Markus Söder Über Modebegriffe

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Aus der Serie: Gesellschaftskritik ZEITmagazin Nr. 44/2018

Jede Ära hat so ihr Lebensgefühl. In den Sechzigern war alles ziemlich groovy, in den Nullerjahren recht chillig. Gerade sind von Spitzenpolitikern bis Sportstars alle sehr demütig drauf. Markus Söder nimmt das schlechte Wahlergebnis "mit Demut" an, der Trainer des Chemnitzer FC "die aktuelle Situation" sogar "mit sehr viel Demut". Mats Hummels und Heiko Herrlich sind auch Freunde der Demut. Es herrscht ein Wettbewerb, wer unter den reichen, erfolgreichen Männern denn nun der Allerdemütigste ist. Jogi Löw ist dabei ein Vorreiter: Er empfahl seinen Spielern schon vor vier Jahren, nach dem 7:1 gegen Brasilien, Demut. Die war damals noch ein Mittel gegen das Überschnappen, heute ist sie eines gegen alles.

Meister der Demut: Mats Hummels. © Getty Images

Vor dem Seelsorger Löw benutzten das Wort Demut fast nur echte Pfarrer, Päpste und Bischöfinnen, die zu verstehen geben wollten, dass auch sie vom lieben Gott gemacht und so toll auch wieder nicht sind. In Zeiten, in denen die Kirche noch was zu sagen hatte, wäre nie ein so ernstes christliches Wort zum Modewort geworden. "Du Sünder!" war zum Beispiel nie eine populäre Beschimpfung, heute würde das gehen.

Modeerscheinungen haben eine recht feste Dramaturgie, sie werden erst von der Elite aufgenommen, bevor sie sich in der Bevölkerung breitmachen. Also werden bald auch wir kleinen Steuerzahler in Demut gehüllt unsere Söhne anschreien, weil sie wieder heimlich am iPad hängen, demütig werden wir Nudelwasser überkochen lassen, voller Demut Deadlines vergessen, unsere Männer mit ihrem besten Freund betrügen und im Feierabendverkehr "Arschloch" fluchen.

Der Begriff ist auch deshalb so praktisch, weil man an seinem Verhalten gar nichts ändern muss, solange man ihn einfach benutzt. Wer Fehler halbwegs einräumt und sich gedämpft gibt, muss mit weniger Konsequenzen rechnen und erscheint einsichtig, das ahnt wahrscheinlich auch ein verstörter Markus Söder. Dabei ist die Behauptung von Demut natürlich ihr Gegenteil: Es ist der Versuch, weiter ungestraft durchzukommen, nach oben, ganz undemütig. Es werden zwar immer noch Steuern hinterzogen, Frauen belästigt, Fußballspiele und Wahlen verloren – aber jetzt eben in aller Demut. Den Begriff durch die Gegend zu schleudern bringt ungefähr so viel, wie sich bei seinem Hund zu entschuldigen, wenn man ihm auf den Schwanz getreten ist.

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