"Der goldene Handschuh" Über den "Jack the Ripper" von Hamburg

© Illustration: Line Hoven

Fritz Honka war vermutlich der spektakulärste und widerlichste Serienmörder Hamburgs. Er tötete in den 1970er-Jahren vier Frauen, dem Leben verloren gegangene Prostituierte auf St. Pauli. Er gabelte seine Opfer in Kneipen auf, deren Fußböden in ähnlichem Zustand waren wie die Menschen, die an den Theken saßen: abgetreten, verklebt und definitiv zu viel Scheiße gesehen. Honka betrank sich mit den Frauen, nahm sie mit nach Hause, es wurde weitergetrunken, und dann mussten die Frauen sterben. Er zersägte ihre Leichen und bewahrte die Teile zu Hause in Schränken auf. Als all das entdeckt wurde, kamen furchtbare seelische Kaputtheiten zum Vorschein. Honka hat auf St. Pauli einen ähnlichen Eindruck hinterlassen wie Jack the Ripper in London.

Jetzt hat Fatih Akin damit begonnen, die Geschichte auf die Leinwand zu bringen, den ganzen Sommer über wurde Der Goldene Handschuh gedreht. Nach dem Roman von Heinz Strunk, der mit großer Empathie von den Figuren erzählt, Honka, seinen Opfern, seinen Tresennachbarn und all den anderen beschädigten Menschen, die zu jener Zeit in den Kneipen am Hamburger Berg saßen – im Elbschlosskeller, im Hong Kong Hotel und eben im Goldenen Handschuh. Aus der Gesellschaft katapultierte Verlierer, manchmal gar nicht mehr so nah am Menschen dran, aber ob ihrer Menschlichkeit, die ja nicht einfach weggeht, auch nicht nah genug am Tier, um sich allein in den Wald zu legen und zu sterben. Irgendeine Art von Gemeinschaft braucht es eben, auch wenn sie gewalttätig und für alle Beteiligten toxisch ist. Schon als die ersten Gerüchte auftauchten, dass Fatih Akin sich des Stoffs annehmen würde, war St. Pauli ziemlich aufgeregt. Nicht weil ein Film gedreht werden sollte, denn Filme werden hier ja andauernd gedreht, und meistens nervt das eher. Aber in dem Fall war es vollkommen anders:

1. Akin ist in Altona aufgewachsen, ein Junge aus der Nachbarschaft.

2. Er erzählt mit Klarheit und Wucht, das kommt auf St. Pauli gut an.

3. Hollywood!

Alle fieberten darauf hin, dass es losgehen würde. Und als es dann losging, wussten wir, dass die Scheinwerfer, die in der Nacht im Viertel aufgebaut waren, uns nicht für die nächste Folge des Großstadtreviers blendeten, sondern für etwas Großes, das wirklich von diesem Stadtteil erzählen würde. Hin und wieder liefen wir nachts also nicht einfach möglichst schnell an den Filmteams vorbei, sondern blieben stehen und schauten, nachts schauen ist ja immer besonders schön.

Dann sickerte die Besetzung der Nebenrollen durch: Fatih Akin hatte Leute aus der Nachbarschaft gecastet. Damit sie Prostituierte, Abgestürzte und andere Nachtgestalten spielen. Und angeblich wurden die Rollen der Nachbarn im Laufe des Drehs immer größer, weil sie ziemlich gute Schauspieler waren. Es war ein buntes Durcheinander in jenen Wochen in unseren Straßen, toll anzusehen. Wie die schönsten Frauen mittleren Alters erst gegen Mittag aus den Betten gekrochen kamen – und alle wussten, was sie die Nacht über getan hatten: einen Film gemacht! Wie der große, randständige Typ, den alle so gern haben und der während der Dreharbeiten unter einem bösen Hexenschuss litt, noch mal eine Ladung Schmerz auf sein Gesicht packte und trotzdem lächelte, weil er offenbar glücklich war. So an eine Geschichte heranzugehen illustriert wunderbar, was das Besondere an St. Pauli ist: Wir machen es gemeinsam, mit Freundschaft, Respekt und intensivem Sichzusammenrotten.

Seit Jahren schreibt Simone Buchholz preisgekrönte Kriminalromane, die in Hamburg spielen. Im ZEITmagazin Hamburg erzählt sie von Kiezgrößen und kleinen Leuten.

Kommentare

0 Kommentare Kommentieren