Jamie Lee Curtis "Es gab eine Zeit, in der ich die altersbedingten Veränderungen rückgängig machen wollte"

© Anatol Kotte
Aus der Serie: Ich habe einen Traum ZEITmagazin Nr. 45/2018

In dem Roman Die alltägliche Physik des Unglücks von Marisha Pessl heißt es: "Das Leben hängt von ein paar Sekunden ab, die wir nicht kommen sehen. Was wir in diesen Sekunden entscheiden, bestimmt alles Weitere von da an. Und wir haben keine Vorstellung davon, was wir tun werden, wenn es so weit ist."

Dementsprechend gestalte ich mein Leben: Ich plane nicht. Und so habe ich auch nie davon geträumt, Schauspielerin zu werden, obwohl meine Mutter diesen Beruf hatte und ebenso mein Vater, der unsere Familie verlassen hat, als ich noch ein kleines Mädchen war. Ich ging aufs College und hatte keine Zukunftspläne. Ich war nicht sonderlich clever, eine akademische Laufbahn zeichnete sich nicht ab. Damals habe ich zufällig einen Typen kennengelernt, der Tennislehrer war und nebenbei einen Schauspieler managte. Er fragte mich, ob ich nicht Lust hätte, für eine Filmrolle vorzusprechen, und ich sagte spontan zu. Die Rolle habe ich zwar nicht bekommen, aber dafür nahmen mich die Universal Studios als Schauspielerin unter Vertrag. Nichts davon hatte ich ersehnt, erträumt oder auch nur kommen sehen. Aber dieser Moment hat mein weiteres Leben bestimmt. Mein Leben ist also tatsächlich ein Resultat unvorhersehbarer Augenblicke. Meine Erfahrungen und Entscheidungen sind es, die mich ausmachen. Wozu also träumen oder die Zukunft planen?

Es gab eine Zeit in meinem Leben, in der ich die altersbedingten Veränderungen meines Körpers rückgängig machen wollte. Ich habe es mit plastischer Chirurgie versucht und mit Botox. Es hat nicht funktioniert und führte zu einer Alkohol- und Opiatabhängigkeit. Ich habe dann erkannt, dass Akzeptanz die einzige Lösung ist. Im November werde ich sechzig – und das Altern macht mir keine Angst mehr. Falls ich in den nächsten Monaten nicht auf die Idee kommen sollte, ein Glas Wein zu trinken, werde ich am 3. Februar 2019 zwanzig Jahre lang trocken gewesen sein. Und zwar nicht weil ich es mir so erträumt habe, sondern weil das Überwinden der Abhängigkeit, egal, wie schmerzvoll es auch sein würde, die einzige Lösung darstellte.

Meine Entscheidung, öffentlich darüber zu reden, hat einen simplen Grund: Vor mehr als zwanzig Jahren las ich in einem Magazin den Artikel eines renommierten amerikanischen Journalisten, der sich darin zu seiner Schmerzmittel-Abhängigkeit bekannte. Dieser Artikel hat mich dazu motiviert, ebenfalls an die Öffentlichkeit zu gehen. Wenn es ein Geheimnis bleibt, kann es niemandem nutzen. Wenn ich aber offen darüber rede, besteht zumindest die Möglichkeit, dass jemand, der ähnliche Probleme hat, dadurch den Mut findet, sich seinen Problemen zu stellen. Wie andere Menschen auf meine Geschichte reagieren, habe ich natürlich nicht in der Hand. Es ist also völlig unerheblich, welche Reaktion ich mir wünsche oder erträume. Was passiert, passiert.

Diesen Artikel finden Sie als Audiodatei im Premiumbereich unter www.zeit.de/audio

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