Jan Philipp Albrecht Über alte und neue Autos

© Frank Molter/dpa
Aus der Serie: Gesellschaftskritik ZEITmagazin Nr. 45/2018

Der Grünen-Politiker Jan Philipp Albrecht, Umweltminister in Schleswig-Holstein, wurde neulich in einem Interview mit der Süddeutschen Zeitung auf seinen VW Bulli angesprochen. Dieser sei 50 Jahre alt, es handelt sich also um jenen legendären VW-Bus mit den putzigen runden Leuchten, so ein Uraltmobil, Symbol allen Hippietums. So ein Auto, möchte man denken, kann nicht böse sein. Es ist doch vor allem unfassbar niedlich. Jan Philipp Albrechts Exemplar, seufz, ist sogar mit riesigen Comics von Tim und Struppi bemalt. Weil die Leser aber ahnen, dass ein VW-Bus, der 50 Jahre alt ist, die neuen Schadstoffnormen nur schwer erfüllen kann, beschwichtigte der Grünen-Politiker sie sofort mit zwei Argumenten: Erstens stehe das Auto fast nur noch rum (das ist bei VW Bussen jedoch sehr häufig der Fall, denn sie sind Ferien- und Wochenendmobile, es ist extrem unpraktisch, mit ihnen durch enge Straßen der Stadt zu fahren, dafür hat man einen schnittigen Zweitwagen oder nutzt car2go). Zweitens sei der Bus schon kreuz und quer durch Europa gerumpelt. Damit wollte er natürlich sagen, was er leider so nicht gesagt hat: "Mein Bulli ist ein guter Bulli, denn er hat höchstpersönlich die Sache mit der europäischen Einigung gemacht und nicht etwa von Korsika bis zum Nordkap europäische Luft verpestet. Das musste er nur tun, weil er in einem höheren Auftrag unterwegs war. Ihm ging es ja nicht nur um Einigung, sondern auch um Liebe. Ja, wäre ich nicht Minister, ich würde erzählen können, dass die Vorbesitzer des Busses, Klischee hin oder her, wilde Dinge veranstalteten, und zwar nicht nur der Korse mit der Norwegerin, sondern auch Männer mit Männern, Frauen mit Frauen. Mein Bus, mein lieber Bulli, hat in den 50 Jahren so viel für ein besseres Miteinander getan, da wäre es doch kleinlich, ihm auf seine alten Tage seine paar Stickoxidchen anzulasten."

Es wäre ein neuer Gedanke, wenn nicht nur der Motor eines Autos darüber entscheiden würde, wo das Auto fahren darf, sondern seine Vorgeschichte. Pluspunkte könnte es einheimsen, wenn es zum Beispiel Omis zum Friedhof, Kinder zum Spielen und Tramper zum Meer brachte.

Gerade wird einigen Politikern vorgehalten, sie führen zu dicke Dienstwagen. Der Mercedes-Benz S-Guard 600 des Berliner Bürgermeisters ist rein äußerlich das Gegenteil des Tim-und-Struppi-Busses. Zwei Dinge haben diese beiden Autos aber doch gemein: Sie sind beide sehr teuer. Und ihre Besitzer können sich beide einreden, der Fahrtzweck katalysiere die Abgase.

Korrekturhinweis: In unserer Glosse Gesellschaftskritik hatten wir unterstellt, dass der VW-Bus von Jan Philipp Albrecht einen Dieselmotor hat. Tatsächlich hat er einen Benzinmotor. Die Redaktion

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