© Bartosz Ludwinski

Flucht und Migration Weit gegangen

Sie durchquerte halb Europa zu Fuß. Heute singt die Syrerin Heva Osman in einem Chor der Elbphilharmonie. Wie hat sie es geschafft, hier anzukommen? Von

Während die Felder und Dörfer Norddeutschlands vor dem Zugfenster vorbeifliegen, fragt sich Heva Osman, was sie wohl erwarten wird nachher im Schloss Bellevue. Wird sie etwas sagen müssen vor dem Bundespräsidenten? Das wäre "voll peinlich", sagt sie. Wird sie singen dürfen für ihn? Das wäre "das Coolste, was man machen kann".

Drei Jahre und einen Monat ist es an diesem Tag Ende Juni her, dass Norddeutschland zum allerersten Mal an Heva Osman vorbeiflog. Damals hatte sie keine Einladung mit goldgeprägtem Bundesadler in der Handtasche, sondern vom tagelangen Gehen völlig zerfetzte Turnschuhe an den Füßen. Und sie sah nichts von Norddeutschland, nicht die Felder, nicht die Wäldchen, nicht die Backsteinhäuser. Sie war vor Erschöpfung eingeschlafen, kaum dass sie in München im Zug saß. Erst am Hamburger Hauptbahnhof wachte sie wieder auf.

Ein Freund holte Osman, ihre Mutter und ihren Bruder vom Bahnhof ab, sie aßen etwas in der Europa-Passage, dann setzten sie sich für ein paar Minuten an den Jungfernstieg. Heva Osman sah sich um, sah die Binnenalster, die Alsterfontäne, kein Meer, darüber einen grau bewölkten Himmel, und fragte sich: Das soll Deutschland sein? "Ich weiß, das klingt ein bisschen dumm", sagt sie heute, "aber ich dachte: In Griechenland haben alle gesagt, in Deutschland ist es besser, aber hier sieht es nicht so schön aus wie in Griechenland."

Inzwischen mag sie die Stadt, die sie sich auf ihrem gebrauchten Fahrrad erschlossen hat. Ihre Lieblingsorte: der Stadtpark, Planten un Blomen, die Dove-Elbe, die Fischbeker Heide, das Alte Land. Sie hat einen weiten Weg zurückgelegt – erst um nach Deutschland zu kommen, dann um hier anzukommen.

Gäbe es eine Auszeichnung für Deutschlands vorbildlichsten Flüchtling, Heva Osman hätte gute Chancen, sie zu gewinnen. Sie spricht Deutsch, als wäre sie als Kind ins Land gekommen, flüssig, fast fehlerfrei. Sie, die zweieinhalb Jahre lang nicht zur Schule gehen konnte, hat inzwischen die mittlere Reife, besucht eine Stadtteilschule, im letzten Zeugnis hatte sie neun Einsen, 2020 will sie ihr Abitur machen. Seit vergangenem Jahr bekommt sie ein Begabten-Stipendium für Schüler aus unterprivilegierten Familien. Und sie singt im Chor zur Welt mit, einem Projekt der Elbphilharmonie mit 60 Laien aus 15 Ländern. Das hat ihr die Einladung nach Berlin eingebracht.

Wie schafft sie all das? Und wie geht ihre Familie damit um, ihre Mutter, die sich viel schwerer tut mit dem Ankommen, dem Deutschlernen und dem Freunde-Finden und die akzeptieren muss, wie die alte Mutter-Tochter-Beziehung auf den Kopf gestellt wird?

Ein Samstag Ende Juni, ein paar Tage vor Osmans Zugfahrt nach Berlin. Buntes Gewusel auf der Plaza der Elbphilharmonie. Eine Gruppe sehr hanseatisch aussehender älterer Herren, durch Aufnäher auf den dunklen Sakkos als Polizeichor Hamburgs identifizierbar, verlässt die kleine Bühne. Es ist die Lange Nacht des Singens. Jetzt ist der Chor zur Welt dran, die Sänger und Sängerinnen nehmen auf der Bühne Aufstellung, viele zappeln herum, zupfen an ihrer Kleidung. Heva Osman steht ganz vorn, sie trägt eine weiße Rüschenbluse, einen langen dunklen Rock, hohe Schuhe, ihre langen schwarzen Haare und ihr Pony bilden einen Rahmen um ihr Gesicht. Sie wirkt ruhig. Nein, sie sei nicht nervös, heute singe sie ja kein Solo, hat sie schon auf dem Weg hierher gesagt, auf der geschwungenen Rolltreppe, die außer ihr staunende Touristen in die Elbphilharmonie befördert. Für Osman ist das Gebäude vertrautes Terrain, jeden Montag probt sie hier. Der Chor singt jetzt ein arabisches Liebeslied, dann ein kurdisches und ein türkisches. Zwei Musiker begleiten ihn auf einer Oud, einer Laute, und einer Kanoun, einer orientalischen Zither. "Schön!", schwärmt eine ältere Frau im Publikum.

Nach ihrem Konzert fällt Heva Osman einer Freundin in die Arme. Gemeinsam mit Osmans Bruder hören die Mädchen noch dem nächsten Chor zu, dann ziehen sie in Richtung des Kleinen Saals, wo ebenfalls gesungen wird. Auf der Treppe legen sie einen Fotostopp ein, die Freundin wirft sich dafür in Pose, das Bein angewinkelt. Heva bleibt einfach gerade stehen und blickt direkt in die Kamera.

Bittet man Heva Osman, von ihrer Kindheit in Aleppo zu erzählen, dann ist sie ein bisschen ratlos. Was soll sie erzählen? Es sei alles "ganz normal" gewesen. Ihre Mutter arbeitete als Kosmetikerin und gab Grundschülern Nachhilfe, Heva und ihr Bruder gingen in die Schule. Ihre Nachmittage verbrachte sie meist mit ihren beiden älteren Cousinen.

Heva Osman ist elf Jahre alt, als die Demonstrationen gegen das syrische Regime beginnen, aus denen sich ein Aufstand und schließlich ein Bürgerkrieg entwickelt. Die Konflikte beginnen in Daraa, in Hama, in Homs, Osman sieht die Bilder in den Nachrichten, so wie sie auch Bilder aus anderen Ländern sieht. Mit ihr selbst scheint das alles nicht viel zu tun zu haben. Zur gleichen Zeit trennen sich ihre Eltern, die Mutter kauft eine Wohnung im fünften Stock eines Hochhauses in der Innenstadt von Aleppo, zieht mit den beiden Kindern dorthin, nicht ahnend, dass sie nur ein Jahr bleiben werden. Osman ist zwölf, als erstmals eine Bombe in Aleppo explodiert. Sie denkt zuerst an ein Erdbeben, alles wackelt, kein Lärm.

Sie ist gerade 13 geworden und hat Sommerferien, als die Explosionen immer häufiger werden. Das Hochhaus, in dem die Familie wohnt, liegt zwischen einer Stellung der Regierungsarmee und einer der oppositionellen Freien Syrischen Armee. Einmal, erzählt Osman, will sie gerade auf den Balkon treten, da hört sie einen Knall, die Druckwelle einer Bombe, die vor dem Haus landet, schleudert sie in die Wohnung zurück. Bei dem Angriff stirbt der Nachbar von unten, der gerade vor dem Haus unterwegs war. Seine Frau, die auf dem Balkon gestanden hatte, wird von Splittern schwer verletzt.

All das erzählt Osman einige Wochen nach der Zugfahrt nach Berlin auf der Terrasse eines Cafés am Jungfernstieg, nicht weit von jener Stelle, an der sie an ihrem ersten Tag in Hamburg saß. Es hat etwas Irreales, hier zu sitzen, mit Blick auf Schwäne und Selfie-knipsenden Touristen, und über Bomben und Todesangst zu sprechen. Manchmal fragt sich Osman selbst: Ist mir das alles wirklich passiert? War es nur ein Albtraum?

Im Laufe der Monate, so erzählt sie, flüchten Freunde, Verwandte und Nachbarn. Heva, ihre Mutter und ihr Bruder verlassen die Wohnung nur noch gemeinsam – wenn schon sterben, dann alle zusammen. Als es kaum noch Wasser, Essen, Strom gibt, das Hochhaus fast leer steht und die Kämpfe immer heftiger werden, da ergreifen auch sie die Flucht. Erst nach Latakia an der Küste, dann nach Afrin im Norden Syriens und schließlich in die Türkei. Nur zwei Koffer nehmen sie mit, sie gehen davon aus, dass sie irgendwann zurückkommen werden.

Die gefährliche Fahrt über das Mittelmeer, sagt Osman, sei noch der einfachste Teil ihrer Flucht gewesen. Nur 45 Minuten dauerte sie – die verbringen sie allerdings auf einem völlig überfüllten Schlauchboot, ohne Schwimmwesten, weil der Schmuggler die Familie betrogen hatte. "Ich dachte", sagt Osman, "wir sterben jetzt auf jeden Fall."

Nach zwei Tagen in einem griechischen Flüchtlingslager fahren sie bis Thessaloniki, marschieren dann zwölf Stunden lang Richtung Mazedonien. Polizisten bieten ihnen an, sie das letzte Stück zur Grenze zu fahren, und bringen sie stattdessen nach Thessaloniki zurück. Erst beim zweiten Versuch am nächsten Tag – es ist Heva Osmans 16. Geburtstag – schaffen sie es über die Grenze. Sie durchqueren Mazedonien fast komplett zu Fuß, in einem Wald gehen um vier Uhr nachts Lichter an, jemand schreit "Stop, police!". Männer mit Sturmmasken und Waffen trennen Osman und ihre Mutter vom Bruder und den anderen Männern, mit denen sie unterwegs sind. Die Frauen haben Angst. Sie sind froh, als die Maskierten nur money verlangen.

Auch in Serbien gehen sie zu Fuß, es regnet, der Boden ist matschig, sie sehen eine alte Frau, die auf dem Weg gestorben ist. In Ungarn taucht, wieder in einem Wald, die Polizei hinter ihnen auf, die Jungs in ihrer Gruppe treiben sie an: Lauft, bitte ganz schnell! Die Mutter ist die Älteste von allen, Heva ist auch eher langsam. "Wir hielten die ganze Gruppe auf", sagt sie. "Aber die Jungs haben uns nicht im Stich gelassen." Die Gruppe versteckt sich in den Büschen, bis die Polizei abzieht. Dorfbewohner chauffieren sie dann für Geld nach Budapest. Am nächsten Tag bringen Schlepper sie in einem fensterlosen Transporter nach Passau, von dort fahren sie mit dem Zug weiter nach Hamburg.

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