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Ilija Trojanow "Erst wenn die ganze Welt dir fremd ist, bist du ein freier Mensch"

Ilija Trojanow lernte, dass es nicht den einen, sondern viele Wege gibt, um Freiheit zu erfahren. Interview:
Aus der Serie: Das war meine Rettung ZEITmagazin Nr. 45/2018

ZEITmagazin: Herr Trojanow, in Ihrem Buch Nach der Flucht schreiben Sie: "Wer nirgendwo dazugehört, kann überall heimisch werden." Wo sind Sie heimisch?

Ilija Trojanow: Im Prinzip überall und nirgendwo. Als Geflüchteter findet man nie wieder in den ursprünglichen, unschuldigen Zustand der Beheimatung hinein, ein Gefühl der Fremdheit bleibt ein Leben lang bestehen.

ZEITmagazin: Ihre Eltern flüchteten mit Ihnen aus Bulgarien, als Sie sechs Jahre alt waren. Wussten Sie, dass es eine Flucht war?

Trojanow: Meine Eltern sagten mir, wir fahren ans Meer, in den Urlaub. Erst an der Grenze von Jugoslawien nach Italien habe ich verstanden, dass es in die falsche Richtung ging. Ich spürte die Angst bei meinen Eltern, mitten in der Nacht sind wird durch einen Fluss gewatet, und mein Vater trug mich auf seinen Schultern. Da wusste ich: Hier passiert etwas ganz Dramatisches. Nach einem Monat in einem Flüchtlingslager in der Nähe von Triest sind wir dann zu Fuß und per Anhalter nach Deutschland geflohen.

ZEITmagazin: Hatten Sie Angst?

Trojanow: Meine Eltern sagten, ich hätte keine gehabt, hätte auch nie geweint. Ich weiß nicht, ob das an meiner Persönlichkeit liegt oder ob Kinder mit solchen Situationen besser umgehen, weil sie nicht ahnen, was alles schiefgehen kann. Aber bis heute bin ich außergewöhnlich angstfrei. Vielleicht weil der Zusammenstoß mit etwas Neuem für mich seit meinem sechsten Lebensjahr eine Konstante wurde. Ich musste mit dem Fremden, mit Überforderungen klarkommen, deshalb geht von der Fremde für mich nie eine Bedrohung aus. Das Gleichbleibende ist für mich eine Bedrohung.

ZEITmagazin: Was ist für Sie Heimat?

Trojanow: Die Liebe ist für jeden Menschen die erste Heimat. Wenn einer von zwei Liebenden fliehen muss, entscheidet er sich meistens für den Geliebten und gegen das eigene Land. Das ist sehr relevant, weil die selbst gewählte Heimat immer stärker ist als die, in die man hineingeboren wird.

ZEITmagazin: Sie haben unterschiedliche Kulturen bereist, waren in Asien, Afrika. Was reizt Sie?

Trojanow: Beim Reisen geht es immer darum, sich ins Ungewisse zu begeben, sich infrage zu stellen mit dem gesamten kulturellen Gepäck, was man mit sich trägt. Ich reise, um mich immer wieder in all meinen Annahmen und Haltungen zu hinterfragen.

ZEITmagazin: Welche Bedeutung hatte bei all diesen Reisen das Wort Rettung für Sie?

Trojanow: Eine metaphysische. Ich fand es unheimlich spannend, zu verstehen, dass es in allen Religionen eine Pilgerschaft gibt und dass viele Menschen die Errettung ihrer Seele an dieser Reise festmachen. Es ist eine Ursehnsucht, im Leben eine Reise zu vollziehen, die erst narrativ zur Rettung führt.

ZEITmagazin: Sie sind selbst gepilgert.

Trojanow: Ich habe ein paarmal den Hadsch nach Mekka und Indien gemacht. Mich faszinierte das Bedürfnis der Menschen, diese Handlung zu vollziehen, die ins Utopische führt. Man kehrt mit der Illusion zurück, man sei gereinigt, obwohl man weiß, dass sich am nächsten Tag wieder Negatives ansammelt. Die Rettung ist nur kurz, sie entzieht sich uns wieder. Das ist für mich die Widersprüchlichkeit.

ZEITmagazin: Die Rettung ist eine Erfahrung von Freiheit, die sich jedoch nicht festhalten lässt?

Trojanow: Genau. Es geht um die vorübergehende Befreiung von Machtstrukturen, von Hierarchien, von Erniedrigungen im Alltag und von materiellen Dingen. Auf meiner Pilgerreise wurde mir bewusst, dass es die eine spirituelle Rettung nicht gibt, die Idee eines einzigen Weges der Rettung ist eine Illusion. Erst wenn die ganze Welt dir fremd ist, bist du ein freier Mensch. Ich arbeite gerade daran, mich von allen Illusionen loszulösen.

ZEITmagazin: Was ist Ihnen nach dieser Erkenntnis heute wichtig?

Trojanow: Die Offenheit und Neugierde und vor allem: nicht von vornherein zu urteilen. Ich habe in der Jugend viersprachig gelebt und erfahren, dass die Realität in jeder Sprache anders ist und somit auch die Beschreibung und Haltung zur Welt differiert. Aufgrund meiner Herkunft habe ich die Fähigkeit, mich in fast jede Meinung hineinzuversetzen, und bin bereit, Unangenehmes, unter Umständen auch Beleidigendes anzuhören. Ich weiß, dass Menschen ganz unterschiedliche Meinungen vertreten. Wir können nur dann eine freie Gesellschaft haben, wenn wir in einem offenen Diskurs so etwas wie eine humane Übereinkunft oder zumindest eine Toleranz verschiedener Positionen erreichen. Wenn wir jemandem sagen, du hast keinen Platz in dieser Gesellschaft, erreichen wir nur eine Ghettoisierung. Etwas Hässliches.

Das Gespräch führte Louis Lewitan. Er ist Psychologe und gehört neben der Fotografin Herlinde Koelbl, Evelyn Finger, Anna Kemper, Ijoma Mangold, Christine Meffert und Khuê Phm zu den Interviewern unserer Gesprächsreihe

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