© Herlinde Koelbl

Barbara Frey "Meine Lebendigkeit, Kraft und Energie sind nicht weniger geworden"

Die Theaterregisseurin Barbara Frey hat als Jugendliche die Schule gehasst. Dann entdeckte sie das Kino für sich. Interview:
Aus der Serie: Das war meine Rettung ZEITmagazin Nr. 48/2018

ZEITmagazin: Frau Frey, Sie haben gesagt, für Sie als Regisseurin komme es darauf an, dass Sie die Menschen begehren und umgekehrt. Ist Ihr Begehren stark?

Barbara Frey: Das Begehren ist rein spielerisch. Es ist stark, weil ich als sehr neugieriger Mensch geboren worden bin. Die anderen merken, dass sie mich interessieren und dass etwas zwischen uns entsteht, bei dem wir uns von einer gesellschaftlich verabredeten Distanziertheit lösen. Die muss ich bei meiner Arbeit abstreifen können.

ZEITmagazin: Sie schicken bei den Proben jeden, der nicht gebraucht wird, aus dem Raum, weil es Sie stören würde, wenn jemand nicht konzentriert zuschaut.

Frey: Es ist das Geheimnis des Theaters, dass man es eben erst sieht, wenn es fertig ist. Davor muss man mit einer bestimmten Nacktheit umgehen. Wenn nur einer nicht konzentriert ist, kann das die ganze Atmosphäre stören. Deswegen gibt es bei mir ein absolutes Handyverbot auf der Probebühne. Ich gebe mich preis mit meiner Arbeit und bin deswegen sehr gehemmt. Ich weiß auch, wo Gefahren drohen. Mein Sorgenhorizont wird mit dem Älterwerden nicht kleiner, und meine Ängste sind die vor der ewigen Wiederkunft der Sorgen und Enttäuschungen und dass dadurch zumindest blitzlichtartig so etwas aufkeimt wie der Gedanke an Rückzug, weil ich Angst habe vor dem Verlust. Meine Lebendigkeit, Kraft und Energie sind mit der Zeit nicht weniger geworden, ich muss schauen, wie ich jeweils wieder zur Ruhe kommen kann.

ZEITmagazin: Über Sie wird geschrieben, dass Sie fragil seien, andererseits aber auch den Nahkampf beherrschten. Können Sie diese Gegensätzlichkeit erklären?

Frey: Die ist einfach da, war aber auch früher schon da, bevor ich diesen Beruf hatte. Ich habe schon als kleines Mädchen mit Trommeln angefangen und lange Schlagzeug gespielt. Das Schlagzeug kann als Instrument extrem fein sein, an der Grenze zum Hörbaren, und es kann extrem Krach machen. Damit habe ich intuitiv nach etwas gegriffen, das mit mir zu tun hat.

ZEITmagazin: Eine wichtige Rolle in Ihrem Leben hat Ihre Großmutter gespielt. Sie erzählten, dass sie Ihnen Geborgenheit und das Gefühl totaler Freiheit gab.

Frey: Sie hat mich nicht bewertet, das war gut für mich. Ich habe viel mit meinem Bruder im Garten gespielt, manchmal durften wir auch Western schauen und haben die nachgespielt. Bei ihr gab es eine bestimmte Form von Anarchie, das fand ich klasse. Bei den Eltern hatten wir dagegen immer Programm. Mein Vater war Jurist und hat dann in einer Versicherungsfirma als Werbechef gearbeitet, meine Mutter war Logopädin, und beide waren streng, vor allem meine Mutter. Das hatte aber auch damit zu tun, dass meine Eltern sich früh getrennt haben und sie viel mehr Verantwortung trug. Meine Mutter war besorgt und hat uns manchmal an der kurzen Leine halten wollen. Meine Großmutter war sehr beschützend, sie hat es genossen, dass wir sie so toll fanden. Ich hatte als Kind oft schlimme Albträume, und sie tröstete mich, indem sie mir lauwarmes Zuckerwasser brachte. Sie hat eine Art Nährboden geschaffen für mein Selbstvertrauen.

ZEITmagazin: Gab es in Ihrem Leben mal eine Krise, aus der Sie gerettet werden mussten?

Frey: Als 14-Jährige durfte ich immer mittwochnachmittags allein ins Kino, weil schulfrei war. Meine Mutter war ein großer Filmfan und ich auch. Damals habe ich zwei Filme gesehen, die mich entscheidend beeinflusst haben: Die Spitzenklöpplerin mit der damals 24-jährigen Isabelle Huppert und Ein besonderer Tag mit Sophia Loren und Marcello Mastroianni. Diese Filme waren eine Rettung für mich, weil ich die Zeit damals als sehr schwierig empfand. Zu Hause herrschte eine angespannte Atmosphäre, und ich habe die Schule gehasst, weil ich das Zusammengepferchtsein und die Willkür mancher Lehrer nicht mochte. Für mich war es das Größte, ins Kino zu dürfen. Das hat entscheidend dazu beigetragen, dass meine Liebe zu Schauspielern so groß wurde. Ich konnte mit meiner Mutter über die Filme diskutieren, weil sie auch alles immer gesehen hatte. Dadurch habe ich zu ihr einen besonderen Draht entwickelt.

ZEITmagazin: Nach allem, was Sie erlebt haben: Wie viele Identitäten haben Sie?

Frey: Festgefahrene Identitätsbegriffe schaden der Kunst. Je nachdem, auf wen ich treffe, kommen ganz andere Aspekte hervor. Ich glaube, dass ich mich ändere, wenn ich begehre, und wenn jemand rückbegehrt, bringt mich das noch mal in einen anderen Zustand. Manchmal schmiege ich mich an, manchmal stoße ich mich ab oder reibe mich.

Das Gespräch führte Herlinde Koelbl. Sie ist Fotografin und gehört neben dem Psychologen Louis Lewitan, Evelyn Finger, Anna Kemper, Ijoma Mangold, Christine Meffert und Khuê Phạm zu den Interviewern unserer Gesprächsreihe.

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