Kordeln Richtschnur

© Peter Langer
Aus der Serie: Stilkolumne ZEITmagazin Nr. 45/2018

Seit es Kleidung gibt, gibt es auch das Problem, dass sie irgendwie am Körper gehalten werden muss. Das ist umso schwerer, je unpräziser der Schnitt der Kleidung ist. Man half sich früher mit Fibeln, Spangen und Nadeln. Und mit Kordeln. Die drehten sich die Bauern schon 5000 Jahre vor Christus in der bandkeramischen Zeit aus Pflanzenfasern, um ihre Kleidung am Leib zu fixieren – und auch um Gefäße mit Mustern zu verzieren. Bei den Römern wurde die Stola mithilfe einer Kordel gestrafft. Frauen betonten ihre Weiblichkeit, indem sie eine direkt unter der Brust um ihren Leib schnürten.

Die Kordel hat traditionell den Ruf der Einfachheit. So ist sie auch Teil der Kleidung, die die Brüder des Kapuzinerordens tragen: Ihre Kutten werden durch eine dicke weiße Kordel zusammengehalten. Sie ist Symbol der Bescheidenheit. Doch diese Bedeutungszuordnung macht sie auch zu einem Schmuckstück. Schließlich geht es nicht darum, die Kutte auf irgendeine einfache Weise zusammenzuhalten. Vielmehr braucht es diese ganz besondere Kordel.

Heute ist die Kordel weniger aus praktischen Gründen in Gebrauch, sondern dient häufiger der Zierde. Sie schmückt Hüte, Mützen, Kleider. Uniformen haben oft aufwendig gestaltete Kordeln. Und eine besondere Bedeutung hat die Kordel seit den Siebzigerjahren in der Rap-Szene. Das Markenzeichen der Rapper ist der Kapuzenpullover. Einst ein eher unkleidsames, betont praktisches Stück, ist er heute aus der Mode nicht mehr wegzudenken. Ein Zug mit Kordel verhindert, dass einem die Kapuze vom Kopf rutscht. Sie sorgt auch dafür, dass man sich die Kapuze tief ins Gesicht ziehen kann. Dies macht die Kapuze mit Kordel zum Symbol für Menschen, die wie die Rapper ihre Verbundenheit zur Straße betonen wollen. Der einst rein funktionelle Einsatz der Kordel, um damit einen Saum oder einen Bund zuziehen zu können, ist so ein Bestandteil der Mode geworden.

Ab 2011 gewann die Kordel auch in der Damenmode wieder an Beliebtheit. Kordel-Gürtel, am liebsten lässig zusammengebunden, umschlangen lange Blusen und Kleider.

Heute ist die Kordel in den Kollektionen allgegenwärtig. Wir sehen bei Versace oder Preen by Thornton Bregazzi Kleider, die mit aufwendigen Kordelzügen gerafft werden. Bei Aalto gibt es ein Minikleid, das fast nur aus gerafften Kordelzügen zu bestehen scheint. So ist die Kordel, die einmal für das Gesetz der Straße stand, heute das Gesetz der Laufstege. Sie ist wieder zur Zierkordel geworden. Dass deswegen die betreffenden Kleider alle besonders gut sitzen, ist allerdings nicht gesagt.

Foto: Peter Langer / Kleid von Versace

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