royal Albert Hall.

Location? Polo-Club, wo sonst. Einstimmung: durch den Wettergott. Selbst in diesem glühenden Sommer des Jahres 2018, in dem sich die Sonne über Monate hinweg verausgabte wie sonst nur in Griechenland, ist der er gnädig und schickt, punktgenau für diese eine Nacht, eine Kaltfront mit Regen.

Auf dem sattnassen Rasen stehen weiße Zelte, im Angebot sind englische Wachsjacken, Orangenmarmelade und sehr unaufgeregte Hüte. Klassiker ist die Parade der Oldtimer. Vorn zwei Morris Minor in den Farben duckblue und canary yellow, dahinter ein polierter Bentley aus den Beständen eines Bankers im vorgezogenen Ruhestand. Er trägt natürlich Weste und handgenähtes Schuhwerk aus karamellfarbenem Leder. Im Mittelfeld sieht man fette Typen, die Tanktops tragen und mit tätowierten Armen eimerförmige Betongewichte über Latten schleudern, das sind die Highlander Warriors vom Niederrhein.

Im Hintergrund jagen die strammen Körper einer Jack-Russell-Bande im Wettrennen über das Grün, bis sie sich vor Eifer überschlagen. Die "Pipes & Drums"-Fraktion des FC St. Pauli kommt in wippenden Schottenröcken daher und spielt ein Eins-a -Amazing Grace, bis einem die Tränen kommen. Vor dem Fish-and-Chips-Zelt hat sich eine kilometerlange Schlange gebildet. Dann, endlich, wird es Abend. Es fängt an zu tröpfeln.

Man sieht jetzt Menschen, die Fox-Chairs aus dem Seglerbedarf auffalten und um Campingtische aufbauen. Bevor sie darauf Platz nehmen, werden Decken um die Körper festgezurrt, bis das Ganze wirkt wie eine Party von überdimensionalen Wickelbabys. Plastikkelche sind zu verschrauben. Schampusflaschen ploppen, Plastikdosendeckel schnalzen – und Nasen hoch! Tusch! Läääänd of Houp änd Glooooori! "Singen Sie mit!", ruft der Dirigent. "Aber machen Sie um Gottes willen die Taschenlampen aus! Stecken Sie die Spickzettel weg, Sie können doch den Text!" Und ob. "Rule Britannia! Britannia rules the waves! And nevanevaneva will be slave!!!!"

Der Mond bricht durch und beäugt ein Meer von wogenden Wunderkerzen.

Es ist ein Irrsinn. Oder, wie eine Engländerin es sagt, "ein wenig skurril". Es ist, inmitten der feinsten Gegend von Hamburg, ein Hauch von Remmidemmi. Und schon zu Ende. Eiliger Abgang alle. Ich wünsche meinen Nachbarn eine gute Nacht. Wie unbedacht! Ich ernte natürlich den hanseatisch typischen Eisesblick.

Jaja. Ein paar Jahrhunderte lang den Engländer spielen, aber was hat’s geholfen? Man möchte daran erinnern, dass selbst während der Terrorattacke auf die Londonder U-Bahn, als das Licht flackerte und alles schrie, dieser eine Gentleman zu seinem Nachbarn sagte: "Unter diesen Umständen sollte ich mich erst einmal vorstellen ..." Beherzte elegante Liebenswürdigkeit! Aber das Herz von Hamburg ist ein zentral gelegener kühler See. Und auch wenn im Sommer gelegentlich weiße Segelzipfel wie ausgelassen über ihn hin- und herfliegen, so bleibt doch die britische Distinktion in Hamburg eine sehr ernsthafte, eine Art Chefsache, und ist jedenfalls kein Spaß. Höchstens für zuschauende echte Engländer.

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