Carlo Rovelli "Früher hätte sich niemand von der Zeit tyrannisieren lassen"

Wir haben uns daran gewöhnt, dass unser Alltag dem unerbittlichen Takt der Uhren und Kalender gehorcht. Aber was, wenn es so etwas wie Zeit gar nicht gibt? Der Physiker Carlo Rovelli erklärt, warum unsere Vorstellungen von ihr völlig falsch sind. Interview:
Aus der Serie: Stefan Kleins Wissenschaftsgespräche ZEITmagazin Nr. 47/2018

Seit Menschen denken können, zweifeln und verzweifeln sie an der Zeit. Heute führen wir den Kampf mit elektronischen Terminplanern und Uhren, unsere Vorfahren errichteten in ihrem Aufbegehren gegen die Zeit einige der eindrucksvollsten Bauwerke überhaupt. Die Pyramiden und die Kathedralen entstanden aus dem Versuch, aus dem Wunsch, die Zeit zu überwinden, die Steinkreise von Stonehenge und der Sonnentempel von Machu Picchu als Versuche, sie zu erforschen. Was aber ist Zeit? Und wie kommen wir zu dem Erlebnis, dass sie verfließt? Selbst die moderne Physik ist die Antwort bisher schuldig geblieben. Carlo Rovelli hat es sich zur Lebensaufgabe gemacht, das zu ändern. 1956 in Verona geboren und heute Professor an der Universität Marseille, zählt er zu den führenden Köpfen der Grundlagenphysik. In mehr als 200 wissenschaftlichen Veröffentlichungen ging er Fragen an, die Albert Einsteins Relativitätstheorie offenließ. Sein Ziel ist es, Einsteins Revolution zu vollenden.

Stefan Klein (l.) und Carlo Rovelli © Alexander Gehring

Wie viele bedeutende Forscher ist Rovelli ein bescheidener Mann. Wir hatten uns bei mir zu Hause in Berlin verabredet. Rovelli erschien zu Fuß, mit einem Lederrucksack über der Schulter, und bat um nicht mehr als ein Glas Wasser und ein Stück deutsches Schwarzbrot.

ZEITmagazin: Herr Rovelli, die meisten Menschen beginnen über die Zeit nachzudenken, wenn sie die Lebensmitte erreichen. Wie war es bei Ihnen?

Carlo Rovelli: Ich habe mir schon als Jugendlicher darüber Gedanken gemacht. Wie so viele Heranwachsende war ich ziemlich verwirrt. So las ich die bedeutenden Philosophen und stellte mir die großen, ernsten, dummen Fragen: Was sind wir Menschen? Warum sind wir da? Was ist Zukunft? Und schließlich: Was ist Zeit?

ZEITmagazin: Glaubten Sie, Sie würden zu einer Antwort auf solche Menschheitsfragen beitragen können?

Rovelli: Mit 16 meinte ich das. In diesem Alter hält man sich doch für so begabt wie Aristoteles und Alexander der Große zusammen. Aber wichtiger, als einen Beitrag zu leisten, war es mir, mich selbst zu verstehen. Darum wollte ich nach dem Abitur auch nicht studieren.

ZEITmagazin: Sondern?

Rovelli: Als Landstreicher durch die Gegend ziehen, wie die indischen Sadhus. Und später ein weiser Mann werden. Nicht gerade sehr realistisch. Trotzdem halte ich die Arroganz der Jugend für gut.

ZEITmagazin: Sie rangen sich dann doch dazu durch, in Bologna Physik zu studieren.

Rovelli: Weil mir die Philosophie zu wichtig war, um sie an der Universität zu behandeln. In den wirklich großen Fragen wollte ich mich keinen Lehrern ausliefern. Ich traute ihnen nicht. Ich war gut in der Schule. Aber was man mir dort erzählte, klang in meinen Ohren falsch. Naturwissenschaft schien mir neutraler zu sein. Vielleicht würde ich da etwas über die Welt lernen, was ich weniger anzweifeln musste. So hoffte ich. Heute rate ich meinen Studenten, immer in Betracht zu ziehen, dass alles, was sie hören, unwahr sein könnte.

ZEITmagazin: Viele Wissenschaftler aus der ehemaligen Sowjetunion und aus Osteuropa erzählen, dass sie ihren Beruf wählten, weil Naturforschung ideologisch nicht vorbelastet war. Von einem Intellektuellen aus dem Westen habe ich das nie gehört.

Rovelli: Wir waren in den Siebzigerjahren eine extrem skeptische Generation. Wir stellten alles infrage: das politische System, die Institutionen, die Schulen. Wir träumten von einer Welt ohne Privateigentum, ohne Staaten, ohne Institutionen, einer Welt, in der die Menschen einander vertrauen und teilen. Mit ein paar Freunden gründete ich in Bologna einen der ersten Piratensender. Wir benannten ihn nach Alice im Wunderland: Radio Alice. Unser Mikrofon war offen für jeden, der vorbeikam. Wir veröffentlichten auch ein Buch über unsere Utopien, für das die Staatsanwaltschaft uns wegen Missachtung von Fahne und Vaterland, Anstiftung zum Verbrechen und Bildung einer subversiven Vereinigung anklagte. Das Gericht sprach uns frei. Ich erledigte mein Studium, aber was mich wirklich interessierte, war die Revolution.

ZEITmagazin: Was verwandelte den Aktivisten in einen Wissenschaftler?

Rovelli: Der gescheiterte Studentenaufstand 1977 in Bologna. Als die Regierung ihn niederschlug, rollten Armeepanzer durch die Stadt. Ein Student wurde erschossen. In den folgenden Monaten ging die Polizei weiter hart gegen uns vor. Auch ich kam als Kriegsdienstverweigerer ins Gefängnis. Radio Alice wurde geschlossen. Wir mussten einsehen, dass die Bevölkerungsmehrheit gegen uns war. Einige aus der Studentenbewegung schlossen sich den Roten Brigaden an. Da erkannte ich, dass ich in der Wissenschaft meinen eigenen Weg gehen konnte, ohne mit der Umwelt in Konflikt zu geraten. In der Forschung war ich frei – wie ein Künstler oder ein Entdecker. Als ich diese Möglichkeit sah, verliebte ich mich in die Physik. Es war, als hätte ich die Frau meines Lebens getroffen.

ZEITmagazin: Ich weiß, was Sie meinen. Ich begeisterte mich ebenfalls für die Physik, nachdem wir Anfang der Achtzigerjahre vergeblich sehr viel Energie gegen die Stationierung neuer Atomwaffen aufgewendet hatten. Nach einer solchen Frustration braucht man ein neues Ziel. Warum es für mich gerade Wissenschaft war, habe ich nie verstanden.

Rovelli: Auch Wissenschaft beruht auf radikalen Ideen – der Weigerung, die gewohnte Ordnung der Dinge hinzunehmen.

ZEITmagazin: Aber fehlte Ihnen nicht etwas? Politische Aktion will die Welt verändern. Wissenschaft begnügt sich damit, sie zu erklären.

Rovelli: Oft muss man seine Art zu denken umstürzen, um die Welt besser zu verstehen. Die Schwierigkeit ist selten, auf neue Ideen zu kommen. Viel häufiger scheitern wir daran, dass wir alte Ideen nicht aufgeben können. Außenseitern wie mir mag das leichter fallen als anderen.

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