© Jason Nocito

Jason Nocito Wasserfarben

Seine Bilder zeigen ganz normale Pfützen auf Straßen. Der Fotograf Jason Nocito hat sie in New York entdeckt - und so aufgenommen, dass sie die bunten Lichter der Großstadt reflektieren. Von
ZEITmagazin Nr. 44/2018

Die Pfütze ist, obwohl sie eigentlich jedem Fußgänger lästig sein sollte, erstaunlich beliebt. Schon der Name klingt schelmisch, ein bisschen nach pfui, ein bisschen nach Witz. Das Tolle an der Pfütze ist ja, dass es sie überhaupt gibt. Wären Straßen oder Gehwege perfekt, kein Wässerchen würde sich stauen, bevor es in der Kanalisation verschwindet.

So eine Pfütze ist also nicht nur eine von Kindern geschätzte Abwechslung in der asphaltierten und gepflasterten Stadt, ein Bad, in das man als Kleinkind auf dem Weg zum Zahnarzt mal eben richtig schön angstvergessen reinhüpfen kann, sondern sie ist auch ein Symbol: Nicht alles kann hundertprozentig gelingen, auch der Asphalt nicht. Der Löwenzahn, der den Asphalt durchbricht, war ein beliebtes Plakatmotiv der frühen Umweltbewegung. Die Pfütze hat vergleichbar gute Sympathiewerte wie der Löwenzahn, lässt sich aber schlechter auf Plakate zeichnen.

Manche Pfütze auf einem Waldweg ist so tief, vor ihr müssten sich Radfahrer, gegebenenfalls sogar Autofahrer fürchten. Aber auch sie tun es nicht, sie steigen ab, testen manchmal sogar die Tiefe, und es sieht aus, als zollten sie der Pfütze Respekt. Vielleicht liegt es am deutschen Wetter, vielleicht aber auch am Zustand der deutschen Straßen, dass heute kaum noch ein Bus, der mit Tempo in eine Pfütze fährt, den Fußgänger von oben bis unten nass macht. Man kennt diese Szene nur noch aus Filmkomödien. Ist die Pfütze, zumindest in Deutschland, vom Aussterben bedroht?

Wikipedia behauptet, Pfützen seien die "kleinsten Binnengewässer". Das klingt, als müsste man sie schützen. Ob das ein Erdkundelehrer geschrieben hat oder doch ein Pfützenromantiker? Schön ist die Bezeichnung jedenfalls, gibt sie der Pfütze doch etwas Bedeutsames, man sieht sofort Pfützenkapitäne und Pfützenlandkarten vor sich. Die Fotos von Jason Nocito stützen die These von der Pfütze als Gewässer. Seine Bilder gleichen Aufnahmen von Ozeanen auf fernen Planeten oder von australischen Seen, vom All aus gesehen. Pfützen: tagsüber ein Fest für Gummistiefelträger, nachts für Ästheten.

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