"Backen macht Freude": Pannenhilfe für Backanfänger

Die Welt kann durchdrehen, Biskuitteig wird immer noch gemacht wie eh und je – vielleicht erklärt sich so der Erfolg des Klassikers "Backen macht Freude" aus dem Dr. Oetker Verlag. Eine Verneigung Von
ZEITmagazin Nr. 47/2018

Sucht man heute ein Backbuch, stößt man auf großformatige Bildbände, in denen Bilder und Foodstyling deutlich mehr Bedeutung haben als die Rezepte: mit Superzoom fotografierte Kakaobohnen, dekorativ verschmierte Kochlöffel, solche Sachen. Diese Coffee-Table-Bücher lässt man gern in der Wohnung herumliegen, sie sehen gelegentlich appetitlicher aus als der Kuchen selbst. Backen macht Freude dagegen, der fast 90 Jahre alte Klassiker aus dem Dr. Oetker Verlag, wird eher verschämt im Regal der Speisekammer versteckt, es ist ja von Dr. Oetker, und das klingt nach Backmischung und Gelatine.

Den Anfang hat 1927 ein dünnes Heftchen gemacht. Auf der Titelseite waren eine rosa Torte und ein aufgeschnittener Kastenkuchen abgebildet, darüber der Schriftzug "Backen macht Freude! Eine neue Sammlung Dr. Oetker Rezepte". Der Firmenchef Dr. August Oetker verfolgte in den 1920er-Jahren ein großes Ziel: das Selbstbacken im Land populär zu machen, um möglichst viele seiner Produkte zu verkaufen. Zunächst wurden die Oetkerschen Rezeptsammlungen kostenlos verteilt oder einzelne Rezepte auf Backpulver-Tütchen gedruckt. Als die Rezeptsammlung dann 1930 zum ersten Mal als Buch erschien, fiel zwar bald das Ausrufezeichen im Titel weg, aber das Prinzip blieb dasselbe: klassische Kuchenrezepte einfach vermitteln. So ist es bis heute.

Über 30 Millionen Mal ist Backen macht Freude bislang verkauft worden. Die Erscheinung des Buches mag sich im Laufe der Jahre behutsam gewandelt haben, aber nicht seine DNA. Es ist das konditorische Gedächtnis des Landes. Dass sich das Buch so wenig verändert, ist beruhigend: Die Welt kann durchdrehen, Biskuitteig wird noch immer gemacht wie 1963. Dieses Beharren auf Tradition, der Widerstand gegen Trends hat Backen macht Freude zum Kulturgut werden lassen. Die Suche danach in der Deutschen Nationalbibliothek ergibt 130 unterschiedliche Auflagen, darunter Sonderausgaben und viele Übersetzungen – etwa ABC peke, die slowenische Ausgabe von 1989, oder German home baking, eine englische Version von 1960. Das älteste Exemplar, das man in Leipzig ausleihen kann, ist von 1931.

"Zweckdienlich" ist wohl das Wort, das dieses Standardwerk am besten charakterisiert. Zweckdienlich ist zunächst einmal seine klare Struktur. Links in einer Spalte sind die Zutaten übersichtlich aufgelistet, daneben wird das Rezept, in griffige Absätze gegliedert, erklärt. Auf der rechten Seite zeigt ein Foto, wie der Kuchen am Ende auszusehen hat. Wer die Rezepte durchprobiert, lernt beiläufig das Backen, ohne je überfordert zu sein. Irgendwann weiß man, wie sich ein guter Mürbeteig anzufühlen hat.

Zweckdienlich sind auch die unregelmäßig eingestreuten Tipps wie "Statt Schlagsahne können Sie auch Rahmjoghurt verwenden". Oder die "Pannenhilfe" genannten Hinweise wie "Hat die Rührschüssel keinen Gummiring an der Unterseite, legen Sie ein feuchtes Tuch unter die Schüssel, um das Rutschen der Schüssel zu vermeiden". Keine Frage, Backen macht Freude ist grotesk nüchtern und ergebnisorientiert. In diesem Buch ist der Text der Star, nicht das Foto. Und das ist gut so. Denn je besser der Kuchen auf dem Foto aussieht, umso größer die Gefahr, dass man vom eigenen Ergebnis enttäuscht ist. Es scheint, als habe der Verlag die Seele seiner Zielgruppe ganz gut verstanden. Das Buch flüstert einem permanent zu: "Das schaffst du, keine Frage!" Gerade seine Schmucklosigkeit erklärt den Reiz von Backen macht Freude. Es ist Ersatz für das handschriftliche Familienbackbuch, das heute kaum noch jemand führt. Auf dieses Buch ist Verlass, und das, was drinsteht, ist einem nicht selten aus der Küche der Großmutter vertraut.

Alle Rezepte sind vor der Veröffentlichung in der konzerneigenen Versuchsküche getestet worden. Im Oetker-Jargon heißt das "Geling-Garantie". Man könnte auch sagen: Sie sind idiotensicher. Wer sich dagegen seine Rezepte auf Blogs im Internet zusammensucht, vertraut meist Hobbyköchen oder anonymen Rezeptgebern mit ein paar zweifelhaften Bewertungen. Schwierig, denn Backen ist Präzisionsarbeit. Anders als beim Kochen muss man sich genau ans Rezept halten. Und geht etwas schief, kann man nicht schummeln, sondern der Kuchen ist hin. Bei Backen macht Freude weiß man, dass alles getan wurde, um Fehler zu vermeiden. Die Rezepte sind nicht fancy. Aber sie gelingen.

Die Autoren anderer Bücher werden heute groß in Szene gesetzt, in Backen macht Freude ist ein anonymes Kollektiv am Werk. Wir haben für dieses ZEITmagazin Kontakt mit der Redakteurin von Backen macht Freude aufgenommen, die die Bücher von 1970 bis Ende der 1980er betreut hat. Aber sie wollte nicht mit einem Interview in Erscheinung treten. Uns kam es vor, als sei es ihr unangenehm, aufzufallen. Wir fanden das schade, aber vielleicht passt es zum Geist des Buches, das so bescheiden daherkommt, obwohl es ein ganzes Land das Backen gelehrt hat.

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