Harald Martenstein Über gefährliche Patienten

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Aus der Serie: Martenstein ZEITmagazin Nr. 44/2018

Ich wohne in der Nähe des Urban-Krankenhauses in Berlin. Wenn das Nachtleben in den Morgenstunden seine zahlreichen Höhepunkte erreicht, soll man in der Notaufnahme des Urban Szenen erleben können wie sonst nur im Kino. Dem Beitrag eines Notarztes habe ich entnommen, dass Schnittwunden und Überdosen jeder nur denkbaren Droge alltägliche Herausforderungen sind. Es gibt für allzu nervöse Patienten Fixierbetten, obwohl nicht wenige bereits Handschellen tragen, wenn sie eingeliefert werden. Der Ausdruck "Ich mach dich Urban" ist sogar in die Kiezsprache eingegangen. Wenn ein Berliner Gesprächspartner "Ich mach dich Urban" sagt, ist dies kein gutes Zeichen. Sie sollten besser nicht auf das korrektere "Ich mach Sie Urban" bestehen.

Weil man bei Fachärzten erst Monate später Termine kriegt, gehen wir bei akuten Sachen oder am Wochenende in diese Notaufnahme, allerdings meiden wir den frühen Morgen. Ich bin das letzte Mal nicht drangekommen, aber der Anblick von Menschen, denen es schlechter geht als mir, hat auf mich eine heilende Wirkung. Außer mir waren unter anderem Patienten mit offenen Beinen da, ein Kind mit einer blutenden Kopfwunde und ein alter Mann, der mit rollenden Augen auf und ab lief und regelmäßig "Kastrieren! Alle kastrieren!" schrie. Nach vier Stunden Wartezeit waren meine Beschwerden verschwunden. Mein Körper hatte infolge der Umgebung sämtliche Reserven mobilisiert und die Krankheit besiegt. Wer schreibt den Bestseller "Heilen durch Warten"?

Jetzt stand was über einen Hilferuf der Notärzte in meiner Zeitung. Ungeduldige Patienten im Urban würden immer häufiger "Ich stech dich ab" in das Gespräch einfließen lassen oder "Ich warte auf dich, bis du Schluss hast". Ein Mitarbeiter wurde bereits niedergestochen, eine Mitarbeiterin wurde nach der Blutabnahme ohne erkennbaren Anlass krankenhausreif geschlagen, zum Glück war sie bereits im Krankenhaus. Die Ärzte fordern, dass sie rund um die Uhr von Security beschützt werden, nicht nur nachts.

Wir haben einen neuen Trend, die Urbanisation des Gesundheitswesens. Laut Ärzteblatt gibt es in Deutschland inzwischen täglich 75 Gewaltakte gegen Ärzte, verbale Angriffe werden nicht mitgezählt. Jeder vierte Arzt sei schon Opfer von Patientengewalt oder sexuellen Übergriffen geworden. Die These, dass fast nur Männer gewalttätig sind, scheint auf den neuen Patiententypus nicht zuzutreffen. Das Ärzteblatt weiß auch von aggressiven Müttern, die sich mit Tritten auf den Kinderarzt stürzen. In Brandenburg bietet die Kassenärztliche Vereinigung deshalb einen Selbstverteidigungskurs an. Es gibt auch wertvolle Tipps: In der Praxis sollte hinter dem Tresen immer eine Schale mit Vogelsand stehen, den man gewalttätigen Patienten ins Gesicht werfen könne, dies sei wirksamer als Reizgas, und es schont den friedfertigen Teil des Patientenguts. Der Arzt sollte seinen Tisch so aufstellen, dass ein Fluchtweg zur Tür frei ist. Ein Gutes hat diese Entwicklung immerhin, für Autoren von Arztserien tut sich ein neues Themenspektrum auf.

Die Bandenkriege werden in den Berliner Notaufnahmen für noch mehr Action sorgen. Bei uns um die Ecke war kürzlich diese Schießerei, angeblich war Nidal R. beteiligt, Berlins berühmtester Intensivtäter. Sie wollten ihn abschieben, aber der Libanon mochte ihn auf keinen Fall zurückhaben. Kurz nach der Schießerei fiel er selbst im Bandenkrieg. Jetzt dürfte der Bandenkrieg noch härter werden, so wird befürchtet. Die Parole "Nie wieder Krieg!" können wir also erst mal vergessen.

Diesen Artikel finden Sie als Audiodatei im Premiumbereich unter www.zeit.de/audio

Kommentare

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Und was singen „Die urbanen ÄrztInnen“ dazu?

Man sieht stets in der Notaufnahme
sportlich versehrte Herr‘n mit wirrem Blick,
als folgten sie der Großklinik-Reklame,
in den Pupillen steht starr: Gesundheitsknick.

Die Krankenhaltung erwachs‘ner Wesen
ist trivialer, als so mancher glaubt:
„Kann Personal nicht an mir lesen,
was Krieg und Liebe mir geraubt?!“

Machos und Mütter sind das nackte Grauen,
wie sie uns stundenlang auf die Kittel schauen
und nicht mal halben Göttern vertrauen
und am liebsten an den Frauen ihren Frust abbauen.

Denn nur Super-Egos ist zuzutrauen,
daß sie uns zu gerne die Nacht versauen,
wenn ihr Leiden wächst bis zum Morgengrauen -
nur die Warmduscher werden früher abhauen.

Im Hormonstau liegen sie mittags in den Betten -
erst nachts werden sie mal auf den „Urban“ gehen.
Dann schwärmen sie aus – man kann d’rauf wetten -;
schließlich woll‘nse uns bei der Arbeit sehen.

Und wehe, wenn wir mit Streusand drohen,
das verleiht ihm Kick, dem lieben Messer.
Man tobt sich irre unter Tretheroen.
Wenn and’re schrei’n, geht’s dem schon besser.

Denn kranke Menschen sind das nackte Grauen,
sie drehen durch, wenn wir lange auf Fremde schauen.
Denen fehlt etwas, nämlich Grundvertrauen.
Da reicht’s nicht, wenn wir‘n Haus ausbauen.

Nicht länger nachts nur kaspern alte Herzen,
auch die Manieren liegen schwer danieder.
Was macht man bloß mit Psychoschmerzen,
wenn Irresein greift über auf die Glieder?