© Daniel Stier

Kuchen Appell an die Null-Back-Generation

Überall Petits Fours, Macarons und anderer Süßkram, aber wo bitte ist der gute alte Kuchen geblieben, der uns tröstet und verregnete Wochenenden versüßt? Es ist Zeit, zum Rührbesen zu greifen. Von
ZEITmagazin Nr. 47/2018

Wenig, vielleicht gar nichts ist beruhigender, als wenn am Wochenende ein Kuchen im Haus ist. Ein ganzer Kuchen, rund oder eckig, 12 Stücke mindestens, so viele, dass sie nicht nur für ein Kaffeetrinken oder ein Dessert reichen, sondern immer noch ein Stück da ist, wenn Kuchenlust aufkommt. Und Kuchenlust kommt auf, ganz bestimmt.

Schon das Backen beruhigt. In Hanya Yanagiharas Erfolgsroman Ein wenig Leben rettet nächtliches Kuchenbacken den Helden Jude vor den Folgen des Missbrauchs, den er als Kind erlitten hat. Wenn er nicht schlafen kann, steht er auf und backt. "Er achtet darauf, dass in der Küche immer genügend Mehl, Zucker, Eier und Hefe vorhanden sind."

Tatsächlich, bemerkte ich beim Lesen: Auch ich habe, trotz unbeschadeter Kindheit, immer Eier und Butter im Kühlschrank, meist auch Hefe, nur für den Fall der plötzlichen Kuchenlust. Ja, ich horte Päckchen Butter in Mengen, wie Kettenraucher Zigaretten horten.

Und noch ein Beispiel aus der Literatur: Als die Schriftstellerin Nora Ephron, Meisterin der Selbstbeobachtung, wusste, dass sie unheilbar krank ist, veröffentlichte sie eine Liste der Dinge, die sie nach ihrem Tod vermissen würde. An erster Stelle standen ihre Kinder. Aber schon kurz danach kam: "Kuchen".

Im Netz stieß ich auf den Artikel einer Bloggerin aus dem Jahr 2015, Ariane Bille hieß sie, und die Überschrift des Artikels hätte auch der Titel eines Romans sein können: "Die tröstende Wirkung von frisch gebackenem Pflaumenkuchen". Darin beschreibt sie, wie ihre Großmutter, als ihr Großvater im Sterben lag, in der Küche neben dem Krankenzimmer Pflaumenkuchen backte, um sich selbst und die ganze Familie, die angereist war, zu trösten. Den Artikel schrieb sie im Oktober, zur Pflaumenkuchenzeit, und ich dachte, dass es schön war für den Großvater, wenn er schon sterben musste, es mit dem Geruch von warmen Pflaumen, Hefe, Karamell, vielleicht auch Zimt zu tun. So trösten kann wirklich nur ein Kuchen, eine Torte kann das nicht. Eine Torte duftet nicht.

Wie so oft war es jemand aus dem Ausland, dem auffiel, was wir Deutschen an unseren Kuchen haben und was sie so speziell macht. In der Einführung ihrer Dissertation "Vom Luxusgut zum Liebesbeweis – Zur sozialen Praxis und symbolischen Bedeutung des selbstgebackenen Kuchens" schrieb die Kulturwissenschaftlerin Satsuki Sakuragi, geboren in Japan: "Mein erster Kuchen, das deutsche Gebäck, das ich als Kuchen begriffen habe, war ein selbstgebackener Zwetschgen-Blechkuchen, den meine Gastmutter in Bonn backte. (...) Es war ein völlig neues Erlebnis für mich: So einfach ohne besonderen Anlass an einem normalen Nachmittag einen Kuchen zu backen und einfach auch mir, die nicht mehr bei ihr wohnte, etwas davon zu geben, weil ich zufälligerweise vorbeigekommen bin. Da habe ich gedacht: In Deutschland ist Kuchen etwas anderes als cake in Japan. Es ist hierzulande verankert und hat (...) eng mit Familie und Zuhause zu tun." In Japan, schreibt sie, sei "ein Kuchen eher eine Torte, etwas zum Kaufen, ein handwerklich hergestelltes Konsumgut". Die Tradition, sich zum Kuchen und Kaffee zusammenzusetzen, kannte sie aus Japan nicht. Auch in Frankreich, der Schweiz oder in Italien, stellt sie erstaunt fest, sei das keinesfalls selbstverständlich.

Weiter hinten in der Dissertation ist nachzulesen, dass kurz nach dem Zweiten Weltkrieg in Deutschland pro 1000 Einwohner durchschnittlich noch 700 Päckchen Backpulver im Jahr verkauft wurden, ein Gradmesser fürs Selberbacken. Schon Mitte der Fünfzigerjahre brach der Backpulverumsatz ein, plötzlich waren es nicht mal mehr 400 Päckchen. Es sah so aus, als ginge es damals schon zu Ende mit dem Selberbacken. Nun, es hat sich gehalten. Aber dass das Kuchenbacken in Zeiten der Foodie-Kultur einen Aufschwung erlebt, kann man auch nicht gerade sagen.

Um mich herum wird zwar fleißigst gekocht und gebacken, und natürlich werden Fotos verschickt und gepostet von Selbstgekochtem und -gebackenem, aber der Kuchen, den ich meine und den Satsuki Sakuragi meinte, ist selten dabei: runde, meinetwegen einfache Kuchen, die für ein ganzes Wochenende reichen. Stattdessen überall Macarons, Brownies, Petits Fours, millefeuilles, die alle wunderschön aussehen. Aber es sind eher Desserts, aufwendig und kostbar, und nach einem Happs sind sie weg. Sie reichen nicht für ein Wochenende, und man hat sie auch nicht einfach zufällig im Haus und kann sie anbieten, so wie den Zwetschgen-Blechkuchen der Gastmutter.

Kommentare

15 Kommentare Seite 1 von 2 Kommentieren

Beim Lesen stieg mir der Duft von Zwetschgendatschi in die Nase...

Ja, der selbstgebackene Kuchen hat in Deutschland einen besonderen Stellenwert. Und auch wenn ich jung ausgewandert bin, die Liebe zum Kuchenbacken habe ich mitgenommen und an meine Kinder weiter gegeben.

Wobei der Inbegriff von kulinarischem Trost in unserer Familie der selbst gekochte Vanillepudding ist.