50-Euro-Schein Der Scheinriese

© Daniel Roland/AFP/Getty Images
Geldautomaten spucken ihn so oft aus wie keinen anderen Schein. Die Europäische Zentralbank druckt ihn jedes Jahr öfter: Warum ist der 50-Euro-Schein so beliebt? Und warum benutzt eigentlich niemand den Hunderter? Von
ZEITmagazin Nr. 46/2018

Es ist schon eigenartig: Kürbiskernbrötchen werden teurer, Häuser sowieso, und die Deutschen werden immer reicher, weil sie erben wie die Bekloppten – aber das normale Geld, das Bargeld, mit dem man im Portemonnaie zu tun hat, bleibt klein und bescheiden. Der größte Geldschein, mit dem die meisten Leute hierzulande ihr Leben bestreiten, ist der 50-Euro-Schein. Den grünen 100-Euro-Schein lehnen sie ab, als sei er Teil einer Fremdwährung.

Den einen ist der Schein zu grün, den anderen zu groß (dabei ist er auch nur fünf Millimeter höher und sieben Millimeter breiter als der Fünfziger). Ein Bekannter erzählte, er wähle andere Scheine, wenn ein Bankautomat einen Hunderter vorschlägt. Ein anderer erzählt, er möge es gar nicht, wenn eine solche Banknote aus dem Automaten komme, es sei, als habe er eine Niete gezogen.

Nur Touristen kommen auf die Idee, in einem Bus mit einem Hunderter zu zahlen. Auch die Automaten der Deutschen Bahn tun so, als gäbe es diesen Schein nicht. Bäckereifachverkäufer und Kioskbesitzerinnen verzichten lieber auf einen Umsatz von 3,70 Euro, als so einen Schein anzunehmen. Der Hunderter hat, ganz klar, ein Popularitätsproblem.

Die Sparkassen-Finanzgruppe teilt auf unsere Anfrage mit, dass von allen Scheinen, die im September 2018 in ganz Deutschland (außer bei der Haspa in Hamburg) aus ihren Automaten kamen, nur 3,6 Prozent 100-Euro-Noten waren. Wäre der Hunderter eine Partei, er wäre eine Splitterpartei. Der 200-Euro-Schein hat sogar nur einen sagenhaft winzigen Anteil von 0,06 Prozent. An der Spitze liegt der Fünfziger, mit einem Anteil von 35,8 Prozent, es sind also zehnmal so viele Fünfziger wie Hunderter. Der Hunderter ist so unbeliebt, dass ihn in Berlin nur rund zehn Prozent der Sparkassen-Automaten überhaupt vorrätig haben.

Je öfter die Bankkunden nach einer bestimmten Banknote verlangen, umso mehr davon werden gedruckt von den Notenbanken. Die Nachfrage entscheidet. Schaut man sich jene Kurve an, die zeigt, welchen Wert sämtliche Banknoten eines Wertes in Europa haben, die im Umlauf sind, gibt es einen Star: den Fünfziger. Er ist die am häufigsten gedruckte Note. Die drei kleineren Scheine, also Fünfer, Zehner und Zwanziger, haben ihren Gesamtwert seit Anfang 2002, als es losging mit dem europäischen Geld, kaum vergrößert. Der Wert aller Fünfziger hat sich ungefähr versechsfacht. An der Börse wäre der Schein eine hoffnungsvolle Tech-Aktie.

Nicht zu groß und nicht zu klein – mit ihm behält man die Kontrolle über seine Barschaft. © Maria und Natalia Petschatnikov

Der Fünfziger gibt seinem Besitzer oder seiner Besitzerin offenbar ein gutes Gefühl: Sein Wert ist nicht zu groß, als dass man sich besonders sorgen müsste, ihn zu verlieren, aber auch nicht so klein, dass man den Überblick über seine Barbestände verliert. Es genügt, sich die Anzahl der Fünfziger im Portemonnaie zu merken, um zu wissen, wie flüssig man gerade ist. Fehlt er, dann fehlt einem was. Man muss zum Bankautomaten.

Im Schnitt gehen Kunden dorthin, wenn sie noch 34 Euro in der Tasche haben. Wenn sie also keinen Fünfziger mehr haben. Außerdem kann man in der Studie Zahlungsverhalten in Deutschland 2017 noch lesen, herausgegeben von der Bundesbank: Die Deutschen heben im Schnitt 189 Euro ab, wenn sie zum Bankautomaten gehen. Eine sinnvolle Stückelung, um das Portemonnaie nicht zu sehr vollzustopfen, wäre: 1 x 100, 1 x 50, 1 x 20, 1 x 10. Es wäre eine Stückelung von geradezu mathematischer Schönheit. Aber der Mensch schert sich nicht um diese Schönheit. Er will seine Fünfziger.

So wie die Deutschen früher ihren 100-Mark-Schein wollten. Als die Mark verschwand, waren doppelt so viele 100-Mark-Scheine im Umlauf wie 50-Mark-Scheine. In den Vorwendejahren war der blaue D-Mark-Hunderter – vorne drauf der Kosmograf Sebastian Münster, der mit dem schwarzen Hut und ernstem Blick, hinten ein riesiger Adler mit ausgebreiteten Flügeln – ein Symbol für den deutschen Kapitalismus, ach was, für die ganze Bundesrepublik. Als die Mauer fiel, wären 80 oder 95 Mark Begrüßungsgeld unfein gewesen, es mussten schon 100 sein, sonst hätte es ja nicht gelangt für den Schein schlechthin.

Kommentare

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Ihren Beitrag kann ich so nicht nachvollziehen: Die Bankautomaten bei mir vor Ort geben seit Anfang an gar keine 100 -Euro-Scheine heraus. Ich hätte diese Scheine schon gern, es wäre wesentlich effizienter. Und eine 200er erhalten sie nur auf Anfrage am Bankschalter. Wenn also die Banken ihre Kunden nicht entsprechend versorgen, kann sich die Note auch nicht im Alltag etablieren und dann wird der grüne Schein eben als Fremdkörper empfunden und nicht eingesetzt, obwohl er inzwischen der Kaufkraft eines 100 DM-Scheins entspricht. Und ich kann mich noch gut erinnern, dass dieser damals jedenfalls im alltäglichen Gebrauch war.

Naja, wer braucht denn große Mengen Bargeld noch? Große Summen zahlt fast jeder mit EC Karte, einzige nennenswerte Ausnahme ist der private Verkauf (z.b. von Autos.)

Ich persönlich bin schon vom 50er genervt, den meine Sparkasse mir am Automaten aufnötigt, weil ich die kleinen Käufe nicht mit 50ern bezahlen will, das nervt nämlich auch die Händler, z.b. den Bäcker.

Aktuell Versuche ich bargeldlos auch Kleine Mengen zu bezahlen und boykottiere mittlerweile Geschäfte in denen das nicht geht. Macht halt der Bäcker der NFC payments akzeptiert das Geschäft und die anderen bleiben außen vor.

Bargeld empfinde ich fast schon als Zumutung, aber der Bargeld-fetisch wird vermutlich in 30 Jahren mit der zugehörigen Generation in die Altenheime verschwunden sein.