Die großen Fragen der Liebe Warum soll sie sein Testament nicht sehen?

Jede Woche beantwortet unser Paartherapeut eine große Frage der Liebe. Eine Kolumne von
Aus der Serie: Liebeskolumne ZEITmagazin Nr. 46/2018

Die Frage: Katharina und Willi sind seit Langem ein Paar. Neulich hat Katharina eine Papierschere gesucht und in Willis Schreibtischschublade ein handschriftliches Testament gefunden. Erst war sie neugierig, hielt es für einen Entwurf und fing an zu lesen. Am Inhalt war nichts auffällig, die Kinder sollten erben, sie behielt ein Wohnrecht im Haus, seine Gitarrensammlung sollte an ein Museum. Willi hatte das alles ganz allein entschieden, unterschrieben, einen Freund als Testamentsvollstrecker eingesetzt, ohne einen Ton mit ihr zu besprechen! Erst empörte sich Katharina, dann überlief es sie kalt. Hatte sie überhaupt ein Recht, das zu lesen? Wenn sie Willi fragt, was er sich dabei gedacht hatte – dann muss sie ja zugeben, dass sie indiskret war.

Wolfgang Schmidbauer: Wer ein Blatt Papier offen in einer Schublade liegen lässt, sollte einer neugierigen Leserin nicht grollen, es sei denn, er hat den Inhalt seiner Schubladen zum Tabu erklärt. Ich glaube eher, dass sich Katharina über den Eingriff in eine ihr fremde Form von Intimität schämt. Für sie wäre es klar, solche existenziellen Gedanken zu besprechen; Willi hingegen macht sie lieber mit sich selbst ab. Vielleicht möchte er Katharina vor seinen Gedanken bewahren. Wer offen über den Tod spricht, tastet Verleugnungen an, mit deren Hilfe viele Menschen ihr Leben besser zu bewältigen glauben. Katharina könnte nun ihr eigenes Testament aufsetzen und Willi fragen, was er davon hält. Wenn er dann mit einem Entwurf herausrückt, spart sie sich das Bekenntnis – und wenn nicht, hat sie einen Anlass, ihren Schreck über seine Schublade auf den Tisch zu legen.

Wolfgang Schmidbauer ist einer der bekanntesten deutschen Paartherapeuten. Was er in seiner täglichen Praxis erfährt, lesen Sie im Interview mit ZEIT ONLINE. Zuletzt erschien sein Buch "Raubbau an der Seele. Psychogramm einer überforderten Gesellschaft" (oekom verlag).

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