Harald Martenstein Über Stapel und Ordner

© Martin Fengel
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Aus der Serie: Martenstein ZEITmagazin Nr. 45/2018

Ich möchte kurz meine Umgebung beschreiben, dies ist eine home story. Im Moment sitze ich in meiner Küche. Als Kind habe ich in der Küche meiner Oma Hausaufgaben gemacht, oft mit Erfolg. Seitdem bin ich von dem Glauben besessen, dass ich nur in Küchen gut arbeiten kann. In jeder Wohnung, die ich allein bewohnte, habe ich sofort den Küchentisch zum Arbeitsplatz gemacht. Zum Essen bin ich in der Wohnung irgendwoandershin gegangen, ich habe sogar schon in der Badewanne gegessen. Beim Zusammenleben kann meine Küchenfixierung zu Problemen führen, die Küche gehört ja irgendwie allen Bewohnern.

Als wir eine Wohnung kauften, habe ich eine zweite Küche einbauen lassen. Es gibt keinen Bedarf für eine zweite Küche. Dort wurde folglich noch nie gekocht oder auch nur ein Brot geschmiert. Die zweite Küche ist trotzdem keine Attrappe, sonst würde es nicht funktionieren. Es gibt dort alles, Besteck, Herd, Kühlschrank, Töpfe, Vorratskammer, sogar Topflappen. Jamie Oliver könnte sofort loslegen.

Auf dem Tisch liegen Papierstapel. Um ehrlich zu sein, der Tisch ist komplett von Stapeln mit Dokumenten, Briefen, Ausdrucken und ausgerissenen Zeitungsartikeln bedeckt, nein, Moment, da sehe ich auch Stapel mit Büchern und sogar einen mit CDs, keine Ahnung, wieso. Auf dem Boden befinden sich weitere Stapel. Jeder Stapel steht für ein Projekt, eine Idee oder einen Vorgang, für Sachen, die ich erledigen muss. Es herrscht also Ordnung, in gewisser Weise. Meistens schaue ich mir einen Stapel nie wieder an, nachdem ich ihn angelegt habe. Aber ich lege gewissenhaft jedes neue Dokument oben auf den richtigen Stapel, dabei irre ich mich fast nie. Und wenn es wirklich mal dringend wird, habe ich sofort alles griffbereit. Es wird selten dringend, aber es kommt schon mal vor.

Wie jeder weiß, erledigen sich die meisten Dinge von selbst. Ich kann also relativ oft einen dieser Stapel komplett und ungesehen wegwerfen. Dieses System funktioniert seit vielen Jahren, genau gesagt, seit ich in der Küche meiner Oma keine Hausaufgaben mehr mache. Meine Oma hat meine Stapel abends eingesammelt, einen einzigen Großstapel oder Nachtstapel gebildet und zwischen die Unterstapel Kaffeelöffel gelegt, damit ich mich zurechtfinde. Manchmal frage ich mich, wieso ich seit vielen Jahren einem Beruf nachgehe, ohne sozial auffällig zu werden.

Ich war begeistert, als ich ein Buch über effektives Arbeiten in die Finger bekam, es stammt von dem Philosophen John Perry. Er schreibt, dass es zwei Sorten Menschen gibt, die horizontal organisierten, zu denen Perry und ich gehören, und die vertikal organisierten. Die Vertikalen legen Ordner an, heute meist auf dem Computer. Sie ersticken nach einer Weile in Ordnern, in die sie aber genauso selten hineinschauen wie ich in meine Stapel. Ihre Schränke sind voll, von Zeit zu Zeit kaufen sie größere, ihr Schreibtisch aber ist fast leer. Deshalb glauben sie, alles im Griff zu haben. Großer Irrtum! Die Vertikalen gehen morgens ins Büro, lassen den Blick über die Leere schweifen und denken: "Es gibt nichts zu tun, eigentlich könnte ich faulenzen." Auf diese Idee komme ich nie. Denn wir Horizontalen haben immer den totalen Überblick, was unser Pensum betrifft. Wenn Küchenboden und Tisch komplett von Papier bedeckt sind und sogar die Vorratskammer, weiß ich, dass etwas passieren muss. Dann erledige ich tatsächlich zwei oder drei Stapel und werfe drei andere weg. Niemals habe ich etwas aus den weggeworfenen Stapeln vermisst.

Ich reise mit leichtem Gepäck.

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Kommentare

8 Kommentare Seite 1 von 2 Kommentieren

Eigentlich müsste man mal so etwas wie eine "Stapelbasis" entwickeln, so eine Art Podest mit Schublade, auf dem man jeweils einen Stapel ablegt und das es ermöglichen würde, die untersten, fortlaufend zu Kompost gewordenen Papiere eines Stapels gleich als Blumentopf-Erde weiter zu verwenden.

Das wäre mal nachhaltig, und würde erst noch die chronischen Gewissensbelastungen durch die ständig sichtbaren Stapel verringern. Im Gegenteil - man könnte sich jeden Tag über die eigene Biomassenproduktion freuen.

Herr Martenstein kriegt ja das schlechte Gewissen auch nur durch aktive Verdrängung weg: "Leichtes Gepäck", jaja.
;-)