© Nikita Teryoshin

Nikita Teryoshin Die Omas schlagen zurück

Durch einen Zufall stieß der Fotograf Nikita Teryoshin auf eine Gruppe Großmütter in Johannesburg, die sich regelmäßig zum Boxen treffen. Sie zeigten ihm, was Fitness im Alter heißt. Von
ZEITmagazin Nr. 44/2018

Eigentlich pendelt der Fotograf Nikita Teryoshin, geboren in St. Petersburg, zwischen Berlin und Dortmund. In diesem September verbrachte er aber ein paar Tage beruflich in Johannesburg, Südafrika. Teryoshin mietete sich über eine Buchungswebsite ein Apartment – und diese Buchungswebsite empfahl ihm gleich auch noch "Aktivitäten in der Umgebung". Viel hatte sie nicht zu bieten, aber ein Vorschlag klang dafür umso verheißungsvoller: Boxing with the A-Grannies – also ein Boxen mit Großmüttern. Teryoshin meldete sich sofort für eine Trainingseinheit an. Seine Kamera nahm er mit.

Zweimal wöchentlich, morgens von acht bis halb zehn, trainieren die "Gogos" (so heißen Omas in der Sprache der Zulu) in Cosmo City, einem Stadtteil von Johannesburg. Vor fünf Jahren startete der Boxtrainer Claude Maphosa dieses Angebot für die Großmütter – und zwar aus medizinischen und sozialen Gründen. Die Frauen leiden unter Bluthochdruck, Asthma oder Diabetes. Knochenbrüche, im Alter besonders unangenehm, hatten auch schon einige.

Die Idee: Durch den regelmäßigen Sport soll es den Großmüttern besser gehen, das Training mit anderen, die sozialen Kontakte, die Bewegung sollen Körper und Seele guttun.

Aber warum ausgerechnet Boxen? Der Trainer sagt: einfach um mit dem Klischee aufzuräumen, Senioren seien zu fragil oder zu schwach. Man glaubt ja gemeinhin, sie könnten nur ein leichtes Senioren-Frühsport-Programm absolvieren oder maximal Wassergymnastik. Und da die Stadt, in der die Frauen leben, nicht gerade ungefährlich ist, dient das Training auch als Form der Selbstverteidigung.

Im Boxtraining wird übrigens nicht gegeneinander gekämpft, und es werden speziell gepolsterte Handschuhe angezogen, die Verletzungen vermeiden sollen. Jede Trainingseinheit beginnt mit einer kurzen Predigt und motivierenden Worten, die aus einem Kassettenrekorder ertönen, gefolgt von ausreichend Dehnübungen, dann folgt der anstrengendere Teil: Boxsack, Gerätetraining, Kraftaufbau. Es gibt auch ein kulinarisches Ritual: "Ginger-Ninja", eine Mischung aus Ingwer und Knoblauch, die vorab allen Frauen gereicht wird.

Die "Gogos" sind mittlerweile lokale Heldinnen mit Medienerfahrung: Ihr Trainer Claude Maphosa teilt Fotos und Videos über einen eigenen Instagram-Account namens @boxing_grannies. Das sollte nicht darüber hinwegtäuschen, worum es hier eigentlich geht: darum, dem Alter die Faust zu zeigen und als betagter Mensch etwas zu tun, das Spaß macht, gerne auch etwas, was die Jüngeren nicht erwarten. Kochen als Hobby mögen Enkel gut finden. Aber hat mal jemand die Omas gefragt?

Der Fotograf Nikita Teryoshin sagt, dass er Schwierigkeiten hatte, mit den Großmüttern mitzuhalten. Sie waren fitter als er.

Gäste wie Teryoshin müssen übrigens zahlen. Für die Frauen ist alles kostenlos. Ab einem Alter von 60 Jahren können sie Mitglied werden. Eine Altersbeschränkung nach oben gibt es nicht.

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Wir haben in unserem Sportverein einem Mitglied aus der Kampfsportgruppe zum 70. Geburtstag ein paar ordentliche Boxhandschuhe geschenkt. Gefüttert und mit allem Schnick und Schnack. Er konnte sie sich selbst nicht leisten, weil er Grundsicherung bekommt.
Er hatte Tränen in den Augen. Mehr aber darüber, weil wir an ihn glauben, dass er diese Dinger wirklich braucht.