Trendtiere "Wo ist mein Einhorn?"

© Aline Zalko
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Aus der Serie: Prüfers Töchter ZEITmagazin Nr. 46/2018

Wir haben kein Haustier. Aber das brauchen wir auch gar nicht, denn Julis ganzes Leben ist auch so voller Tiere. Sie ist ständig mit ihnen beschäftigt. "Spielen wir Tiere-Raten?" ist eine Frage, die ich oft von meiner Tochter höre. Tiere-Raten geht so: Juli stellt sich ein Tier vor, und man muss ihr dann Ja-nein-Fragen stellen, so lange, bis man das Tier erraten hat. Dabei ist hinderlich, dass Juli Fragen betreffs der Verbreitunggebiete, Nahrungsgewohnheiten und der Anzahl der Beine nur unzureichend beantworten kann. Hilfreich hingegen ist, dass sie Vorlieben für einige Tierarten hat. Etwa den Nasenbär, die Tüpfelhyäne und den Ohrengeier. Zumindest bei den letzten beiden kann ich rekonstruieren, woher Juli sie kennt. Die Tiere kommen in einem Bilderbuch namens Die hässlichen Fünf von Axel Scheffler und Julia Donaldson vor, in dem den hässlichsten Tieren Afrikas gehuldigt wird. Darunter auch Tüpfelhyäne und Ohrengeier. Ich glaube auch, Juli hat eine Vorliebe für mehrsilbige Tiere. Jedenfalls redet sie nie über einen Hund oder eine Maus. Obgleich beide doch viel kindgerechter sind.

Wo Juli allerdings komplett im Massengeschmack mitschwimmt, ist ihre Liebe für eine spezielle Tierart: Einhörner. Einhörner sind bei ihr sehr präsent. Zum Teil habe ich selbst dazu beigetragen. Julis größtes Einhorn geht ihr bis zu den Schultern, es steht im Kinderzimmer, sie kann es aufsatteln und darauf reiten wie auf einem Schaukelpferd. Meine Frau und ich haben es ihr zu Weihnachten geschenkt. Wir hätten ihr auch ein entsprechend großes Schaukelpony schenken können. Aber wir sahen das große Einhorn im Laden und dachten: Das hat mehr "Wow". Dabei finde ich persönlich Einhörner langweilig. Sie sind nicht gefährlich wie ein Löwe, nicht schlau wie ein Fuchs, nicht stolz wie ein Adler. Es sind irgendwie charakterlose Alleskönner-Tiere. Entsprechend heißen alle Einhörner im Besitz meiner Tochter nur "Einhorn". Was die Sache nicht einfacher macht, wenn Juli verzweifelt ruft: "Wo ist mein Einhorn, mein Einhorn ist weg!" Meint sie das Einhorn von Playmobil, das PVC-Einhorn von Schleich oder das aus Plüsch? Oder eine der etlichen kleinen pinken Einhornfiguren, die von irgendwoher in die Wohnung eingewandert sind? Ich weiß nicht einmal, ob Juli weiß, dass es in Wirklichkeit gar keine Einhörner gibt. Wie sollte sie auch darauf kommen? Schließlich ist alles voll von diesen Biestern. In meiner Kindheit gab es einmal einen sehr erfolgreichen Zeichentrickfilm: Das letzte Einhorn. Ich fürchte, das war eine Fehlprognose. Mittlerweile könnte man die Spezies locker von der Liste der gefährdeten Arten streichen. Einhörner sind ungefähr so häufig wie Wollhandkrabben in der Elbe.

Ich habe gelesen, dass Einhörner unter anderem deshalb als Fabelwesen populär wurden, weil sie in der Bibel vorkamen. Dort war von ihnen allerdings nur wegen eines Übersetzungsfehlers die Rede. Eigentlich waren Auerochsen gemeint. Wäre die Sache also anders gelaufen, würde Juli heute klagen: "Wo ist mein Auerochse?" Hätte schön viele Silben.

Ich finde, demnächst, noch vor der nächsten Eiszeit, sollte die Ära der Einhörner abgelaufen sein. Es ist Zeit für ein anderes Wow-Tier. Wie wäre es mit dem Nasenbären?

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