Harald Martenstein Über Schulnöte

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Aus der Serie: Martenstein ZEITmagazin Nr. 47/2018

Eine NGO ist eine private Hilfsorganisation. Eine NGO, die nicht jeder kennt, heißt "German Toilet Organization", abgekürzt GTO. Diese Gruppe kämpft für das Menschenrecht, ein Klo besuchen zu dürfen, möglichst ein sauberes. In vielen Teilen der Welt ist dies nicht selbstverständlich. Es war zu erwarten, dass, neben den verarmten Staaten in Afrika, früher oder später auch Berlin in den Fokus der GTO geraten würde.

Auf der GTO-Website sieht man Kinder, die Schilder mit Parolen wie "Toiletten für alle" hochhalten. "Toilette bedeutet Würde", sagt die GTO, und sie hat damit zweifellos recht, auch wenn ich Menschen kenne, die auf diesen Teil der Würde keinen großen Wert zu legen scheinen. Einige von ihnen betreiben sogar Restaurants oder die Deutsche Bahn. Auf der Website steht, dass in Berlin mittlerweile zwei Drittel der Schüler die Schulklos nicht mehr besuchen, weil sie zu schmutzig seien. Dies hat eine Befragung unter Schülern ergeben. Wie die Berliner Schüler mit diesem Problem umgehen, das ja stets zeitnah und unbürokratisch gelöst werden muss, wurde nicht ermittelt. Hat mal jemand im Chemiesaal in die Reagenzgläser geschaut? Womöglich ist die Plage des Hundekots auf Berliner Gehwegen gar nicht so schwerwiegend, wie man dachte. Vielleicht stecken Schulkinder dahinter, zumindest in den lichtarmen Wintermonaten.

Die GTO hat einen Wettbewerb "Toiletten machen Schule" ausgeschrieben, gesucht werden Konzepte, mit deren Hilfe der wachsende Verdrängungswettbewerb zwischen Hunden, Wohnsitzlosen und Schülern in den Berliner Grünanlagen entschärft werden könnte. Den Preisträgern winken insgesamt 50.000 Euro. Mancherorts putzen die Eltern, anderswo Schüler, diese Konzepte existieren. In Potsdam haben Schüler sogar eine eigene Putzfirma namens "Putzdamer" gegründet. So was könnte man in Kreuzberg unter dem Namen "Kotberger" machen, das Reinickendorfer Start-up "Reinigendorfer" lässt dann sicher nicht lang auf sich warten.

Im Tagesspiegel las ich, dass manche Berliner Schulen schon vor einigen Jahren schriftlich begründen mussten, warum sie Toilettenpapier brauchten. Erklärt sich dieses Bedürfnis nicht von selbst? Als eine Kollegin vom Tagesspiegel damals eine Grundschule im Wedding inspizierte, erfuhr sie von der Rektorin, dass ihr Antrag auf Toilettenpapier leider abgelehnt worden sei. Ihre Begründung war offenbar nicht überzeugend genug gewesen. Die damals zuständige Bildungsstadträtin sagte: "Eigentlich haben Toiletten bei mir Priorität." Sie war von der CDU, ich finde, sie hätte der Schule zumindest ein paar Stapel des Parteiprogramms unbürokratisch zur Verfügung stellen sollen. Aber das ist womöglich aus Hochglanzpapier und deshalb für Schultoiletten ungeeignet. Was die Inklusion betrifft, so scheiterte sie im Wedding auch daran, dass die Behindertentoilette über keine Dusche verfügte, deshalb konnten behinderte Kinder sich nicht reinigen, falls mal etwas danebenging.

Was mir nicht in den Kopf will: Wieso müssen staatliche Grundaufgaben wie Schulklos neuerdings von NGOs und Firmen erledigt werden? Der populistischen Frage, wofür man eigentlich Steuern zahlt, kann man sich da schwer erwehren. Aber falls die GTO in Berlin Erfolg hat, werden sicher als Nächstes die Berliner Krankenhäuser an Ärzte ohne Grenzen übergeben und die Berliner Kindergärten an terre des hommes. Die Regierung kann sich dann ungestört ihren internen Machtkämpfen widmen. Vielleicht hilft ja auch ein Hashtag, "#wecannotpee".

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Kommentare

3 Kommentare Kommentieren

Privatisierung - ganz einfach.
Die Reinigung wird öffentlich ausgeschrieben und vergeben und den Zuschlag erhalten Firmen welche außerhalb der Unterrichtszeiten putzen.
Tja - die hängen dann natürlich Klorollen auf, aber bis zur ersten Pause sind die leer und wer soll nachfüllen?
Alternativ gar kein Klopapier, da die Anzahl der Verstopfungen und der daraus resultierenden Reparaturen massiv sinkt - ja es ist wohl lustig eine Klorolle in das Klo zu stecken, diese anzuzünden oder eine Überschwemmung zu verursachen.

O tempora, o mores?! Och nö - an meine Volksschulzeit Anfang der 50er Jahre kann ich mich partiell noch gut erinnern, auch daran, daß die Schultoiletten aussahen wie nach der Invasion der Body Snatchers. Stete Ermahnung: Geh nicht auf die Schmuddelklos - da lauern böse Krankheiten. Und Klopapier?! Hatte der Hausmeister unter Verschluß ... und der war zu oft in der Eckkneipe. Also habe ich mich aufs Mädchenklo getraut ... Riesengeschrei. Jungs galten zu recht generell als Ferkel.