© privat; Andrea Grambow & Joscha Kirchknopf

Brillen Zwischen mir und der Welt

Seit 40 Jahren muss unser Kollege eine Brille tragen. Ein Blick zurück, nicht im Zorn, auf die Modelle seines Lebens. Von
ZEITmagazin Nr. 46/2018

Die Welt, wie ich sie kenne, verschwindet an einem Samstag vor ein paar Wochen für mehrere Stunden. Denn an diesem Samstag passiert das, was eigentlich niemals passieren kann, niemals passieren darf. Eine Katastrophe, ein Desaster, eine Tragödie, ein Debakel, ein Unglück, ein Drama. Ich komme aus der Dusche, das Telefon klingelt, und um zu schauen, welcher Name auf dem Display steht, brauche ich meine Brille, denn ich bin weitsichtig – ohne Brille kann ich nichts auf dem Display des Telefons lesen. Ich weiß grob, wo ich meine Brille hingelegt habe, natürlich habe ich sie zusammengefaltet, so wie ich meine Brillen immer zusammenfalte, wenn ich sie nicht trage, seit 40 Jahren mache ich das so. Ich greife also nach meiner Brille, aber mein Griff ist zu fest, ich höre ein leises Knacken, und jetzt habe ich nicht eine Brille in der Hand, sondern zwei halbe Brillen.