Mäntel Mantelvertrag

© Peter Langer
Aus der Serie: Stilkolumne ZEITmagazin Nr. 44/2018

Einen Mantel zu tragen hat immer schon mehr bedeutet, als sich nur gegen Kälte schützen zu wollen – es ging stets auch um Prestige. Der berühmteste Mantelträger der Geschichte war natürlich der heilige Martin. Der Bischof von Tours, der im 4. Jahrhundert lebte, wurde zum Superstar der Heiligen mit jährlicher Lichterzugverehrung im Kindergarten. Einfach nur, weil er seinen Mantel teilte. Die Tat zeigte nicht allein deswegen eine starke Wirkung, weil ein Mantel wärmt. Sondern weil sich Martin auf diese Weise auf die Seite der Armen stellte.

Aus heutiger Sicht trugen Leute wie Martin damals einen Maxi-Coat. Angehörige des römischen Militärs waren mit einer paenula ausgestattet, die auch im zivilen Leben häufig getragen wurde. Sie war aus lodenartigem Stoff genäht und eine Art Poncho mit Kapuze. Angesichts der Mächtigkeit dieses Kleidungsstücks wird die soziale Bedeutung des Mantels deutlich: Er lässt seinen Träger größer und breiter erscheinen. Diese Raumverdrängung haben sich in seiner Geschichte die verschiedensten Kulturen zunutze gemacht. Der Mantel, wie man ihn heute kennt, ist eine Erfindung aus dem 18. Jahrhundert. Damals war er Teil der formellen und festlichen Garderobe und gleichzeitig wichtiger Bestandteil der militärischen Uniform.

In jüngerer Zeit haben sich verschiedene Subkulturen des Mantels bedient – einreihig oder zweireihig, eng oder weit, kurz oder lang. Skinheads etwa trugen klassische englische Stadtmäntel – sogenannte Crombie-Mäntel – aus dickem Wollstoff mit verdeckter einreihiger Knopfleiste. Hauptsache, man sah darin einigermaßen mächtig aus. In den Achtzigerjahren wurde der Mantel im Zuge der Powerdressing-Mode übergroß geschnitten und darüber hinaus mit dicken Schulterpolstern versehen. In dieser Form wurde der Mantel zum Symbol für starke und emanzipierte Frauen. Powerdressing half ihnen dabei, ihre Autorität in einem beruflichen und politischen Umfeld zu etablieren, das zuvor traditionell von Männern dominiert wurde.

Jetzt hat der übergroße Mantel wieder seine Stunde. Der Londoner Designer Gareth Pugh läutete im Februar mit überbreiten Leopardenmänteln das Comeback des Powerdressing-Stils ein. Mittlerweile sind die breiten Mäntel überall zu sehen – etwa in karierter Version bei Balenciaga, als Riesen-Teddy bei Max Mara oder als großes Cape bei Alberta Ferretti. Alle Modelle sind sehr voluminös – dafür aber um einiges eleganter als die Vorbilder aus den Achtzigerjahren. Trotzdem vermitteln sie deutlich den gesellschaftlichen Anspruch ihrer Trägerin. Eines sollte man mit den neuen Maximänteln allerdings unter keinen Umständen tun: sie in zwei Hälften teilen.

Foto: Peter Langer / Hält mehr als warm: Mantel von Herno

Kommentare

17 Kommentare Seite 1 von 3 Kommentieren