Carlo Rovelli "Früher hätte sich niemand von der Zeit tyrannisieren lassen"

Wir haben uns daran gewöhnt, dass unser Alltag dem unerbittlichen Takt der Uhren und Kalender gehorcht. Aber was, wenn es so etwas wie Zeit gar nicht gibt? Der Physiker Carlo Rovelli erklärt, warum unsere Vorstellungen von ihr völlig falsch sind. Interview:
Aus der Serie: Stefan Kleins Wissenschaftsgespräche ZEITmagazin Nr. 47/2018

Seit Menschen denken können, zweifeln und verzweifeln sie an der Zeit. Heute führen wir den Kampf mit elektronischen Terminplanern und Uhren, unsere Vorfahren errichteten in ihrem Aufbegehren gegen die Zeit einige der eindrucksvollsten Bauwerke überhaupt. Die Pyramiden und die Kathedralen entstanden aus dem Versuch, aus dem Wunsch, die Zeit zu überwinden, die Steinkreise von Stonehenge und der Sonnentempel von Machu Picchu als Versuche, sie zu erforschen. Was aber ist Zeit? Und wie kommen wir zu dem Erlebnis, dass sie verfließt? Selbst die moderne Physik ist die Antwort bisher schuldig geblieben. Carlo Rovelli hat es sich zur Lebensaufgabe gemacht, das zu ändern. 1956 in Verona geboren und heute Professor an der Universität Marseille, zählt er zu den führenden Köpfen der Grundlagenphysik. In mehr als 200 wissenschaftlichen Veröffentlichungen ging er Fragen an, die Albert Einsteins Relativitätstheorie offenließ. Sein Ziel ist es, Einsteins Revolution zu vollenden.

Stefan Klein (l.) und Carlo Rovelli © Alexander Gehring

Wie viele bedeutende Forscher ist Rovelli ein bescheidener Mann. Wir hatten uns bei mir zu Hause in Berlin verabredet. Rovelli erschien zu Fuß, mit einem Lederrucksack über der Schulter, und bat um nicht mehr als ein Glas Wasser und ein Stück deutsches Schwarzbrot.

ZEITmagazin: Herr Rovelli, die meisten Menschen beginnen über die Zeit nachzudenken, wenn sie die Lebensmitte erreichen. Wie war es bei Ihnen?

Carlo Rovelli: Ich habe mir schon als Jugendlicher darüber Gedanken gemacht. Wie so viele Heranwachsende war ich ziemlich verwirrt. So las ich die bedeutenden Philosophen und stellte mir die großen, ernsten, dummen Fragen: Was sind wir Menschen? Warum sind wir da? Was ist Zukunft? Und schließlich: Was ist Zeit?

ZEITmagazin: Glaubten Sie, Sie würden zu einer Antwort auf solche Menschheitsfragen beitragen können?

Rovelli: Mit 16 meinte ich das. In diesem Alter hält man sich doch für so begabt wie Aristoteles und Alexander der Große zusammen. Aber wichtiger, als einen Beitrag zu leisten, war es mir, mich selbst zu verstehen. Darum wollte ich nach dem Abitur auch nicht studieren.

ZEITmagazin: Sondern?

Rovelli: Als Landstreicher durch die Gegend ziehen, wie die indischen Sadhus. Und später ein weiser Mann werden. Nicht gerade sehr realistisch. Trotzdem halte ich die Arroganz der Jugend für gut.

ZEITmagazin: Sie rangen sich dann doch dazu durch, in Bologna Physik zu studieren.

Rovelli: Weil mir die Philosophie zu wichtig war, um sie an der Universität zu behandeln. In den wirklich großen Fragen wollte ich mich keinen Lehrern ausliefern. Ich traute ihnen nicht. Ich war gut in der Schule. Aber was man mir dort erzählte, klang in meinen Ohren falsch. Naturwissenschaft schien mir neutraler zu sein. Vielleicht würde ich da etwas über die Welt lernen, was ich weniger anzweifeln musste. So hoffte ich. Heute rate ich meinen Studenten, immer in Betracht zu ziehen, dass alles, was sie hören, unwahr sein könnte.

ZEITmagazin: Viele Wissenschaftler aus der ehemaligen Sowjetunion und aus Osteuropa erzählen, dass sie ihren Beruf wählten, weil Naturforschung ideologisch nicht vorbelastet war. Von einem Intellektuellen aus dem Westen habe ich das nie gehört.

Rovelli: Wir waren in den Siebzigerjahren eine extrem skeptische Generation. Wir stellten alles infrage: das politische System, die Institutionen, die Schulen. Wir träumten von einer Welt ohne Privateigentum, ohne Staaten, ohne Institutionen, einer Welt, in der die Menschen einander vertrauen und teilen. Mit ein paar Freunden gründete ich in Bologna einen der ersten Piratensender. Wir benannten ihn nach Alice im Wunderland: Radio Alice. Unser Mikrofon war offen für jeden, der vorbeikam. Wir veröffentlichten auch ein Buch über unsere Utopien, für das die Staatsanwaltschaft uns wegen Missachtung von Fahne und Vaterland, Anstiftung zum Verbrechen und Bildung einer subversiven Vereinigung anklagte. Das Gericht sprach uns frei. Ich erledigte mein Studium, aber was mich wirklich interessierte, war die Revolution.

ZEITmagazin: Was verwandelte den Aktivisten in einen Wissenschaftler?

Rovelli: Der gescheiterte Studentenaufstand 1977 in Bologna. Als die Regierung ihn niederschlug, rollten Armeepanzer durch die Stadt. Ein Student wurde erschossen. In den folgenden Monaten ging die Polizei weiter hart gegen uns vor. Auch ich kam als Kriegsdienstverweigerer ins Gefängnis. Radio Alice wurde geschlossen. Wir mussten einsehen, dass die Bevölkerungsmehrheit gegen uns war. Einige aus der Studentenbewegung schlossen sich den Roten Brigaden an. Da erkannte ich, dass ich in der Wissenschaft meinen eigenen Weg gehen konnte, ohne mit der Umwelt in Konflikt zu geraten. In der Forschung war ich frei – wie ein Künstler oder ein Entdecker. Als ich diese Möglichkeit sah, verliebte ich mich in die Physik. Es war, als hätte ich die Frau meines Lebens getroffen.

ZEITmagazin: Ich weiß, was Sie meinen. Ich begeisterte mich ebenfalls für die Physik, nachdem wir Anfang der Achtzigerjahre vergeblich sehr viel Energie gegen die Stationierung neuer Atomwaffen aufgewendet hatten. Nach einer solchen Frustration braucht man ein neues Ziel. Warum es für mich gerade Wissenschaft war, habe ich nie verstanden.

Rovelli: Auch Wissenschaft beruht auf radikalen Ideen – der Weigerung, die gewohnte Ordnung der Dinge hinzunehmen.

ZEITmagazin: Aber fehlte Ihnen nicht etwas? Politische Aktion will die Welt verändern. Wissenschaft begnügt sich damit, sie zu erklären.

Rovelli: Oft muss man seine Art zu denken umstürzen, um die Welt besser zu verstehen. Die Schwierigkeit ist selten, auf neue Ideen zu kommen. Viel häufiger scheitern wir daran, dass wir alte Ideen nicht aufgeben können. Außenseitern wie mir mag das leichter fallen als anderen.

ZEITmagazin: Sind alle guten Wissenschaftler Außenseiter?

Rovelli: Nein. Aber ohne Außenseiter gibt es keine gute Wissenschaft. Wissenschaft braucht sehr verschiedene Menschen: Die peniblen Datensammler und Experimentatoren. Die logischen Denker. Die notorischen Kritiker, die alles, was andere richtig finden, bezweifeln. Und schließlich die Träumer.

ZEITmagazin: Als was würden Sie sich bezeichnen?

Rovelli: Als Träumer. Mein Traum war und ist, Raum und Zeit zu verstehen. Dazu muss man die beiden grundlegenden Theorien der Physik miteinander verbinden: die Relativitätstheorie und die Quantenmechanik.

ZEITmagazin: Beide Theorien gehen auf Albert Einstein zurück. Die Relativitätstheorie beschreibt die Naturgesetze im kosmischen Maßstab, die Quantenmechanik dagegen erklärt, wie sich Atome und noch kleinere Teilchen verhalten. Doch letztlich gibt es nur eine Wirklichkeit. Darum sollten sich die beiden Beschreibungen der Welt miteinander vertragen. Aber Relativitätstheorie und Quantenmechanik widersprechen sich. Wie das sein kann, ist die vielleicht größte offene Frage der Physik.

Rovelli: Genau. Beide Theorien funktionieren spektakulär gut. Wir kennen Relativitätstheorie und Quantenmechanik nun seit gut einem Jahrhundert, und man hat nie auch den geringsten Fehler gefunden. Trotzdem stimmen die beiden nicht überein. Wir haben also die Natur ausführlich befragt, und sie gibt uns konträre Antworten. Mich erinnert das an einen alten jüdischen Witz. Kommt ein Mann zum Rabbi und beklagt sich über einen anderen, mit dem er sich gestritten hat. "Du hast recht", sagt der Rabbi. Daraufhin erscheint sein Gegner und legt dem Rabbi seine Sicht dar. "Du hast recht", sagt der Rabbi. Da ruft die Frau des Rabbis, die alles mit angehört hat, aus dem Nebenzimmer: "Was bist du für ein Rabbi? Du sagst dem einen, er hat recht, und dem anderen auch. Das kann nicht sein." Da antwortet der Rabbi: "Da hast du auch wieder recht."

ZEITmagazin: Also hilft nur, nach dem tieferen Grund für die Widersprüche zu suchen.

Rovelli: Ja. Offenbar sind unsere Vorstellungen von Zeit und Raum grundlegend falsch. Einstein verglich Zeit und Raum mit einer pulsierenden Qualle – ein bewegliches, gleichförmiges Gallert, in das wir und das ganze Universum eingebacken sind. Nach der Quantenmechanik dagegen gibt es nichts Gleichförmiges: Alles in der Natur setzt sich aus kleinsten Teilchen zusammen, den Quanten. Wenn es so ist, müssen auch Zeit und Raum aus kleinsten Einheiten bestehen. Die Zeit ist kein gleichmäßiger Fluss, sondern macht Sprünge.

ZEITmagazin: Wie die Bilder in einem Film. Weil der Film schnell läuft, merken wir es nicht.

Rovelli: So ist es. Aber nicht die Bilder springen, sondern die Zeit selbst.

ZEITmagazin: Wenn Sie recht haben, ist die Zeit nicht einfach da. Sie entsteht aus etwas anderem. Dann müsste es eine tiefere Wirklichkeit geben, in der noch keine Zeit existiert.

Rovelli: Jedenfalls nicht in dem Sinn, wie wir sie kennen.

ZEITmagazin: Können wir uns das überhaupt vorstellen? Das Vergehen der Zeit liegt doch allem, was wir erleben, zugrunde. Die Erfahrung, dass sich alles verändert, erscheint uns so elementar, dass wir uns wegdenken können, was wir wollen – nur die Zeit nicht.

Rovelli: Aber andererseits hatten die Menschen immer eine Sehnsucht nach einer Wirklichkeit jenseits der Zeit. Natürlich liegt es daran, dass wir das Vergehen der Zeit für die Verluste in unserem Leben und letztlich den Tod verantwortlich machen. Ganz gleich, ob Sie von einer ewigen Welt der Ideen oder einer unsterblichen Seele ausgehen – ein großer Teil unserer Philosophie ist nichts anderes als der Versuch, die Herrschaft der Zeit zu überwinden.

ZEITmagazin: Ich mag die Lösung, die der Kirchenlehrer Augustinus vorgeschlagen hat. Er fragte sich an der Schwelle zum 5. Jahrhundert, ob Vergangenheit und Zukunft überhaupt existieren. "Vergangenheit" nennen wir schließlich die Zeit, die nicht mehr, "Zukunft" die Zeit, die noch nicht ist. Nur die Gegenwart sei real.

Rovelli: Augustinus hatte erkannt, dass Vergangenheit und Zukunft in unseren Köpfen entstehen. Wir leben und empfinden nur in der Gegenwart. Wenn wir uns erinnern oder vorausplanen, erzeugen wir in dieser Gegenwart Bilder aus im Gedächtnis gespeicherten Informationen. Was wir als Vergehen der Zeit erleben, verdankt sich also wesentlich der Struktur unserer Gehirne.

ZEITmagazin: Sie haben als junger Mann mit LSD experimentiert. Veränderten die Erfahrungen mit dieser Droge Ihr Denken über die Zeit?

Rovelli: Ja. Zu meinen stärksten Erlebnissen gehörte, dass die Zeit stillsteht. Man sieht einfach auf die Uhr und wartet. Und es tut sich so etwas wie eine Ewigkeit auf. Irgendwann schaut man wieder auf die Uhr und stellt fest, es ist nur eine Minute vergangen. Mein Gott, schoss es mir durch den Kopf, ich war in einer Unendlichkeit gefangen! Als nach ein paar Stunden die Wirkung der Pille nachließ, wusste ich natürlich, dass ich einen Effekt chemischer Vorgänge in meinem Gehirn erlebt hatte. Aber was berechtigte mich eigentlich dazu, anzunehmen, dass mein normales Zeiterleben richtig war und das unter LSD falsch? Genauso gut konnte es ja umgekehrt sein.

ZEITmagazin: Schmissen Sie Trips, während Sie als Physiker über Zeit forschten?

Rovelli: Nein. Zehn Jahre früher.

ZEITmagazin: Wenigen Menschen ist bewusst, wie sehr Vorstellungen aus der Physik ihr Zeiterleben bestimmen. Alle Welt fühlt sich heute von einem angeblich immer unerbittlicheren Takt der Uhren und Kalender gejagt. Dabei ist die Idee, dass es so etwas geben könnte wie eine für alle Menschen und das ganze Universum verbindliche Zeit, eine Fiktion. Der Physiker Isaac Newton hat sich vor dreihundert Jahren die "absolute, wahre und mathematische Zeit" ausgedacht – weil er damit seine Gleichungen vereinfachen konnte. Heute gehen wir sogar im Alltag davon aus, dass es eine absolute Zeit gibt: So sehr haben wir uns an Newtons Gedanken gewöhnt.

Rovelli: Ja. Zwei Jahrtausende lang galt Zeit einfach nur als eine Umschreibung dafür, dass etwas geschieht. Man las die Zeit daran ab, dass die Sonne auf- und untergeht, dass sich die Jahreszeiten verändern. Und damit hatte es sich. Niemand hätte der Zeit ein Eigenleben zugebilligt, sich von ihr tyrannisieren lassen, wie wir es heute tun.

ZEITmagazin: Mir erscheinen diese alten Vorstellungen tröstlich. Nicht meine Haare werden grau, weil die Zeit vergeht, sondern die Zeit vergeht, weil meine Haare ergrauen!

Rovelli: Wo keine Ereignisse, dort keine Zeit: So dachten die griechischen Philosophen, so dachte noch Kepler, so denken fast alle außereuropäischen Kulturen noch heute. Erst Newton änderte das mit seiner absoluten Zeit.

ZEITmagazin: Albert Einstein hat Newton widerlegt.

Rovelli: Eben. Wie die Zeit vergeht, hängt nach der Relativitätstheorie davon ab, wo wir uns befinden und wie wir uns bewegen. Wenn ich auf einen hohen Berg steige, erfahre ich dort weniger Gravitation als am Boden – und altere schneller. Und wenn ich einmal um die Welt fliege, altere ich langsamer als meine Freunde, die zu Hause bleiben. Der Unterschied lässt sich messen. Bei einer Reise gegen die Erddrehung im Jumbo-Jet beträgt er 59 Milliardstelsekunden.

ZEITmagazin: Nun behaupten Sie ja, dass Einstein auch nicht recht hatte ...

Rovelli: Auf kosmischen Skalen funktioniert die Relativitätstheorie fantastisch gut. Doch bei kleinen Abständen und sehr kurzen Zeiten stürzt nach der Relativitätstheorie alle Materie in sich zusammen. Albert Einstein kannte diesen Defekt. Er wusste, dass seine Theorie nicht die ganze Wahrheit sein konnte. Er arbeitete die letzten zwei Jahrzehnte seines Lebens daran, eine bessere zu finden. Aber die Zeit war noch nicht reif.

ZEITmagazin: Heute wissen wir mehr?

Rovelli: Wenigstens gewinnen wir eine immer genauere Vorstellung davon, wie eine Welt jenseits von Raum und Zeit aussehen könnte. Es wäre eine Welt, in der es keine Körper gibt, nur Ereignisse. In dieser Welt herrscht die seltsame Logik der Quantenmechanik: Die Natur macht zufällige Sprünge. Darum ist es unmöglich, vorherzusagen, was als Nächstes geschieht. Als wäre die Natur eine riesige Lotterie. Gemeinsam mit Kollegen konnte ich Einsteins Relativitätstheorie mit dieser fremdartigen Logik zusammenführen. Wir nennen unsere Theorie Quantengravitation. Demnach gibt es nicht den Raum, der die Welt enthält. Es gibt auch keine Zeit, an der entlang Ereignisse stattfinden. Es gibt kein Früher und Später. Es gibt nur Wahrscheinlichkeiten, die besagen, dass bestimmte Phänomene häufiger zusammen auftreten als andere.

ZEITmagazin: Das entspricht der Intuition, eher mit einem Regenschirm aus dem Haus zu gehen, wenn der Himmel bedeckt ist.

Rovelli: Genau.

ZEITmagazin: Aber wenn Ihre Theorie stimmt, kann man nicht einen Vorgang auf einen anderen zurückführen. In einer Welt, in der Quantengravitation herrscht, lässt sich ja unmöglich feststellen, ob erst die Wolken oder erst die Leute mit den Schirmen da waren.

Rovelli: Nein. Beziehungen von Ursache und Wirkung gibt es nur, wenn man nicht so genau hinsieht. Unter einem sehr starken Mikroskop betrachtet lösen sie sich auf. Schärft man seinen Blick, sieht die Welt nun einmal ganz anders aus. Nehmen Sie dieses Glas Wasser hier auf dem Tisch. Wir sehen darin eine durchsichtige Flüssigkeit in Ruhe. Aber bei starker Vergrößerung verschwindet das friedliche Bild. Dafür erkennt man Myriaden von Molekülen in wilder Bewegung.

ZEITmagazin: Wie stark müsste man vergrößern, bis die Ordnung der Zeit sich auflöst?

Rovelli: Sie müssten die kleinsten Atomkerne unter die Lupe nehmen und dann noch hundertmilliardenmilliardenmal stärker vergrößern.

ZEITmagazin: Das ist heute unmöglich. Meines Wissens hat auch niemand eine Idee, wie man dermaßen auflösungsstarke Messgeräte bauen könnte. Aber solange sich Ihre Theorie nicht überprüfen lässt, bleibt sie Spekulation.

Rovelli: Ich glaube, wir haben das Instrument schon: Das Universum funktioniert selbst wie ein riesiges Mikroskop. In zwei Situationen sollten sich die Effekte zeigen, die unsere Theorie voraussagt: Die eine ist der Urknall, die andere sind Schwarze Löcher. Beide Phänomene können wir vermessen. Unser Wissen um die Geschichte des Universums vermehrt sich rasant, kaum eine Wissenschaft entwickelt sich derzeit so schnell wie die Kosmologie.

ZEITmagazin: Viele Einsichten verdanken wir der sogenannten Hintergrundstrahlung. Das sind elektromagnetische Wellen, die kurz nach dem Urknall entstanden und noch immer durch den Weltraum hallen. Diese Strahlung wurde sehr genau untersucht. Dabei gab sie viel über den Anfang des Universums preis. Meinen Sie, die Signale verraten auch etwas über die Entstehung der Zeit?

Rovelli: Ich hoffe es. In wenigen Jahren werden Teleskope in Betrieb gehen, die die Hintergrundstrahlung noch höher auflösen. Dann könnte sich die Wirkung der Quantengravitation im jungen Universum herausstellen. Vielleicht werden wir so sogar erfahren, was vor dem Urknall geschah. Ich selbst arbeite an Schwarzen Löchern. Vor ein paar Jahrzehnten wurde bezweifelt, ob es diese Objekte überhaupt gibt. Heute wissen wir: Der Himmel ist voller Schwarzer Löcher.

ZEITmagazin: Wie kann man ein Schwarzes Loch sehen?

Rovelli: Man sieht, wie die Sterne unserer Galaxie um eine riesige, unsichtbare Masse im Zentrum der Milchstraße rotieren. Man sieht auch, wie Materie gleichsam als letztes Lebenszeichen Strahlung abgibt, bevor sie in Schwarzen Löchern verschwindet. Mit einem neuen Verbund von Teleskopen werden wir bald den Rand des Schwarzen Loches im Mittelpunkt der Milchstraße fotografieren.

ZEITmagazin: Was erfährt man von Schwarzen Löchern über die Zeit?

Rovelli: In ihrem Inneren ist die Materie so verdichtet, dass Einsteins Relativitätstheorie nicht mehr gilt. Um die Zustände dort zu verstehen, braucht man unsere Theorie, die Quantengravitation. Wir können also ausrechnen, was in Schwarzen Löchern geschieht: Die Ordnung der Zeit löst sich auf. Wenn man in ein Schwarzes Loch hineinschauen könnte, ließe sich feststellen, ob unsere Theorie stimmt.

ZEITmagazin: Leider geht das nicht. Die Gravitation eines Schwarzen Lochs ist so stark, dass nicht einmal Licht ihm entkommt.

Rovelli: Aber nicht einmal Schwarze Löcher leben ewig. Sie verdampfen, wenngleich überaus langsam: Das war die große Entdeckung des kürzlich verstorbenen Stephen Hawking. Und was geschieht, wenn ein Schwarzes Loch so viel Masse verloren hat, dass es kein Schwarzes Loch mehr sein kann? Dann explodiert es. Aus der Strahlung, die es dabei abgibt, erfährt man etwas über die Vorgänge, die die Explosion im Inneren des Schwarzen Lochs ausgelöst haben.

ZEITmagazin: Wie häufig explodieren diese Löcher?

Rovelli: Das hängt von ihrer Größe ab. Große Schwarze Löcher wie das im Zentrum der Milchstraße leben sehr lange. Länger, als das Universum alt ist. Wir vermuten, darüber hinaus gibt es viel kleinere Schwarze Löcher, die in der Anfangszeit des Kosmos, lange vor den Sternen, entstanden. Deren Ende müsste man beobachten können.

ZEITmagazin: Wie klein sind sie?

Rovelli: Die kleinsten könnten viele Milliarden Mal kleiner als ein Atomkern sein und nur ein paar Millionstelgramm wiegen. Ich persönlich vermute, dass die sogenannte dunkle Materie aus kleinen Schwarzen Löchern besteht.

ZEITmagazin: Alle Anzeichen sprechen dafür, dass es im Weltall fünfmal mehr dunkle als sichtbare Materie gibt. Und überall, wo es Sterne gibt, treibt sich auch dunkle Materie herum. Aber alle Versuche, herauszufinden, was die dunkle Materie eigentlich ist, sind bisher gescheitert. Wenn es sich um kleine Schwarze Löcher handelt: Wer garantiert mir denn, dass nicht gleich eines vorbeikommt und uns verschlingt?

Rovelli: Keine Angst. Wenn ein Schwarzes Loch viel kleiner ist als ein Atom, saust es einfach durch Sie hindurch.

ZEITmagazin: Was genau würde geschehen, wenn ein Schwarzes Loch explodiert?

Rovelli: Dann spuckt es die Materie aus, die es zuvor verschlungen hat. Zugleich entsteht ein Blitz von Radiowellen. Und genau solche Signale, wie unsere Theorie sie vorhersagt, haben australische Radioteleskope gerade wahrgenommen. Natürlich gibt es auch andere Erklärungen. Meine Kollegin Francesca Vidotto analysiert die Daten gerade. Sie ist sehr aufgeregt: Es könnte sein, dass wir schon Hinweise auf eine Welt ohne Zeit haben.

ZEITmagazin: Warum sollte es uns kümmern, dass Zeit gar nicht so elementar ist?

Rovelli: Ich sage nicht, es sollte. Es gibt keine Verpflichtung, neugierig zu sein. Aber wer es ist, will die Wirklichkeit kennen. Als Kopernikus entdeckte, dass es auf der Erde kein Oben und Unten gibt, weil sie eine Kugel ist, konnte man auch ohne dieses Wissen seinen Geschäften nachgehen. Und doch hat Kopernikus’ Einsicht die Ordnung der Gesellschaft erschüttert. Grundlegende wissenschaftliche Fragen finden immer Resonanz.

ZEITmagazin: Hat die Beschäftigung mit dem Wesen der Zeit Sie verändert?

Rovelli: Sehr. Ich bin viel heiterer geworden, seit ich mich von der Idee einer ewigen Zeit frei gemacht habe. Vielleicht liegt es auch nur daran, dass ich älter geworden bin. Die Zeit lebt mehr in mir als ich in ihr. Und nichts von dieser Erfahrung, die die Natur mir geschenkt hat, wird bleiben. Ich brauche kein Exil in der Ewigkeit, denn in der sich ständig verwandelnden Natur bin ich zu Hause. Diese Aussicht finde ich tröstlich.

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