Robert Habeck und Christian Lindner Über das Duzen

© Screenshot ARD
Aus der Serie: Gesellschaftskritik ZEITmagazin Nr. 46/2018

Einem alten Klischee zufolge ist der Streit in der Politik nur inszeniert, er ist Theaterdonner. Diejenigen, die sich auf der Bühne gegenseitig beschimpfen, besagt das alte Klischee, lägen sich hinterher beim dritten Bier in den Armen. Um dieses Klischee, das übrigens falsch ist, nicht zu bedienen, gehen Politiker, die sich jenseits der Mikrofone duzen, im Fernsehen normalerweise vom Du zum Sie über. Duzen sie sich auch dort, bezwecken sie etwas damit. Sie wollen sich als Freunde inszenieren oder den anderen fertigmachen.

So geschah es am Abend der Hessenwahl bei Anne Will. Der Robert von den Grünen und der Christian von der FDP duzten sich dort geradezu penetrant. Als Zuschauer war man so irritiert, dass man sich gar nicht mehr auf den Streit der beiden darüber, ob die Grünen Klima-Nationalisten seien, konzentrieren konnte.

Heute duzt man sich in der Politik viel häufiger als früher. Früher ging das praktisch nur innerhalb einer Partei, heute geht es auch lagerübergreifend. In einer Gesellschaft, in der Senioren jugendlich fit sein müssen, Eltern die gleichen Vintage-Jeans wie ihre Kinder tragen und Grünen-Vorsitzende genauso wie FDP-Chefs mit Struwwelkopf und Fünftagebart im Fernsehstudio erscheinen, macht die sich epidemisch ausbreitende Duz-Kultur selbst vor so einem Hohen Haus wie dem Bundestag nicht halt. Und drei große Koalitionen in vier Legislaturperioden, Schwarz-Grün in Hessen, Grün-Schwarz in Baden-Württemberg sowie Jamaika in Schleswig-Holstein haben die Sie-Schranke zwischen Links und Rechts eingerissen. Weshalb zwei Tage nach dem Robert-Christian-Disput bei Anne Will sich nun bei Lanz wieder zwei duzten, Cem Özdemir (Grüne) und Carsten Linnemann (CDU). Die beiden stritten nicht, sondern plauderten. Da passte es ganz gut.

Christian Lindner jedoch hat Robert Habeck vor allem deshalb dauernd Robert genannt, um eine Gleichrangigkeit herzustellen, die es politisch nicht mehr gibt. Roberts Grüne sind in jene Höhen aufgestiegen, von denen Christians Freidemokraten nur träumen durften. Habeck machte den Fehler, sich auf Lindners Duzen einzulassen, womit er sich und die Grünen verzwergte. Das Du in der Politik macht die Großen klein und die Kleinen groß. Christian wusste das. Und dem Robert sollte das mal jemand sagen.

Korrektur: In der Gesellschaftskritik der Vorwoche hatten wir unterstellt, dass der VW-Bus von Jan Philipp Albrecht einen Dieselmotor hat. Tatsächlich hat er einen Benzinmotor. Die Redaktion

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