© Ralph Mecke

Christiane Arp "Mode kann unglaublich politisch sein"

Manchmal ist es ein Kleid, das die Journalistin Christiane Arp wie eine Rüstung schützt. Interview:
Aus der Serie: Das war meine Rettung ZEITmagazin Nr. 47/2018

ZEITmagazin: Frau Arp, wie kamen Sie zur Mode?

Christiane Arp: Meine Mutter hat mich inspiriert, sie war für mich die schönste, schickste Frau. Ich bin als älteste Tochter auf einem Bauernhof in einem 500-Seelen-Dorf aufgewachsen. Meine Mutter hatte großes Interesse an Mode und nähte alles selbst. Sie hat mich verstanden, als ich im Alter von 15 bis 19 Unmengen gestrickt, genäht und gehäkelt habe. Selbst dann, wenn ich mit Schlaghose und Riesenplateaus nach Hause kam, hat sie mich in meiner modischen Entfaltung unterstützt. Im tiefsten protestantischen Norddeutschland durfte ich mich modisch schmücken, auch wenn ich anders aussah als die anderen.

ZEITmagazin: Und Ihr Vater?

Arp: Mein Vater hat nicht verstanden, dass ich Modedesign studieren wollte. Aber er hat mich gelassen. Er wollte, dass alle seine vier Kinder Abitur machen, und hat nicht zwischen Junge oder Mädchen unterschieden. Ich war das zweite Mädchen im Ort, das Abitur gemacht hat, und habe erst viel später begriffen, was mein Vater mir damit auf dem Weg mitgegeben hat. Im Grunde sind meine Eltern meine Rettung, indem sie mir ermöglicht haben, mich frei zu entscheiden, was ich machen will. So konnte ich meinen Weg zur Mode finden.

ZEITmagazin: Sie wurden vor 15 Jahren Chefredakteurin der deutschen Vogue. Wie schwer war der Anfang?

Arp: Als ich anfing, hatte ich jeden Morgen Respekt, auch Angst, vor den kleinen und großen Entscheidungen des Tages. Ich dachte, ich sei dem nicht gewachsen. Wenn wir über eine Seite im Heft sprachen und erfahrene Mitarbeiter sagten, das sieht doch gut aus, habe ich nicht widersprochen, obwohl ich wusste, dass es die falsche Entscheidung war. Das fühlte sich schlecht an.

ZEITmagazin: Und wie ist es heute?

Arp: Über die Jahre habe ich gelernt, immer seltener Ja zu sagen, wenn ich Nein meinte. Damals aber hatte ich noch nicht das Rüstzeug, zu sagen: So, hier bin ich, und ich denke anders.

ZEITmagazin: Welche Rolle spielt Intuition bei Ihren Entscheidungen?

Arp: Intuition ist das, was uns wirklich erfolgreich macht – oder auch scheitern lässt. Heute weiß ich, dass es mein Bauchgefühl ist, das die besten Entscheidungen trifft. Der Mittelweg ist beim Zeitschriftenmachen nicht der richtige. Man muss klar sein, auch wenn man manchmal scheitert. Entscheidungen wie Überschriften auf dem Cover besprechen wir zwar in der Redaktion als Team. Die letzte Auswahl treffe aber ich. Und setze mich gegen alle durch, wenn ich der Meinung bin: Dies ist die richtige Cover-Zeile.

ZEITmagazin: Bei so vielen Terminen, Modemessen und Fashion-Weeks: Wie steht es um Ihre Work- Life-Balance?

Arp: Mein Job lässt mich nie allein, ist 24 Stunden bei mir. Ich kann nicht trennen: Jetzt bin ich die private Christiane Arp und jetzt die Chefredakteurin. Die bin ich sogar dann, wenn ich in meinem Garten in Norddeutschland in meinen Rosenbeeten hocke und in der Erde wühle. Aber ich mag, was ich tue, und sehe das Ganze deshalb überhaupt nicht als Arbeit.

ZEITmagazin: Verliert man in der Modebranche, besonders im Luxussegment, nicht schnell die Bodenhaftung?

Arp: Ich wurde bodenständig erzogen. Und das hilft mir, immer wieder Abstand zum Geschehen zu bekommen. Ein Coach hat mir mal gesagt: Christiane, wenn du Karriere machen willst, musst du immer weiter in die Mitte der Tanzfläche. Aber wenn du dort angekommen bist, dann verlass die Tanzfläche und beobachte alles von außen. Dieses Bild hilft mir dabei, diesen notwendigen Schritt, oder manchmal auch drei oder vier Schritte, zurückzugehen. Dann öffnet sich oft eine Tür, und ich erkenne etwas Neues.

ZEITmagazin: Die Kleidung, die Sie tragen, steht automatisch im Fokus. Wie ist das für Sie?

Arp: Mit der Mode drücke ich mich aus. Mode kann sehr mächtig sein, wenn man mit ihr umzugehen weiß. In schwierigen Momenten sage ich mir dann: Okay, das ist mein Kleid, und das schützt mich, es ist meine Rüstung für den Moment. Das ist das Mächtige an Mode.

ZEITmagazin: Mode ist mächtig. Wie politisch ist sie?

Arp: Mode kann unglaublich politisch sein. Vivienne Westwood hat den Laufsteg genutzt, um ihre Botschaften in die Welt zu tragen, Katharine Hamnett das T-Shirt. Und heute rufen Designer über die sozialen Medien dazu auf, am Women’s March teilzunehmen, gegen Trump zu protestieren. Und jede Frau hat die Freiheit, sich zu entscheiden, ob sie sich einen Mantel für 3.500 Euro leistet, der kein erkennbares Label hat, oder sich unglaublich modisch anzieht, ohne dafür ganz besonders viel Geld auszugeben. Das ist die Demokratisierung von Luxus.

Das Gespräch führte Louis Lewitan. Er ist Psychologe und gehört neben der Fotografin Herlinde Koelbl, Evelyn Finger, Anna Kemper, Ijoma Mangold, Christine Meffert und Khuê Phạm zu den Interviewern unserer Gesprächsreihe

Kommentare

6 Kommentare Kommentieren

"Und jede Frau hat die Freiheit, sich zu entscheiden, ob sie sich einen Mantel für 3.500 Euro leistet..."

So ein ausgemachter Schmarrn, wieviele Frauen verdienen überhaupt dieselbe Summe monatlich? In diesem Zusammenhang von "Freiheit" zu reden zeugt davon, dass sie wohl keine Ahnung hat welches Leben die meisten Menschen/Frauen führen. Da gibt es keine Freiheit darüber zu entscheiden wieviele tausende Euro ich für einen "Artikel" ausgeben will, den ich nicht zum Leben brauche, weil es diese Summe zum Ausgeben gar nicht gibt.

Aber auch der Satz "Entscheidungen wie Überschriften auf dem Cover besprechen wir zwar in der Redaktion als Team. Die letzte Auswahl treffe aber ich. Und setze mich gegen alle durch, wenn ich der Meinung bin: Dies ist die richtige Cover-Zeile. " ist lustig, von wegen sie musste lernen nein zu sagen. Was ist mit den MitarbeiterInnen in der Redaktion, die sich für so eine Zeile den Kopf zerbrechen? Die können nicht "nein" sagen, sie kann es, nicht weil sie es gelernt hat, sondern weil sie in der machtvolleren Position ist. Da fällt das nein sagen natürlich leichter.

Ziemlich überheblich eigentlich.