© Herlinde Koelbl

Farah Diba Pahlevi "Gerettet hat mich mein Charakter"

Ihr Pflichtbewusstsein half Farah Diba Pahlevi, der Witwe des Schahs, nach dem Freitod zweier ihrer Kinder. Interview:
Aus der Serie: Das war meine Rettung ZEITmagazin Nr. 44/2018

ZEITmagazin: Eure Hoheit, als dritte Ehefrau des Schahs haben Sie den lang erwarteten Thronfolger zur Welt gebracht. Sie waren modern erzogen worden und haben sich als Herrscherin für die Rechte der Frauen eingesetzt. Warum?

Farah Diba Pahlevi: Mein Mann wollte den Iran modernisieren, dafür hat er vor allem die Rechte der Frauen erweitert. Frauen durften seit 1963 wählen und gewählt werden. Die Polygamie wurde verboten. Frauen konnten auch die Scheidung einreichen und verloren dadurch nicht mehr automatisch das Recht auf ihre Kinder. Nach unserer Vertreibung durch die Islamische Revolution wurden den Frauen viele dieser Rechte wieder genommen. Richterin Shirin Ebadi, die den Friedensnobelpreis erhielt, setzte der Revolutionsrat mit der Begründung ab, Frauen seien nicht weise genug.

ZEITmagazin: 1979 waren die revolutionären Unruhen so stark, dass Sie und der Schah flohen. Haben Sie sich nie gefragt, ob Sie etwas falsch gemacht hatten?

Diba Pahlevi: Natürlich. Doch es bringt nichts, über Vergangenes zu spekulieren. Ehrlich gesagt denke ich, dass ich getan habe, was ich konnte. Mein Mann hat den Iran wirklich vorangebracht. Wichtig ist, wie die Menschen jetzt nach 40 Jahren über uns denken. Sie sagen: Möge Licht auf sein Grab fallen. Weil sie es jetzt begreifen. Manchmal, wenn mich Landsleute auf der Straße erkennen, kommen sie zu mir, umarmen und küssen mich.

ZEITmagazin: Der Revolutionsrat unter Chomeini ließ viele Menschen foltern und hinrichten. Aber auch unter dem Schah tötete die Geheimpolizei Savak politische Gegner und inhaftierte laut Menschenrechtsorganisationen Tausende. Wo ist da der Unterschied?

Diba Pahlevi: Die Presse schrieb, dass wir Tausende gefangen hielten, das war eine Lüge. Die Savak hat nur diejenigen eingesperrt, die den Schah oder andere Menschen töten wollten. Einige haben es vielleicht übertrieben. Aber warum wurde nicht ausführlicher darüber berichtet, was unter Chomeini alles im Iran passierte? Mein Mann förderte die Menschen im Iran und öffnete das Land langsam. Leider waren die Feinde da schon besser organisiert als wir.

ZEITmagazin: Auf der Flucht erkrankte Ihr Mann schwer, er wollte in New York operiert werden. Nachdem US-Präsident Carter Sie einreisen ließ, besetzten revolutionäre Kräfte in Teheran die US-Botschaft und nahmen Geiseln. Hatten Sie Angst, an den Iran ausgeliefert zu werden?

Diba Pahlevi: Sie stellten uns ein Flugzeug, um uns nach Ägypten zu bringen. Auf den Azoren stoppten wir, und es ging ewig nicht weiter. Mein Mann hatte Fieber, und ich fragte den Piloten, warum es so lange dauere. Er sagte irgendetwas von einer fehlenden Starterlaubnis. Später enthüllte ein amerikanischer Journalist, dass in diesen Stunden Hamilton Jordan, Carters politischer Berater, mit dem iranischen Außenminister über unsere Auslieferung verhandelt hatte: Wenn Sie die Geiseln befreien, schicken wir das Flugzeug. Können Sie sich das vorstellen? Ich habe dafür auf sie herabgesehen. Glücklicherweise waren Ferien im Iran, sie konnten nicht das gesamte Revolutionskomitee erreichen und so nichts entscheiden.

ZEITmagazin: Sie bekamen Asyl in Ägypten, Ihr Mann starb dort wenige Monate später, und Ihr ältester Sohn Reza bestieg symbolisch den Thron. Er zog später in die USA und kaufte ein Haus für Sie in seiner Nähe. Wie kamen Sie mit Ihrem neuen Leben zurecht?

Diba Pahlevi: Ja, wenn du 20 Jahre in einem Palast gelebt hast, ist das ein ganz anderes Leben. Es war das erste Mal, dass ich einen Schlüssel zum Haus hatte. Ich musste selbst einkaufen gehen und die Sachen nach Hause tragen. Das war neu. Ich meine, ich war Kaiserin, und jetzt musste ich mein Gepäck selbst zum Flughafen bringen und Gürtel und Schuhe an der Sicherheitskontrolle ablegen. Das bringt mich immer noch zum Schmunzeln.

ZEITmagazin: Leila, Ihr jüngstes Kind, beging 2001 in einem Hotel in London Selbstmord. 2011 hat sich Ihr anderer Sohn, Ali Reza, erschossen. Was rettete Sie damals?

Diba Pahlevi: Es war und bleibt eine Wunde in meinem Herzen. Ich stand vor der Wahl, mich zu erschießen oder weiterzumachen. Beruhigungsmittel vertrage ich leider nicht. Also machte ich weiter. Am Ende des Tages ist man immer auf sich allein gestellt. Gerettet hat mich mein Charakter. Nach alldem immer noch zu lächeln und nicht negativ zu werden ist sehr wichtig. Ich will keine Bitterkeit in mir behalten. Es ist meine Pflicht, stark zu bleiben, für meine Kinder und auch für meine iranischen Landsleute, die zu mir aufschauen.

Das Gespräch führte Herlinde Koelbl. Sie ist Fotografin und gehört neben dem Psychologen Louis Lewitan, Evelyn Finger, Anna Kemper, Ijoma Mangold, Christine Meffert und Khuê Phm zu den Interviewern unserer Gesprächsreihe

Kommentare

2 Kommentare Kommentieren

Was, um alles in der Welt, veranlasst das ZEIT-Magazin in Zeiten, in denen ein differenzierter Blick auf den Iran ganz besonders nötig ist, an prominenter Stelle ein solches Interview zu veröffentlichen? War es die Absicht, die Ex-Kaiserin in ihrer unglaublichen Schlichtheit, Ignoranz und Larmoyanz bloßzustellen? Das wäre wohl gelungen!

Für alle jedoch, die heute unter ganz anderen Bedingungen im Iran leben und ihren Widerstand gegen das Unterdrückungsregime unter Einsatz Ihres Lebens aufrechterhalten, ist das purer Zynismus. Wer fragt nach deren Rettung? Sicher nicht eine Person, die nicht „über Vergangenes spekulieren“ will (die Opfer des Schah-Regimes sind nicht spekulativ sondern real), sondern darauf bedacht ist, als charakterstarke lächelnde Ikone für vormaligen Untertanen erhalten zu bleiben.
Ulrich Frohnmeyer, Berlin

Lieber Herr Frohmeyer, Ihrer Bewertung der Aussagen der Interviewten stimme ich überwiegend zu. Trotzdem ( oder gerade deshalb ) ist das Interview notwendig, um besser zu verstehen, was im Iran geschehen ist und geschieht. Dass das jetzige Regime die Rechte der Frauen verletzt und Menschenrechte mit Füßen tritt, ist jedenfalls Fakt, entschuldigt aber nichts von dem, was vorher war.

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