Harald Martenstein Über die Vorsitzendenfluktuation

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Aus der Serie: Martenstein ZEITmagazin Nr. 46/2018

Ich teste jetzt politisches Allgemeinwissen. Wie viele lebende, ehemalige SPD-Vorsitzende können Sie nennen? Ein Tipp: Es sind insgesamt zwölf, wie die Apostel. Die Rolle des Jesus würde, im Falle eines gemeinsamen Abendmahls, natürlich Willy Brandt spielen, dessen Wiederauferstehung von den Toten die SPD von allen Übeln erlösen würde. Das Kreuz, das Willy Brandt tragen musste, hieß Herbert Wehner.

Neun ehemalige Vorsitzende haben kürzlich, mit Parteifreunden, einen gemeinsamen Appell gegen ein neues atomares Wettrüsten unterzeichnet, Anlass war die Kündigung eines atomaren Abrüstungsvertrags durch Donald Trump. Die Russen hatten sich an den Vertrag offenbar eh nicht gehalten. Unterzeichnet haben Gerhard Schröder, Björn Engholm, Sigmar Gabriel, Franz Müntefering, Matthias Platzeck, Kurt Beck, Hans-Jochen Vogel, Rudolf Scharping und Martin Schulz. Oskar Lafontaine, alias Judas Ischariot, wurde offenbar nicht angefragt. Olaf Scholz und Frank-Walter Steinmeier sind als aktive Amtsträger wohl noch nicht voll appellfähig.

Es hat mich gewundert, dass die SPD so offensiv mit der Vielzahl ihrer Ex-Vorsitzenden umgeht. Ist es nicht ein bisschen peinlich, wenn eine Partei dermaßen oft ihr Führungspersonal in die Wüste schickt oder auslaugt? Eine ähnlich unglückliche Geschichte wie die SPD hat in Deutschland der Fußballclub Hamburger SV mit seinen Trainern geschrieben. Seit 1987, seit Hans-Jochen Vogel SPD-Chef wurde, hat der HSV sogar 30 Trainer engagiert, als Erlöser von allem Übel vorgestellt und bald darauf entlassen. Aber ich fürchte, ein Abrüstungsappell sämtlicher ehemaliger HSV-Trainer würde Donald Trump auch nicht sonderlich beeindrucken. Einmal wollte der HSV Jürgen Klopp engagieren, einen der weltbesten Trainer. Klopp war tatsächlich zu diesem Himmelfahrtskommando bereit, aber er kam zum Vorstellungsgespräch im T-Shirt, daran soll es gescheitert sein. So was Ähnliches hätte auch der SPD passieren können. Ich glaube, dass Jürgen Klopp sogar die SPD wieder in die Champions League führen könnte, aber sie nehmen ihn bestimmt nicht. Interessanterweise hat der Spiegel in dem gleichen Zeitraum, mit acht Chefredaktionen, ebenfalls einen etwas unsteten Eindruck hinterlassen, aber im Vergleich mit dem HSV und der SPD sieht das beinahe solide aus.

Wenn die SPD aber ihren überbordenden Reichtum an Ex-Vorsitzenden zu einer Art Unique Selling Point zu machen versucht, dann muss sie es konsequent machen. Warum nicht ein Buch "Die Lieblingsrezepte der ehemaligen SPD-Vorsitzenden"? Warum nehmen die neun nicht eine CD mit den schönsten Arbeiterliedern auf? Der Clou wäre natürlich ein Dschungelcamp, wo die Zuschauer jede Woche einen Ex-Vorsitzenden rauswählen können, bis am Ende der Sozidschungelkönig übrig bleibt. Ich tippe auf Franz Müntefering.

In der Welt der Politik hat, seit dem Rücktritt von Willy Brandt vom Parteivorsitz, meines Wissens nur die Republik Italien ein vergleichbares Maß an Diversität des Führungspersonals hervorgebracht wie die SPD. Italien hatte seitdem 16 verschiedene Ministerpräsidenten, auch die italienischen Ex-Präsidenten könnten jederzeit einen Appell an Donald Trump verfassen, bei dem die Unterschriftenliste länger ist als der Text. Allerdings ist Silvio Berlusconi in dieser Zeit dreimal Ministerpräsident gewesen. Insofern wäre der SPD zu raten, bei der nächsten Suche nach einem Vorsitzenden, die sicher nicht lang auf sich warten lässt, sich doch auch mal bei den zum Teil noch sehr rüstigen Ex-Vorsitzenden umzuschauen.

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Apostelgeschichte! Hey, Lukas, alter Gesundheitsklempner und Maler, wir brauchen ein weiteres Buch der „Práxeis Apostólon“, die sich in die Jetztzeit hinein fortgesetzt haben. Bei dir fehlt offenbar das Sequel vom Ersatzmann, der eingesprungen ist für den heilsgeschichtlich unabdingbaren Verräter Judas. Auf "Los geht's los" – und dieser schreibt den Flow der Zwölf weiter, ist er doch „ein Geschenk Gottes“ für die SPD. Jaja, nun nicht zusammenzucken beim Namen „Matthias“ – er ist berühmt für die Bruderschaften, die seinen Kult in Massenbasis befördern, sein Heiligen-Attribut ist … richtig, das Buch. Das wiederum trägt den schönen Titel „(T)Raumpatrouille“. Oh, der ist laut CopyRight leider schon vergeben? Nicht doch – ohne den T-Träger Willy Brandt wäre es nur halb so richtig. Und geschrieben hat es … dessen jüngster Sohn Matthias, der gewiß sich nicht aller unser flehentlich ermittelndem „Polizeiruf“ entziehen kann. Wie, das hat er bereits? Wenn das nicht ein Zeichen ist – er bereitet sich vor auf das gleichsam in den Schoß des erhabenen väterlichen Erbes gefallene Amt des Parteivorsitzenden. Matthias vor, schallt es im Chor …