© Riccardo Vecchio

Ferghanatal Im Tal des Todes

Im vergangenen Jahr verübten vier Terroristen Anschläge in Istanbul, St. Petersburg, Stockholm und New York. Sie alle kamen aus dem Ferghanatal in Zentralasien. Was hat ihre Heimat mit ihrer Radikalisierung zu tun? Reise in eine der wildesten Regionen der Welt Von
ZEITmagazin Nr. 45/2018

Wer in den frühen Morgenstunden, wenn sich die Nebelschwaden langsam auflösen und die ersten Sonnenstrahlen über die Berge blinzeln, zum Kamtschik-Pass hinaufsteigt, wird in 2200 Meter Höhe mit einem überwältigenden Ausblick über den Osten Usbekistans belohnt. Jenseits der schroffen, steil abfallenden Berge schimmert die Landschaft in allen Schattierungen von Grün. Gärten, Obstplantagen, Weizen- und Baumwollfelder. In vergangenen Zeiten hielten viele das Ferghanatal denn auch für ein Paradies, manche sprachen vom wahren Garten Eden.

Bei Landeskennern wie den Experten von der International Crisis Group in Brüssel, die sich mit problematischen Weltgegenden beschäftigt, hat die Region allerdings ganz andere, düstere Namen: Tal des Todes, Tal der Tränen.

Vier Terroranschläge des Jahres 2017 gingen von hier aus, zumindest stammten die Terroristen aus dem Ferghanatal. Sie waren hier geboren oder hatten lange hier gelebt; sie kannten sich nicht, wurden jedoch alle zu Mördern. In der Neujahrsnacht 2017 überfällt Abdulgadir Mascharipow den Nachtclub Reina in Istanbul und tötet mit seinem Schnellfeuergewehr 39 Partygäste. Am 3. April zündet Akbarschon Dschalilow in der U-Bahn von St. Petersburg eine Bombe, unter den Passagieren gibt es 15 Opfer, auch der Selbstmordattentäter stirbt. Am 7. April lenkt Rachmat Akilow in Stockholm einen gestohlenen Lkw in eine Fußgängermenge, fünf Menschen kommen ums Leben. Am 31. Oktober schlägt Sayfullo Saipow in New York zu, auch er mit einem Wagen als Waffe, sein Ziel ist ein Fahrradweg. Acht Passanten sterben. Die drei überlebenden Täter zeigen nach ihrer Festnahme keine Reue, sie bekennen sich zur Terror-Organisation "Islamischer Staat".

© ZEIT-Grafik

Aus dem Ferghanatal stammen besonders viele Dschihadisten, die sich in Syrien, im Irak und in Libyen radikalen Kämpfern angeschlossen haben. Mehr als 3000 sind es nach Erkenntnis westlicher Geheimdienste. Viele kehren wieder in die Heimat zurück, um sich nach neuen Einsatzmöglichkeiten in Zentralasien umzuschauen und um im Tal neue Rekruten anzuwerben.

Ferghana bedeutet: die Großartige, die wunderbar Abwechslungsreiche – der Name hat seit der Antike einen magischen Klang. Lange vor der christlichen Zeitrechnung galt die fruchtbare Ebene als eines der kulturellen Zentren Asiens. Sie wird überragt von den Siebentausendern des Tienschan-Gebirges, durchquert von den Wassern des Syrdarja und ist mit einem besonders milden Klima gesegnet. Darius der Erste führte hier sein persisches Achämenidenreich zur Blüte, Alexander der Große folgte ihm mit seinen hellenistischen Stadtgründungen; seit dem ersten vorchristlichen Jahrhundert mischten auch die Chinesen mit. Und im frühen Mittelalter wurde das Tal auf halber Strecke zwischen den legendären Karawansereien von Kaschgar und Samarkand zu einer der wichtigsten Stationen der Seidenstraße, die mit ihrem Austausch von Waren und Erfindungen, Ideen und Religionen Ost und West verband.

Während des 8. Jahrhunderts eroberten Mohammeds Anhänger Ferghana, der Islam hielt Einzug. Aber weder die Araber noch die später folgenden Mongolen unter Dschingis Khan oder die Turkstämmigen unter dem Eroberer Tamerlan haben die persische Hochkultur vollständig ausgemerzt. In der Neuzeit schien die Region unter russischem Einfluss weitgehend friedlich, ein südlicher, lange Zeit weitgehend unbeachteter Zipfel des riesigen Sowjetreichs. Nach dem Zerfall der UdSSR geriet er in Besitz dreier neu entstandener Staaten – das Ferghanatal liegt im Staatsgebiet Usbekistans, Kirgisistans und Tadschikistans.

Wie konnte es dazu kommen, dass dieses idyllische Tal zu einer Brutstätte des Terrors wurde? Warum ist das Ferghanatal, das mit 22.000 Quadratkilometern gerade mal ein Viertel der Fläche Österreichs einnimmt und geschätzte 14 Millionen Bewohner hat, dermaßen empfänglich für religiösen Fanatismus, der Mord für ein gerechtes Mittel zur Durchsetzung seiner Ziele hält? Und was unterscheidet diese Attentäter von jenen Islamisten, die ebenfalls in Europa zuschlagen, aber dort geboren sind?

Da die drei Überlebenden der Terroranschläge, die nun in Stockholm, St. Petersburg und New York im Gefängnis sitzen, über ihre Taten schweigen, bleibt für die Suche nach einer Antwort nur eine Reise in ihr altes Leben, ins Ferghana-Tal.

Andischan, Usbekistan

Meine erste Station ist die größte Stadt des Ferghanatals, Andischan. Mit ihren 400.000 Einwohnern ist sie dessen wirtschaftliches und spirituelles Zentrum. Alle vier Attentäter haben die Stadt nach Geheimdienst-Erkenntnissen mehr oder weniger regelmäßig besucht, sie haben hier religiösen Beistand gesucht – und wurden zu Fanatikern.

Wenn man, von der usbekischen Hauptstadt Taschkent kommend, nach der Fahrt über den atemberaubenden Kamtschik-Pass hier eintrifft, ist der erste Eindruck ziemlich ernüchternd. Man denkt an die "Himmelspferde", die hier einst grasten – besonders langbeinige, schnelle Pferde –, und an die prächtigen Karawansereien, die Reisende im Mittelalter erwarteten. Stattdessen: graue, staubige Siedlungen mit Plattenbauten, Chemiefabriken und Raffinerien, sie umschließen das Zentrum, drängen die schrumpfende Altstadt immer weiter zurück. Hastig errichtete Schnellgaststätten bieten Allerweltsessen auf Plastikstühlen. Immerhin, es gibt noch die traditionelle Gasse der Schmiede und Juweliere, da wird gehämmert und geklopft und ziseliert. Auf dem Basar bieten die Marktfrauen Aprikosen, Kirschen und Nüsse an. Vereinzelt findet man noch traditionelle handgemachte Seidenstoffe in knallbunten Farben, wenngleich sie von Kunststoffprodukten fast verdrängt worden sind. Eher deprimierend ist die Spezialität der hiesigen Handwerker: Sie fräsen Prothesen für Terror- oder Unfallopfer, Beine, künstliche Arme und Rollstühle über Rollstühle.

Dann ist da die große Moschee der Stadt, deren Innenhof mit Wellblech überdacht ist, als solle deutlich gemacht werden, dass es sich bei der Gebetsstätte um ein Provisorium handelt. Die nahe Dschuma-Medresse nimmt schon lange keine Koranschüler mehr auf, die Räume werden als Museum genutzt, ausgestellt sind Musikinstrumente und traditionelle Kleidung.

Kennt hier jemand den Istanbul-Attentäter Abdulgadir Mascharipow, der im Tal geboren ist und als Jugendlicher wiederholt in Andischan gesehen wurde? Der Imam ist nicht zu sprechen; seine Mitarbeiter schütteln nur den Kopf. "Mit Terroristen haben wir hier nichts zu tun. Wir legen, wie von oben verlangt, alle Texte der Freitagspredigt den Regierungsstellen vor. Unsere Gläubigen sind friedliche und gesetzestreue Bürger." Auch an der Staatsuniversität in der Provinzhauptstadt Ferghana, wo Abdulgadir Mascharipow Turksprachen und Englisch studierte, stoßen alle Nachfragen auf eine Mauer des Schweigens.

Usbekistan will diesen Staatsbürger offensichtlich am liebsten verleugnen. Er muss sich in seinen Studienjahren radikalisiert haben. Aus Gerichtsunterlagen geht hervor, dass er noch 2005 nahe Andischan gelebt hat. Wahrscheinlich wurde er Zeuge des berüchtigten Blutbads am 10. Mai 2005 – auf Befehl des Präsidenten schoss das Militär in eine Menschenmenge, die in der Stadt gegen die Inhaftierung prominenter muslimischer Geschäftsleute protestierte; mehr als 600 Demonstranten starben. Hat Mascharipow zwölf Jahre später Rache geübt für das Massaker an seinen Glaubensbrüdern, Rache an völlig Unbeteiligten?

Kommentare

12 Kommentare Seite 1 von 2 Kommentieren

Danke für diese Reportage. Sie macht deutlich, was ich selbst in der Region, vor allem in Osch, trotz bester Kontakte erfahren musste: Man kann sich nur herantasten, nur an der Oberfläche kratzen. Die Reportage fängt vieles weg Islamismus-Fixierung nicht ein:

Tatsächlich ist Osch eine terra incognita. In Kirgisistan wie allen anderen Städten im Ferghana-Tal auch: die Hauptstädte sind weit weg, durch natürliche Barrieren wie 5000 Meter hohen Pässen entzogen; allein die Fahrt von 300 Kilometern von Bischkek nach Osch über dem Kasarman-Pass dauert zwei Tage. Gesellt sich noch eine schwache Zentrale wie in Bischkek dazu, weiß man, warum Städte wie Osch die wahren Hüter des Wilden Ostens sind: gesetzlose Orte, die sich weitgehend selbst überlassen sind oder brutal unterdrückt werden wie in Andischan in Usbekistan. Als ich da war, nahmen Drogenschmuggler Koreaner gefangen, um die Schmuggelroute Afghanistan-Usbekistan-Kirgisistan zu sichern. Die Zentralregierung hatte nur zwei Hubschrauber zur Befreiung, einer davon kaputt. Also rekturierten sich in Bischkek Depsperados auf Pferden, um die Koreaner zu befreien. Durch Osch fuhr man mit Milizen durch Panzersperren mit örtlichen "Geschäftsleuten", in Wahrheit sich frei bewegende Drogenbarone. Sie hatten die Macht über Straßen voll bedeckt mit Cannabis. Und auf der anderen Seite der Grenze in Usbekistan war es nicht anders, nur dass dort die Menschen auf Betten draußen sitzen und Tee trinken. Letztlich halfen die Amerikaner.