Ewald Lienen "Zum beruflichen Erfolg gehört auch ein funktionierendes Privatleben"

Der Fußballtrainer Ewald Lienen fühlte sich von seinem Beruf aufgefressen, seine Frau brachte ihn auf eine Idee. Von
Aus der Serie: Das war meine Rettung ZEITmagazin Nr. 44/2018

ZEITmagazin Hamburg: Herr Lienen, Sie haben den FC St. Pauli 2015 als Trainer vor dem sicher geglaubten Abstieg gerettet. Haben Sie damit die Stadt befreit?

Ewald Lienen: So hoch würde ich das nicht hängen. Aber den Stadtteil wahrscheinlich schon. Wenn du in die dritte Liga absteigst, wird das ein finanzieller Kraftakt und die direkte Rückkehr schwierig. Außerdem gehen Arbeitsplätze verloren. Das ist brutal. Die Mannschaft stand monatelang auf einem Abstiegsplatz. Am letzten Spieltag gegen Darmstadt war der Klassenerhalt wieder möglich.

ZEITmagazin Hamburg: Können Sie vor entscheidenden Spielen schlafen?

Lienen: Ja. Ich konnte ja was tun: die Mannschaft eine Woche lang vorbereiten, mit jedem einzeln reden, sie auf den Gegner einstellen. Ich gucke mir Spiele mehrmals in der Wiederholung an, um jeden Fehler zu verstehen. Damit versuche ich, auf alle Eventualitäten vorbereitet zu sein, und kann mir sagen: Ich habe alles getan.

ZEITmagazin Hamburg: Sie sind ein akribischer Arbeiter. Ist Ihnen das mal zum Verhängnis geworden?

Lienen: Es gibt drei Jahre in meinem Leben, über die meine Kinder sagen: Du weißt gar nicht, was da passiert ist, Papa. Das war Ende der Achtziger, Anfang der Neunziger. Ich habe bei Duisburg in der Zweiten Bundesliga gespielt, gleichzeitig die zweite Mannschaft trainiert und bin für den Verein durch Europa gereist, um mir potenzielle Neuzugänge anzuschauen. Morgens um acht ging ich aus dem Haus, nachts um eins kam ich zurück. Ich war wie im Wahn und habe meine Familie auf eine harte Probe gestellt.

ZEITmagazin Hamburg: Wie sind Sie da rausgekommen?

Lienen: Durch Hilfe. Meine Frau hatte als Sozialpädagogin in einem Behindertenheim gearbeitet, wo es regelmäßig Supervisionen gab: Jemand kam von außen, setzte sich mit den Mitarbeitern zusammen und redete über ihre Arbeit. So einen Supervisor habe ich mir dann auch geholt.

ZEITmagazin Hamburg: Was hat der gemacht?

Lienen: Geordnet. Das konnte so nicht weitergehen. Das hätte mich aufgefressen. Denn zum beruflichen Erfolg gehört auch ein funktionierendes Privatleben. Ich habe ganz langsam gelernt, alles miteinander zu vereinbaren: Familie, Beruf, Freizeit. Seitdem habe ich immer wieder mit Mentoren und Supervisoren zusammengearbeitet. Dazu habe ich noch sehr viel gelesen. Den Amerikaner Stephen Covey. Der hat in den Siebzigern, 200 Jahre nach Gründung der USA, die gesamte Literatur des Landes zu den Themen Motivation und beruflicher Erfolg durchforstet. Das Ergebnis war: In den letzten 50 Jahren ging es darum, wie man sich am besten verkauft. In den 150 Jahren davor waren Charaktereigenschaften wie Zuverlässigkeit, Ehrlichkeit, Treue und Respekt voreinander ausschlaggebend. Die menschlichen Werte eben.

ZEITmagazin Hamburg: Was hat das mit Ihrer Arbeit als Fußballtrainer zu tun?

Lienen: Ich glaube daran, dass man sich Erfolg verdienen und erarbeiten kann, indem man positive Charaktereigenschaften zeigt und menschliche Werte und Prinzipien beachtet. Darüber hinaus ist es wichtig, mit den Spielern gemeinsam etwas zu entwickeln. Ich kann ihnen sagen, was sie zu tun oder zu lassen haben, weil ich die Macht dazu habe. Aber die Umsetzung auf dem Platz erfolgt nicht mit der gleichen Motivation, als wenn wir es gemeinsam erarbeitet hätten.

ZEITmagazin Hamburg: Sie erwarten, dass viel von den Athleten selbst kommt.

Lienen: Du hast als Trainer ein großes Problem, wenn die Spieler nicht von sich aus wollen. In meinen Anfangsjahren als Trainer hatte ich mal einen Tobsuchtsanfall. Ich bin in eine Stuhlreihe reingegrätscht, ein Stuhl flog einem meiner Spieler ans Bein, der humpelte dann aufs Feld. Da konnten die Spieler sehen, dass ich hoch motiviert war. Das heißt aber noch lange nicht, dass sich das auf sie überträgt.

ZEITmagazin Hamburg: Was geben Sie den Spielern mit?

Lienen: Dass ihr Verhalten in positiver wie in negativer Hinsicht für sie selbst, aber auch das gesamte Team Konsequenzen hat. Wenn jemand nur säuft und raucht, seine Frau betrügt und den Schiri beleidigt, hat das nicht nur Auswirkungen auf ihn. Bei diesen Spielern habe ich vor versammelter Mannschaft alle Register gezogen. Da laufe ich zur Höchstform auf: Wenn du so lebst, wirst nicht nur du bestraft. (fängt an zu brüllen) Sondern auch wir! Als Mannschaft! Wir wollen damit nichts zu tun haben! Überleg dir das, ob du so weitermachen willst! (spricht ruhig weiter) Nach erfolgter Läuterung haben wir diese gefallenen Seelen wieder in unseren Kreis aufgenommen. (lacht)

Das Gespräch führte Kilian Trotier, 34, Ressortleiter des Hamburg-Teils der ZEIT. Er kann sich nach diesem Interview sehr gut vorstellen, wie eine Kabinenansprache bei Ewald Lienen klingt

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