© privat; Andrea Grambow & Joscha Kirchknopf

Brillen Zwischen mir und der Welt

Seit 40 Jahren muss unser Kollege eine Brille tragen. Ein Blick zurück, nicht im Zorn, auf die Modelle seines Lebens. Von
ZEITmagazin Nr. 46/2018

Die Welt, wie ich sie kenne, verschwindet an einem Samstag vor ein paar Wochen für mehrere Stunden. Denn an diesem Samstag passiert das, was eigentlich niemals passieren kann, niemals passieren darf. Eine Katastrophe, ein Desaster, eine Tragödie, ein Debakel, ein Unglück, ein Drama. Ich komme aus der Dusche, das Telefon klingelt, und um zu schauen, welcher Name auf dem Display steht, brauche ich meine Brille, denn ich bin weitsichtig – ohne Brille kann ich nichts auf dem Display des Telefons lesen. Ich weiß grob, wo ich meine Brille hingelegt habe, natürlich habe ich sie zusammengefaltet, so wie ich meine Brillen immer zusammenfalte, wenn ich sie nicht trage, seit 40 Jahren mache ich das so. Ich greife also nach meiner Brille, aber mein Griff ist zu fest, ich höre ein leises Knacken, und jetzt habe ich nicht eine Brille in der Hand, sondern zwei halbe Brillen.

Meine Brille ist am Nasensteg auseinandergebrochen – an ein Aufsetzen ist nicht zu denken, sie hält ja nicht mehr, nirgendwo. Das Telefon klingelt nicht mehr. Ich gerate in Panik. Adrenalin schießt durch meinen Körper. Das Telefon klingelt wieder. Ich stehe da wie gelähmt und tropfe. Und plötzlich wird mir klar, dass ich nicht auf diesen Ernstfall vorbereitet bin, dass ich keinen Notfallplan habe. Und keine Brille. Ich denke nach. Klar ist, dass ich zu meinem Optiker muss, nur er weiß, was jetzt zu tun ist (er weiß zum Beispiel, dass ich eine Ersatzbrille habe, was mir in diesem Moment aber nicht einfällt). Doch um zum Optiker zu kommen, muss ich das Haus verlassen, ich muss auf die Straße, durch die halbe Stadt – ohne Brille.

Ich ziehe mich an, greife irgendwas aus dem Kleiderschrank, Schuhe, Jacke, Brillenhälften einstecken, raus aus der Wohnung, auf die Straße – und die Welt ist ein fremder Ort, verwaschen, wie ein schlechtes Gemälde eines betrunkenen Impressionisten.

Ich fixiere Dinge in der Ferne, ich erkenne den Supermarkt, daneben ist die Tramhaltestelle. Davor noch eine Ampel, und obwohl ich Rot und Grün unterscheiden kann, finde ich die Tutgeräusche, die mit der Grünphase beginnen, irgendwie hilfreich. Dafür kann ich nicht erkennen, wann die nächste Tram kommt, es scheint allerdings keine zweistellige Zahl zu sein. Langsam nehme ich auf dieser Drahtbank Platz und versuche so zu tun, als könne ich alles erkennen.

Unser Autor mit Sportbrille, um 1984. Interessanterweise wurde keins dieser vier Passbilder genutzt. © privat

Als ich drei Jahre alt war, saß ich mit meiner Mutter im Sprechzimmer meines Kinderarztes. Es war eine dieser Routineuntersuchungen, wie sie für Kinder vorgeschrieben sind, aber diesmal stellte der Arzt fest, dass etwas mit meinen Augen nicht stimmte, deshalb schickte er mich und meine Mutter zu einem Augenarzt. Beim Augenarzt wurde mir das rechte Auge abgeklebt, und ich musste durch eine Art Fernglas schauen, und da erkannte ich einen Clown. Oder? Moment! Ist das überhaupt ein Clown? Der Augenarzt fummelte an dem Fernglas herum – tatsächlich, ein Clown, viel besser war der jetzt zu erkennen. Dann wurde mir das linke Auge abgeklebt, wieder das Fernglas, wieder der Clown. Und ich wurde gefragt, was der Clown macht, ob ich ihn gut erkenne oder eher schlecht, ob der Clown einen Hut trägt und ob er eine rote Nase hat. Danach schaute mir der Augenarzt sehr lange und sehr tief in meine Augen, und ich hatte das Gefühl, er sehe etwas, das keiner sehen darf, etwas in mir, das niemanden etwas angeht. Schließlich drehte sich der Arzt zu meiner Mutter und sagte: "Tja, Ihr Herr Sohn ist weitsichtig und braucht eine Brille." Er sagte es in einem etwas mitleidigen Ton, und warum er es meiner Mutter gesagt hat und nicht mir, habe ich nicht verstanden, denn schließlich konnte ich ja schlecht sehen und nicht schlecht hören.

Wir bekamen ein Rezept, darauf waren Zahlen mit einem Plus oder mit einem Minus davor, und mit diesem Rezept gingen wir zu Optik Schure – einem kleinen Laden in der Innenstadt, in dem die Mitarbeiter weiße Kittel trugen. Hier, westdeutsche Provinz, Sommer 1978, bekam ich meine erste Brille. Sie war groß und eckig und braunschwarz, und sie kostete nichts, denn bei dem Modell handelte es sich um ein Kassengestell. Aber all das war mir egal – ich liebte diese Brille, von dem Moment an, in dem ich zum ersten Mal durch sie schaute. Denn dieser Moment änderte alles, dieser Moment veränderte die Welt. Sie bekam plötzlich Schärfe, Glanz, Schönheit – Dinge, von denen ich nichts wusste, nichts wissen konnte. Die Brille hat mir all das geschenkt, und deshalb wurde sie zum Ersten, wonach ich morgens griff, und zum Letzten, was ich zur Seite legte, bevor ich einschlief.

Etwas Gelbes hält vor mir. Aus einer Art räumlicher Erfahrung ahne ich ungefähr die Tür und den Druckknopf, der diese Tür öffnet. Dann stehe ich in der Tram, ich sehe einen freien Platz, ich hoffe, dass es ein freier Platz ist, gehe hin und setze mich. Ja – ist ein freier Platz.

So, wie ich mich gerade fühle – ohne Brille –, müssen sich Leute fühlen, wenn sie träumen, dass sie ohne Hose auf die Straße gegangen sind. Der Zustand ohne Brille, er fühlt sich seltsam an. Als ich meine erste Brille bekam, trugen gerade einmal acht Prozent der deutschen Kinder eine. Ich war also damals so etwas wie heute die SPD in Bayern – etwas, womit man wahlweise Mitleid hat oder worüber man sich lustig macht. Das mit dem Lustigmachen habe ich immer sehr ernst genommen, von Anfang an. Denn einmal, im Kindergarten, rief ein Mädchen, mit dem ich eigentlich befreundet war und das ich zu meinem Geburtstag einladen wollte, "Brillenschlange! Brillenschlange!" hinter mir her. Ich drehte mich um, ging auf das Mädchen zu, schob meine Brille leicht nach oben und sagte, dass ich sie nicht zu meinem Geburtstag einladen werde, und das, obwohl alle eingeladen sind, sogar der bescheuerte Mike. Am Abend rief die Mutter des Mädchens bei meiner Mutter an, ihre Tochter habe den ganzen Nachmittag durchgeweint, denn was sie gesagt habe, tue ihr so unendlich leid und ob ich meine Entscheidung nicht noch einmal überdenken wolle. Meine Mutter teilte mir das mit, und ich griff an meine Brille, schüttelte den Kopf und ging in mein Zimmer. Das war das erste und auch das einzige Mal, dass ich Spott über meine Sehschwäche, über das Tragen einer Brille, erleben musste. Ein Jahr später, in meiner Grundschulklasse, gab es genau zwei Kinder mit Brille, Andre und mich. Eigentlich gab es in der ganzen Grundschule auch keine Erwachsenen mit Brille – Andre und ich waren die einzigen Menschen, die eine Brille hatten. Dummerweise waren Andre und ich auch die Klassenbesten, und vielleicht hatte das Tragen einer Brille in den Achtzigerjahren den gegenteiligen Effekt wie das Tragen des Namens Kevin in den Nullerjahren: Während man einem Kind, das Kevin heißt, wenig bis gar nichts zutraute, traute man einem Kind, das eine Brille trug, viel bis alles zu. "Weiß das denn keiner? Andre! Sag du doch mal!" Weil Andre und ich auch in Sport die Klassenbesten waren, kam uns keiner unserer Mitschüler dumm. Wir waren nicht nur schlauer – wir waren auch stärker und schneller. Offenbar macht es dann nicht mehr so viel aus, wenn man rumläuft wie ein Idiot.

Denn in der Grundschule trug ich die meiste Zeit eine Sportbrille. Eine Sportbrille war damals aber noch etwas ganz anderes als heute, eine Sportbrille hatte vor allem drei Merkmale: Der Nasensteg bestand aus einer durchsichtigen Kunststoffbrücke, die die Nase vor Erschütterungen schützen sollte, beispielsweise wenn einen ein Ball im Gesicht traf. Das zweite Merkmal waren die Brillenbügel, die sich elastisch hinter den Ohren anschmiegten, damit die Brille nicht runterfallen konnte. Egal, was passierte: Die Brille blieb. Das Problem aber waren genau diese Bügel, die entweder zu straff gezogen waren oder zu lasch. Waren sie zu straff, tat es ein bisschen weh, und man bekam leichte Segelohren – waren sie zu lasch, erfüllten sie nicht optimal ihren Zweck, und die Brille rutschte von der Nase. Das dritte Merkmal: Die Brille war ein ästhetischer Albtraum.

Gute Laune trotz Pubertät und ovaler Brille. © privat

Mir war das egal, denn in meiner Selbstwahrnehmung war ich nicht nur sehr schlau, sondern auch sehr sportlich, obwohl die Botschaft der Sportbrille eigentlich war: Brillenträger sollten keinen Sport machen, Sport ist eine Beschäftigung für Menschen ohne Sehbehinderung. Ich trug meine Sportbrille nicht nur beim Sport, sondern auch sonst – und vielleicht war das ein Akt der Rebellion, vielleicht trug ich das hässliche Ding aber auch nur aus Trotz. Denn womöglich wollte ich bereits damals nicht, dass eine Brille mich definiert, dass eine Brille bestimmt, wer oder was ich bin und was ich machen kann und was nicht.

Gerade kann ich gar nichts machen – außer aus dem Fenster der Tram schauen. Starren mich die Leute an? Erkennen sie, dass etwas fehlt in meinem Gesicht? Es war niemals mein Traum, ohne Brille zu leben, und wenn mir Menschen erzählen, sie hätten sich die Augen operieren lassen und könnten jetzt ohne Brille wunderbar sehen, dann bekomme ich es sofort mit der Angst zu tun, weil ich nicht verstehen kann, wie man jemandem erlauben kann, an seinen Augen rumzufummeln. Abgesehen davon: Was ist denn so toll daran, keine Brille tragen zu müssen?

Andererseits war noch Mitte der Achtzigerjahre das Image der Brille objektiv betrachtet sehr schlecht. Wer trug denn damals Brille? Helmut Kohl. Heinz-Rudolf Kunze. Dieter Thomas Heck. Nana Mouskouri. Heino.

Kommentare

7 Kommentare Seite 1 von 2 Kommentieren

"Was ist denn so toll daran, keine Brille tragen zu müssen?"
Ungefähr tausend Dinge! Im Gegensatz zum Autor war der Tag, an dem ich als kleines Kind eine Brille bekam, unvergesslich furchtbar. Mitte der 80er war ich damit zwar keineswegs eine Seltenheit in der Schule, ich war mir allerdings durchaus des neuen Images bewusst, dass mit der Brille einherging...

Heute quäle ich mir daher lieber mit Kontaktlinsen :)

PS: Schöner Artikel trotzdem!