David Selle: "Wir möchten Tausenden Kindern Tausende Träume erfüllen"

Aus der Serie: Ich habe einen Traum ZEITmagazin Nr. 47/2018

Als ich in der zweiten Klasse war, schrieb ich in einem Aufsatz, dass ich Clown werden und andere zum Lachen bringen will. Wenn ein Zirkus in meinem Heimatort gastierte, stand ich mit leuchtenden Augen am Zaun und träumte mich in die Manege. Mit neun bekam ich einen Zauberkasten geschenkt, zur Konfirmation Jonglierkeulen. Mein Vater war Pfarrer, im Seniorenkreis seiner Gemeinde absolvierte ich meine ersten Auftritte. Seitdem bin ich regelmäßig als Clown, Zauberer oder Jongleur aufgetreten.

Als ich 25 war, ging mein Traum etwas weiter: Es ging mir nicht mehr nur darum, selbst in der Manege zu stehen. Ich wollte möglichst vielen Kindern ihren Traum vom Zirkus erfüllen, egal ob sie ein Clown sein wollten, Zauberer, Jongleur oder Akrobat. Deshalb gründete ich den Kinderzirkus Tausendtraum.

Unter unserem Zirkuszelt möchten wir Tausenden Kindern Tausende Träume erfüllen und dabei ihr Selbstwertgefühl und ihren Gemeinschaftssinn stärken.

Wie alle Träume, die Realität werden, hat auch meiner seine Schattenseiten. Unser kleines Unternehmen unterhält mittlerweile 19 Fahrzeuge, zahlreiche Menschen leben von der Arbeit in unserem Zirkus, die wirtschaftliche Verantwortung ist groß. Es kommen immer neue bürokratische Vorschriften hinzu, die unsere Kosten steigen lassen. Wenn wir die Qualität unserer Arbeit aufrechterhalten wollen, müssen wir also teurer werden, gleichzeitig sinkt der finanzielle Spielraum der Schulen. Als Unternehmer stehe ich daher ständig mit dem Rücken zur Wand.

In unserem Zirkus arbeiten Woche für Woche bis zu 400 Kinder aus verschiedenen sozialen Schichten und mit sehr unterschiedlichen familiären Hintergründen für ein gemeinsames Ziel. Sie lernen, dass sie nur Erfolg haben, wenn sie zusammenhalten und aufeinander Rücksicht nehmen. Ich träume davon, dass diese Erfahrung auf Politik und Gesellschaft ausstrahlt und dass wir dieses Gefühl von Gemeinschaft und Zusammenhalt über Neid, Missgunst und Ausgrenzung stellen.

Traurig ist, dass gerade die Schulen, die am stärksten von unserer Arbeit profitieren würden, uns aus Kostengründen nicht engagieren können. Viele Brennpunktschulen in wirtschaftlich schwachen Wohngebieten haben keine Fördervereine und sind finanziell nicht gut ausgestattet. Ich träume davon, dass Politik und Behörden unsere Arbeit mehr wertschätzen und in Zukunft mehr Geld für die Projektarbeit gerade an diesen Schulen bereitgestellt wird.

Wenn mein zwölfjähriger Sohn Ferien hat, steht er mit mir zusammen in der Manege. Ich finde es toll, dass er meine Arbeit respektiert und stolz darauf ist, Teil davon zu sein. Natürlich wäre es schön, wenn diese Begeisterung anhalten würde. Ich kann aber nicht von ihm verlangen, den Zirkus später weiterzuführen, das muss er schon selbst wollen. Daher träume ich davon, dass der Zirkus langfristig auf soliden wirtschaftlichen Beinen stehen und weiterexistieren wird, wenn ich eines Tages aufhören muss.

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