© Yves Bachmann

Zürich Und ich liebe sie doch

Wie lebt es sich als junger Erwachsener in Zürich? Wir haben die 25-jährige Schweizer Kolumnistin Nina Kunz gebeten, uns das Lebensgefühl ihrer Generation zu beschreiben. Und sie hat auch mit anderen darüber gesprochen: Sechs Kinder der Stadt erzählen, was ihnen ihre Heimat bedeutet und wie sie sie auf den Kopf stellen wollen. Von
ZEITmagazin Nr. 45/2018

Jeden Frühling kriege ich die Krise. Dann kriechen all die jungen, kunstvoll tätowierten Menschen aus ihren WGs heraus und inszenieren ihr Lebensglück rücksichtslos im öffentlichen Raum. Sie formieren sich zu Grüppchen und belagern den Idaplatz, den Flusssteg beim Dynamo und die Seepromenade. Sie werfen beim Lachen die Haare in den Nacken und lassen ihre absurd weißen Zähne blitzen. Wenn ich im Frühling durch Zürich spaziere, habe ich das Gefühl, ich sei per Zufall in einer Coca-Cola-Kampagne gelandet. Alle haben Spaß und sehen aus wie Models. Nur ich bin psychisch lädiert und habe einen Pickel.

Am Letten, einem stillgelegten Bahnhofsareal am Fluss, spielen die Leute schon im April Beachvolleyball und sind total braun gebrannt. Im April? Wie machen die das? Ich weiß es nicht. Der neuste Gag ist, dass sich die Leute bei schönem Wetter in aufblasbaren Gummibooten die Limmat hinuntertreiben lassen, vom Hauptbahnhof bis zur Werdinsel oder noch weiter, wenn man will. Und da haben die jeweils alles mit an Bord: Minigrills, Kühltaschen für das Bier, ganze Musikanlagen. Hier in Zürich achtet man auf gute Infrastruktur – generell wie im Privaten. Die Zürcherinnen und Zürcher sind immer perfekt ausgerüstet.

Wenn es regnet, haben wir die besten Gore-Tex-Jacken, im Sommer die teuerste Vichy-Sonnencreme. Wir sind es gewohnt, dass alles funktioniert. Es gibt hier so wenig Probleme, dass der Gemeinderat zum Beispiel stundenlang (und hochemotional!) über Parkplätze streitet, die irgendwo hingebaut werden sollen. Und damit meine ich nicht: Parkplatz-Anlagen. Damit meine ich: einzelne Parkfelder! Zürich hat nämlich alles – außer Platz. Wenn der Bus drei Minuten zu spät ist, entschuldigt sich die VBZ via Lautsprecher bei den Wartenden. Und es gibt tatsächlich eine App, mit der man der Stadt melden kann, wenn etwas nicht gut ist. Wenn zum Beispiel ein Abfalleimer schräg in der Halterung hängt. Ja, das ist Zürich.

Einmal habe ich eine Weile in Bern gewohnt, weil ich es in Zürich nicht mehr ausgehalten habe. Das Erste, was mir auffiel, war, dass die Frauen im Schnitt drei Kilogramm schwerer sind. In Zürich haben alle einen Thigh-Gap, und darum will ich auch einen. Die Frauen hier machen mich eh fertig. Schon im Gymnasium hatten die Mädchen Haare wie von L’Oréal und ich weiß noch, wie ich mich auf den Schulausflug zum See gefreut hatte, um zu sehen, wie deren Frisur ungestylt aussieht – nur um dann festzustellen, dass diese Haare tatsächlich so aussehen und ich mir dachte: Zürich ist wohl die einzige Stadt, in der man den Leuten auch nackt ansieht, wie reich sie sind, da die Überlegenheit genetisch bedingt ist.

In Zürich machen auch alle was Interessantes. Studieren Architektur, betreiben einen Pop-up-Laden oder arbeiten in der Gastro. Es gibt keinen Platz für das Hässliche, das Skurrile. Small Talk ist darum ganz übel. Nie sagt jemand: Puh, geht mir grad nicht so gut. Ohne Xanax wär’s wohl noch ärger. Immer nur: Geht mir super, war gestern mit dem und dem unterwegs. Und wenn mal was Schlechtes gesagt wird, dann als gesellschaftstauglicher Witz getarnt: "Gestern hab ich den Tag unproduktiv bei Netflix verchillt. Haha, ich faule Sau!" Hier in Zürich gibt sich nie jemand eine Blöße. Hier verdrücken sich alle durch das Hintertürchen der Ironie. Es gibt keine Liebesgeständnisse, kein Pathos. Es ist die Stadt der Anti-Exzentriker.

In Zürich genügst du nie. Schon Gymnasiasten tragen Moncler-Jacken und 21-jährige Galeristinnen Balenciaga-Sachen. Ich frage mich: Woher haben die Kids all das Geld? Zahlen das die Eltern? Oder sparen die so viel, weil sie immer auf der Gästeliste stehen? Ich blick da nicht durch. Aber so viel sagen kann ich: Die Stadt macht dich kirre. Du bist nämlich immer zu dick, zu wenig easy, zu asozial. Am Freitagabend zu Hause zu bleiben, ist zum Beispiel keine Option. Alle sind wo. Gehen tanzen in der Zukunft, stehen vor dem Rothaus rum, trinken Bier im Helsinki. In Zürich betreiben alle Hochleistungs-Work-Life-Balance. Anstrengend.

Und die Stadt selbst? Da würde ich jeden einzelnen Quadratzentimeter Boden ablecken. No problem. Nach einer Freitagnacht fahren am Samstagmorgen schon Putzwägelchen durch die Langstraße (das ist so was wie unsere Reeperbahn). Eigentlich werden die Letzten, die den Club verlassen, mit dem Putzwägelchen weggefegt. Wenn ich die Augen schließe und an Zürich denke, rollen diese Wägelchen vorbei. Sie sind weiß und haben auch seitlich Bürsten, damit sie den Randstein auch von der Seite her fegen. Stinken tut es in Zürich auch nur nach der Street Parade, diesem nun kommerziellen Überbleibsel der Rave-Kultur. Sonst riecht es nach Kirschblüten, Babyfeuchttüchern und frisch gebackenem Brot.

Ich bin 1993 geboren. Damals gab es hier noch eine offene Drogenszene. Genauer gesagt: die größte offene Drogenszene Europas. Es starben jährlich Hunderte Leute an den Folgen des Konsums. Zum Teil verelendeten sie sogar auf den Bäumen hinter dem Hauptbahnhof. Ich bin ganz in der Nähe aufgewachsen – im Kreis 4, dem ehemaligen Rotlicht-Milieu. Heute ist es hier fast zur Erstarrung gentrifiziert. Es gibt zwar noch vereinzelte Sexarbeiterinnen, aber drei Meter weiter kannst du dir Tofu-Burger und Ginger-Lemongrass-Mojito kaufen (für 17 Franken). Als ich klein war, war das noch ganz anders. Auf dem Schulweg kam ich an einem Waffenladen vorbei, und wir fanden praktisch jeden Tag blutige Spritzen im Innenhof. Uns wurde eingetrichtert: Nicht anfassen! Sofort die Lehrerin holen!

In der Schule war ich die einzige Halbschweizerin (mein Vater ist Engländer, aber ich habe ihn nie gesehen, da er das mit dem Ecstasy nicht so im Griff hatte). Die anderen Kinder waren neu in der Schweiz, weil sie erst gerade aus Sri Lanka oder dem Balkankrieg geflüchtet waren (ein Mitschüler hieß Milos Milosevic). Eine meiner prägendsten Kindheitserinnerungen ist, wie der Vater einer Freundin sie mit dem Festnetztelefon verprügelte. Sie wohnte an der Weststraße, als noch Lastwagen durchs Wohnquartier bretterten und die Häuser schwarz waren vor Ruß. Das ist lange her. Jetzt ist da alles hübsch. Es gibt Urban Gardening und Cocktailbars.

Damals warb Zürich noch mit dem Slogan "Little Big City", später wurde versucht, Touristen mit dem Spruch "Downtown Switzerland" anzulocken. Und diese PR-Phrasen sind bezeichnend für das Grundproblem der Stadt: Sie ist total humorlos, weil sie gerne größer wär, aber nicht größer ist. Unsympathisch. Größenwahnsinnig. Aber eigentlich ist man sich seiner Bedeutungslosigkeit und seiner Spießigkeit bewusst, darum muss man überkompensieren mit so doofen Sachen, wie: Ah! Wir müssen jetzt auch ein Filmfestival haben oder ein Formel-E-Rennen. Wir haben ja das Cash, wir kaufen uns alles ein. Zürich kauft sich alles Großstädtische ein, ohne zu merken, dass es das wirklich Großstädtische, das Wirrwarr, das Schwierige mit dieser Politik, mit dieser "Aufwertung" verdrängt.

Dafür ist in Zürich alles easy. Und nice. Zürich ist, wenn einen Corine Mauch, die Stadtpräsidentin, auf dem Weg zur Uni mit ihrem E-Bike überholt. Zürich ist, wenn 18-Jährige auf Kosten der Eltern eine Weltreise machen. Zürich ist, wenn all das Kokain kein Problem ist, solange das Bruttosozialprodukt wächst. Zürich ist, wenn man genervt ist, wenn man im Bus nicht sitzen kann. In Zürich muss man sich nie fragen: Bin ich hier sicher? Komm ich noch nach Hause? In Zürich ist eh alles ums Eck – und sonst fährt der Nachtbus.

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