Gleichberechtigung "Du willst ja bloß keinen Ärger"

© Aline Zalko
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Aus der Serie: Prüfers Töchter ZEITmagazin Nr. 45/2018

Als Vater meint man manchmal, man sei ein Vorbild für die Kinder und gewissermaßen auch der Meinungsführer. Was man sagt, das werde so hingenommen. So dachte ich mir das. Bis ich anfing, mit Luna über Politik und über andere Dinge zu diskutieren.

Neulich ist es meiner Tochter passiert, dass ein junger Mann, den sie an einem Abend kennengelernt hatte, versuchte, sie zum Abschied zu küssen. Luna fand das sehr übergriffig.

Niemand war betrunken, und vorher hatte es auch keine Wortwechsel gegeben, die darauf hätten schließen lassen, dass so eine Annäherung erwünscht sei. Es war einfach eine dieser widerlichen Belästigungen. Ich sagte ihr, dass ich es traurig finde, dass Männer es heute offenbar immer noch für ihr Recht halten, zudringlich werden zu können.

Luna stimmte mir ganz und gar nicht zu. "So ein Quatsch", sagte sie. "Das ist keine Eigenschaft von Männern, sondern von Arschlöchern!" Sie sagte, dass sie von mir etwas Besseres erwartet hätte als den Versuch, das Verhalten eines Menschen mit seinem Geschlecht zu erklären. Wer Stereotype über Männer verbreite, mache es nicht besser als jene, die behaupteten, dass alle Frauen gleich seien.

Luna sieht sich als Feministin und ist wütend darüber, dass Frauen in vielen Teilen der Welt benachteiligt sind. Gleichzeitig streitet sie viel mit Leuten, die sich auch als Feministinnen bezeichnen. Luna sagt, Emanzipation bedeute für sie, dass sich beide Geschlechter von ihren gesellschaftlichen Rollen befreien sollen. Emanzipation bedeute Gleichheit und Freiheit. Aber Freiheit sei wichtig. Viele ihrer Bekannten würden jedoch ständig die Unterschiede zwischen Männern und Frauen betonen. Und anstatt die Selbstständigkeit der Frauen zu betonen, verlangten diese Bekannten immer wieder, dass Frauen besonders vor Männern geschützt werden sollten. "Ich saß mal in einer Runde, in der ein Mädchen gesagt hat, alle gesellschaftlichen Gruppen seien schützenswert außer die Gruppe der weißen Männer – und ihr gegenüber saß ein weißer Mann. Wie kann man sich mit jemandem im selben Raum befinden und ihm ins Gesicht sagen, er sei nicht schützenswert?" Luna hat dann angefangen, mit dem Mädchen zu streiten.

Ich streite mich nicht gerne, und ich fühle mich auch nicht als Teil einer besonders schützenswerten Gruppe. "Du willst ja bloß keinen Ärger", sagt Luna dann. Vielleicht hat sie recht. Ich möchte eigentlich, dass mich alle in Ruhe lassen. Luna meint, das seien die Schlimmsten, die sich aus Bequemlichkeit nicht streiten würden. Das hat mich etwas beleidigt. Luna sagt, sie wolle weder von Männern bedrängt werden noch von Frauen einfach so gegen Männer in Stellung gebracht werden. Manchmal müsse man auch streiten, nur um in Ruhe gelassen zu werden.

Kurz nach dem Kuss-Vorfall schrieb mir Luna per Mail, dass sich der Typ noch mal per SMS gemeldet habe: "Hey, was geht?" Ich riet ihr, nicht zu antworten. Sie tat es aber doch. Sie schrieb ihm, dass sie keinen Kontakt mit ihm wolle. Weil er nicht verstehe, wenn man ihm eine Grenze zeige: "Schade – du hast mit deiner Grenzüberschreitung einen eigentlich guten Abend zerstört." Vielleicht würde es vielen jungen Männern helfen, wenn sie einmal so eine Nachricht bekämen.

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