Die großen Fragen der Liebe Muss sie seinen Spaß verstehen?

Jede Woche beantwortet unser Paartherapeut eine große Frage der Liebe. Diesmal: Versteht sie keinen Spaß? Eine Kolumne von
Aus der Serie: Liebeskolumne ZEITmagazin Nr. 44/2018

Die Frage: Karl hat Emma in einem Club kennengelernt. Sie sind beide noch in der Ausbildung, aber wollen keine Zeit mehr verlieren, sondern die Sache ernster angehen. Sie planen einen Urlaub in Vietnam; danach sieht man weiter. Emma ist zierlich, hübsch, hat ausgeprägte Wangenknochen. Auf einem Jahrmarkt treffen sie einen Leierkastenmann mit einem Äffchen, das einen Teller herumreicht und Münzen einsammelt. "Du siehst aus wie das Leierkastenäffchen", sagt Karl und legt den Arm um Emmas Schulter. Emma schüttelt ihn ab. "Du meinst, du kannst dir alles erlauben!" – "Aber es war doch lieb gemeint!", kontert Karl. "Was ist lieb an einem bettelnden Affen!", schimpft Emma. "Du verstehst keinen Spaß", knurrt Karl und fragt sich aber doch, was er falsch gemacht hat.

Wolfgang Schmidbauer: Wer in der Liebe nur das sagt, was zweifelsfrei harmlos ist und sicher gut ankommt, riskiert, für einen Langweiler gehalten zu werden. Wer sich zu weit vorwagt, stößt auf Empörung. Karl hat sich dem riskanten Pol genähert, das muss erst einmal gar nicht verkehrt sein. Aber sein Umgang mit Emmas Kränkung durch seinen Scherz ist ungeschickt und rechthaberisch. Jeder Mensch hat ein Grundrecht auf seinen eigenen Humor; dem Beleidigten nachzusagen, er verstehe keinen Spaß, verdirbt die Stimmung weiter. Es gibt kaum eine humorlosere Aktion, als jemandem vorzuwerfen, er sei humorlos. Karl hätte gut daran getan, Emma sofort um Entschuldigung zu bitten und seinen Fehlgriff zu bedauern. Wenn wieder gut Wetter ist, kann er vielleicht auch herausfinden, was an dem Scherz so gar nicht gepasst hat.

Wolfgang Schmidbauer ist einer der bekanntesten deutschen Paartherapeuten. Was er in seiner täglichen Praxis erfährt, lesen Sie im Interview mit ZEIT ONLINE. Zuletzt erschien sein Buch "Raubbau an der Seele. Psychogramm einer überforderten Gesellschaft" (oekom verlag).

Haben Sie auch eine "große Frage der Liebe"? Schicken Sie eine Mail an liebeskolumne@zeit.de

Kommentare

1 Kommentar Kommentieren