© Christian Werner

Bahnhof Berlin-Wannsee Malen mit Kacheln

Der Bahnhof Berlin-Wannsee wird neu gestaltet – nach Plänen des Illustrators Christoph Niemann. Von
ZEITmagazin Nr. 46/2018

Berlin ist natürlich super. Nur einen klitzekleinen Nachteil hat es: Es liegt nicht am Meer. Auch die Berge, die von diesem traurigen Umstand ablenken könnten, sind weit weg. Was also bleibt dem Ortsansässigen, wenn er alle paar Jahre genug hat von Berghain, Ku’damm und Tamtam? Richtig, er packt die Badehose ein – und dann nichts wie raus nach Wannsee. Sand, so pudrig wie die Düne von Arcachon, Kiefern, so berauschend wie die Schirmpinien Korsikas. Und das ist nur die Natur!

Auf keinem Lago sind die Segeljachten mondäner. Und wer einmal im Strandbad Wannsee Neuköllner Nixen in vollem Ornat – Plateau-Pantoletten, Sarong in Signalfarben, Fransenbustier, Kreolen bis auf die Schultern – gesehen hat, träumt nie mehr von Saint-Tropez. Volles Miljöh, aber ohne Zilles Ringelbadeanzüge.

Drum herum eine ganz andere Klientel: In den Kolonien Alsen und Wannsee ballt sich alles, was Berlin sonst an großbürgerlichem bis hochadeligem Charme vermissen lässt. Jagdschlösschenmäßige, tempelhafte und burgartige Architektur entfaltet ihre Pracht. Mietskasernen? Hinterhöfe? Wurden hier nie gesehen.

Und die Kunst! Liebermann selbstverständlich, der die Leichtigkeit des Impressionismus endlich nach Preußen brachte, sein Sehnsuchtsgarten, immer neue Interpretationen hat er ihm gewidmet, in Wannsee kann man den "in echt" anschauen. Kleist, der sich mithilfe einer Pistolenkugel am kleinen Wannsee von der Schwere befreite, die ihn seit Jahren bedrückte. Auch sein Grab liegt hier.

Dann das Literarische Kolloquium, Bühne für große und kleine Dichter aus aller Welt. The American Academy – eine Institution, gegründet zur Pflege des transatlantischen Verhältnisses, als dieses eigentlich noch recht gepflegt war.

Schließlich noch Weiße mit Schuss im Loretta – dem Biergarten mit Blick auf den See (man kann auch ein Pils nehmen). Die Fähre nach Kladow, die man verrückterweise mit dem stinknormalen Bus-Ticket nutzen darf. Die Ruderclubs, der Deutsche Unterwasser-Club, die Segelvereine!

All diese Herrlichkeiten erreicht man mit der S-Bahn, Haltestelle: Wannsee, bis auf das Strandbad, da muss man schon Nikolassee raus. Der Bahnhof, 1874 eröffnet, nach komplettem Umbau 1928 wiedereröffnet, sehr germanisch wirkend, strahlte mit seinen beigefarbenen Fliesen in den unterirdischen Gängen bislang allerdings leider den Charme eines öffentlichen Urinals aus.

Passé! Auf Initiative von Ruth Ur, einer international arbeitenden Kuratorin, hat die Deutsche Bahn den Künstler und Illustrator Christoph Niemann beauftragt, die Unterführung neu zu kacheln. Entstanden ist ein wunderbares Mosaik von Wannsee, mit vielen Sehenswürdigkeiten dieses schönen Ortes, der der Hauptstadt ein bisschen das Gefühl gibt, am Meer zu liegen.

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