© Illustration: Christina Gransow

Helmut Schmidt Die Hochschule für Musik und Theater

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Zwei Treppen sind es von Elmar Lampsons holzgetäfeltem Präsidentenbüro im ersten Stock hinunter ins Magazin der Hochschule für Musik und Theater Hamburg. Hier unten, im Souterrain der herrschaftlichen Villa am Harvestehuder Weg, verbirgt sich ein kleiner Schatz. Alphabetisch geordnet reihen sich die Schallplatten mit klassischer Musik von Helmut und Loki Schmidt. Viele aufwendig gestaltete Kassetten: Haydns Schöpfung etwa, Beethovens Fidelio, Bruckners Sinfonien, Schuberts Winterreise, Brahms’ Deutsches Requiem. Daneben Hunderte von Einzelaufnahmen. Alles alte Vinylplatten, keine einzige CD. Manches Cover trägt eine Widmung. Auf der Plattenhülle einer Aufnahme von Mahlers 4. Sinfonie etwa steht in schwungvoller Schrift: "An Frau Schmidt. Grüsse + alles Liebe. Zubin Mehta, 1979."

Helmut Schmidt hatte sich im Frühjahr 2007 an seinen Freund Manfred Lahnstein gewandt, den früheren Bundesfinanzminister und späteren Professor für Kultur- und Medienmanagement an der Musikhochschule. Lahnstein möge doch bitte einmal fragen, ob die Musikhochschule seine Platten gebrauchen könne. Schmidt konnte seit Jahren keine Musik mehr hören, sein Gehör hatte mit zunehmendem Alter stark gelitten. Lange schon trug er ein Hörgerät. Musik nahm er, der Musikliebhaber, nur noch als Lärm wahr. Eine persönliche Tragödie.

Der Musikhochschule war das Ehepaar Schmidt seit Langem verbunden, beide waren gut bekannt mit deren Präsidenten Hermann Rauhe, dem Vorgänger Lampsons. Loki Schmidt hatte zu Rauhes Zeiten eine Konzertreihe begründet: "Musik im Botanischen Garten". Es gibt sie noch heute. Manfred Lahnstein fragte also bei Lampson an, und der sagte sofort Ja. An einem sommerlichen Vormittag setzte er sich mit seiner damals neunzehnjährigen Tochter Felicia in den blauen Familien-Polo und fuhr zu den Schmidts am Neubergerweg. Loki habe sie an der Haustür in Empfang genommen, "wie man alte Bekannte begrüßt". Dann sei Helmut Schmidt die Treppe heruntergekommen. Zu viert habe man sich an den Tisch gesetzt und geredet.

Aber Vater und Tochter waren ja gekommen, um die Platten abzuholen. "Und dann sah ich wirklich sehr, sehr lange Reihen, eine Platte neben der anderen." Haben die Schmidts mit Kummer Abschied von ihren Schätzen genommen? Ein bisschen wohl schon. Jede Platte, die von den Lampsons aus dem Regal gezogen wurde, hätten die beiden noch einmal angeschaut, es gab ja Erinnerungen, sie wussten noch, wer sie ihnen geschenkt hatte. "Das ging alles sehr langsam voran."

Was ihn am meisten beeindruckt hat, das war Schmidts "bitterer Ernst". Er und Loki seien im Sommer 2007 ja schon sehr alt gewesen. "Ich habe in diesem ganzen Gespräch eine tiefe Wehmut erlebt, von zwei Menschen, die geistig extrem präsent waren, wach und hell und schnell. Und die doch spürten, wie ihr Körper einfach wegbrach." Das sei ihm im Gedächtnis haften geblieben. Welch starke Schmerzen Schmidt gehabt habe und wie wenig er noch habe hören können. Und wie er deshalb Abschied von seiner Plattensammlung nahm. Mit bitterem Ernst.

In jeder ZEITmagazin-Hamburg-Ausgabe stellt unser Kolumnist Matthias Naß einen Lieblingsort von Helmut Schmidt vor.

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