© Ute Mahler und Werner Mahler

Kleinstadt Kleine Heimat

Ute Mahler und Werner Mahler, Fotografie-Legenden, sind drei Jahre lang in deutsche Kleinstädte gereist. Sie zeigen eine Generation, die sich fragt: Gehen oder bleiben? Interview:
ZEITmagazin Nr. 44/2018

ZEITmagazin: Frau und Herr Mahler, Sie haben mit Ostkreuz eine der renommiertesten Fotoagenturen Europas gegründet und könnten in aller Welt fotografieren. Warum haben Sie sich für Ihr jüngstes Projekt entschieden, drei Jahre lang in mehr als hundert deutsche Kleinstädte zu fahren?

Ute Mahler: Das Thema interessiert uns schon lange. Wir haben uns auch in unseren vorigen Arbeiten mit Vorstädten und unaufgeregten Orten beschäftigt. Wir wollten Städte besuchen, die in keinem Reiseführer stehen und die zu weit von der Autobahn entfernt sind, als dass Menschen sie auf der Durchreise durchqueren würden. Wir nennen sie übersehene oder vergessene Städte. In diesen Kleinstädten stehen viele Läden in der Ortsmitte leer, dort müssen Schulen schließen, weil es nicht mehr so viele Kinder gibt, dort fährt immer seltener der Bus.

Werner Mahler: Es gibt natürlich auch Kleinstädte, die brummen, weil sie Touristen anziehen oder weil dort ein großes Unternehmen sitzt, aber wir haben uns gerade auf die Orte konzentriert, in denen die Bevölkerung schrumpft.

ZEITmagazin: Warum?

© Dawin Meckel/Ostkreuz

UM: Diese Orte sind Biotope, in denen das Leben übersichtlich erscheint. Wo es große Gemeinschaft gibt, aber auch starke soziale Kontrolle. Da, wo es keine Attraktionen gibt, werden die Kleinigkeiten spannend.

ZEITmagazin: Gibt es wirklich gar keine Attraktionen? Kneipen gibt es doch noch, oder?

WM: Da sitzen aber nur die Alten. Für die jungen Leute gibt es oft keine Location, wo sie sich treffen können.

ZEITmagazin: Und was sind das für Kleinigkeiten, die für Sie interessant sind?

UM: Ich fand es sehr spannend, in die Fenster zu schauen. Wie ein Mensch sein Fenster dekoriert, sagt viel über ihn aus. Wenn es fein säuberlich geschmückt ist, habe ich den Eindruck, dass die Bewohner etwas verdecken wollen. Wir haben auch ein Fenster eines Hauses fotografiert, in dem eine Zimmerpflanze durch die Jalousie wuchs. Da hat jemand wahrscheinlich seit mehreren Jahren die Rollläden nicht mehr hochgezogen. Dahinter mag zwar Leben sein, aber wie viel kann da wirklich noch leben?

WM: In diesen Kleinstädten erfährt man etwas über Architektur, über Geschmack, über Gemeinschaft. Danach haben wir gesucht. Wir hatten auch überlegt, ob wir das Projekt Orchideenhausen nennen, weil momentan Orchideen die beliebtesten Fensterdekos in den Kleinstädten sind – in Ost-, West- und Norddeutschland. Die sind langlebig, schön, und es gibt sie dort wohl günstig in den Baumärkten zu kaufen. In Süddeutschland sind Geranien noch ein bisschen populärer.

ZEITmagazin: Sie haben aber gar keine Fotos von Orchideen gemacht.

WM: Wir haben schon einige gemacht, aber die haben uns am Ende als Fotos nicht überzeugt. Außerdem haben wir fast alles weggelassen, was man schnell als Spießigkeit abtun könnte. Von Geschmacklosigkeiten könnte man auch sehr viele Fotos in den Großstädten machen. Das war uns zu oberflächlich.

ZEITmagazin: Waren Sie in allen Bundesländern?

UM: Ja, bis auf Baden-Württemberg. Da funktionieren die Kleinstädte noch, auch weil es Arbeit gibt.

ZEITmagazin: Was ist mit Bayern?

WM: In den meisten Gegenden Bayerns gibt es lebendige, anheimelnde und idyllische Kleinstädte, weniger jedoch in der Oberpfalz.

ZEITmagazin: Haben Sie Ihre Reisen geplant?

UM: Wir haben recherchiert, uns die Orte ausgesucht und sind dann meistens drei Tage dorthin gefahren. Ein Ort ist eine Stadt, wenn er Stadtrecht hat. Laut einer Definition aus dem 19. Jahrhundert haben Kleinstädte Einwohnerzahlen zwischen 5000 und 20.000, aber einige Kleinstädte haben mittlerweile sehr viel weniger Einwohner, weil von dort so viele Leute weggegangen sind. Diese Städte besitzen aber trotzdem noch das Stadtrecht. Die kleinste Stadt Deutschlands ist Arnis in Schleswig-Holstein mit weniger als 300 Einwohnern.

ZEITmagazin: Haben Sie sich mit Bewohnern ausführlicher unterhalten?

WM: Ja, wir haben spontan Leute angesprochen, ihnen unser Projekt erklärt und sie dann gefragt, ob wir fotografieren dürfen. Fast alle haben mitgemacht. Doch wir hatten ein Problem mit dem Treffen von Leuten, denn die Kleinstädte, in denen wir waren, sind zu den meisten Tageszeiten leer.

UM: Eigentlich ist nur morgens was los und am späten Nachmittag, wenn die Leute von der Arbeit kommen. Um die Mittagszeit und abends nach sieben wirken viele dieser Orte gespenstisch.

WM: Wir haben dann recherchiert, wann die Stadt mal ein Fest ausrichtet. Man sollte es sich aber nicht so vorstellen, dass bei solchen Volksfesten der Bär steppt. Oft wird groß aufgefahren, mit Maibaum, Marktbuden und Riesenrad. Und am Ende stehen doch nur 200 Leute in der Gegend herum und essen Bockwurst und trinken Bier.

ZEITmagazin: Wenn sich die 200 Leute alle kennen, könnte es ja auch gesellig werden.

UM: Uns fiel auf, dass in den sehr kleinen Kleinstädten, so um die tausend Einwohner, tatsächlich bei Straßenfesten oft intensiv gefeiert wird. Die kennen sich gut und freuen sich, mal zum Reden zu kommen, was sie im Alltag sonst nicht schaffen.

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