Pausenbrot "Ich hatte nicht so viel Hunger"

© Aline Zalko
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ZEITmagazin Nr. 44/2018

Ich achte darauf, dass meine Töchter ein Pausenbrot mit in die Schule nehmen. Essen ist wichtig, und besonders Greta schätzt es sehr, wenn sie etwas Gutes in der Pausenbrotdose hat. Proviant ist ein wichtiges Thema für Greta. Die Vorstellung, irgendwo draußen unterwegs zu sein und zu hungern, ist ihr unerträglich. Da möchte sie kein Risiko eingehen. Und die Schule ist schon gar kein Ort zum Hungern. Was nicht heißt, dass man unbedingt das Pausenbrot, das der Vater einem zubereitet, essen muss. Ich habe früher auch nicht gerne Pausenbrote gegessen. Meine waren stets in Alufolie gewickelt und bestanden aus zwei Scheiben Graubrot, die mit Schmelzkäse oder Leberwurst zusammengeklebt waren. Ich fand es grauenhaft, es wäre die erste Enttäuschung des Tages gewesen, hätte das nicht schon die erste Schulstunde übernommen. Manchmal gab es auch Marmeladenbrot. Marmeladenpausenbrote waren besonders unangenehm. Die Brotscheiben waren vollgesogen und klebrig. Und die Marmelade tropfte einem in den Ärmel, wenn man abbeißen wollte. Aber meistens wollte ich nicht. Stattdessen entsorgte ich das Pausenbrot im Mülleimer und gab mein Taschengeld für Süßkram am Kiosk aus. Dort wurde auch eine Pausenbrot-Alternative angeboten, wir nannten sie "Matschburger". Es waren zwei Brötchenhälften, zwischen denen ein Schokokuss zerquetscht wurde. Dies war mein damaliger Begriff von angemessener Ernährung. Ich will es heute besser machen. Ich will, dass meine Kinder ein gesundes Pausenbrot haben. Schon um meinen Ruf nicht zu verlieren. Pausenbrotboxen sind heute Showcases der Elternliebe. Ein Pausensnack soll gesund sein – und zugleich so zubereitet, dass Kinder ihn trotzdem so gerne essen wie Gummibärchen. Eltern lieben es, darüber zu sprechen. Eine Bekannte von mir hat sich neulich sogar als "Pausenbrotbox-Königin" gebrüstet, wegen der tollen Kreationen, die sie ihren Töchtern mit in die Schule gebe. Vollkornbrot mit Avocado-Mousse etwa, garniert mit Radieschenscheiben und Alfalfa-Sprossen. Oder Cocktailtomaten-Spießchen mit Frischkäse-Brotmedaillons.

Ich versuche mir auch Mühe zu geben. Wenn man dem Internet glauben kann, geht das ganz einfach. Sobald man aus einer Karotte etwa ein lustiges Tierchen schneide, sei alles kein Problem mehr. Oder man soll die Karotte in kleine Stifte schneiden und den Kindern sagen, das sei "Ponyfutter". Meine Erfahrung ist, dass Kinder ein sehr gutes Gespür dafür haben, was eine Karotte ist – und sie dann nicht essen. Greta drückt das durchaus politisch korrekt aus. Sie würde nie behaupten, dass sie kein frisches Gemüse schätze. "Ich hatte diesmal einfach nicht so viel Hunger", sagt sie, wenn ich die unangetastete Pausenbrotbox mit welker Rohkost wieder entgegennehme. Manchmal bin ich kurz davor, Schokolade einzupacken, nur um ein Erfolgserlebnis zu haben. Aber ich habe Angst, dass andere Eltern davon Wind bekommen und mich für ein Monster halten. Ich versuche hin und wieder einen Kompromiss. Dann kaufe ich im Biosupermarkt Müsli-Riegel, die aussehen, als seien sie aus Schokolade, aber aus einem angeblich gesunden Nuss-Frucht-Gemisch bestehen. Greta sagt, sie sei damit ganz zufrieden. Die schmeckten zwar nicht, aber man könne sie dafür gut bei Mitschülern eintauschen. Ich habe auch eine Ahnung, wogegen: Matschburger.

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