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Einwegflaschen Du Flasche!

ZEITmagazin Nr. 48/2018
Der Ruf von Plastik ist schlecht. Aber ist es wirklich besser, Mineralwasser aus Glasflaschen zu trinken? Von

Wie sich das Land in den letzten Jahrzehnten verändert hat, kann man in Mike Lederers Laden beobachten. Lederer, 54, ein schmaler Mann mit einer schwarzen Hornbrille, führt einen Getränkemarkt in Berlin-Charlottenburg. Sein erstes Geschäft Eröffnete er vor 21 Jahren. Damals holten die Leute ihre Getränke, zahlten und waren weg. Heute stellen sie Fragen. "Ist in den Plastikflaschen Weichmacher?" – "In welchem Mineralwasser ist am meisten Kalzium?"

Viele haben Angst, das Falsche zu kaufen. Vor allem die Frage, was ökologisch richtig ist, treibt die Leute um. Als sie vor Kurzem hörten, dass die Einwohner des französischen Vittel der Firma Nestlé vorwerfen, sie sei am Absinken des Grundwasserspiegels schuld, weil sie dort ihr nach dem Ort benanntes Mineralwasser abfüllt, kauften sie bei Lederer gleich weniger davon.

"Der Kunde ist sehr speziell", sagt Lederer.

Ihm gehören vier Getränkemärkte der Kette Getränke Hofmann. Der Charlottenburger Markt misst 460 Quadratmeter, er ist fünfmal so groß wie sein erster Laden. Damals, 1997, gab es noch kein Bier mit Cassis-Geschmack und auch kein Fiji-Wasser, das von den gleichnamigen Inseln kommt und besonders rein sein soll.

Keine Ecke im Laden hat sich so verändert wie die hinten links, wo das Mineralwasser-Regal steht. Es gibt Dutzende Glasflaschen und viele, viele Flaschen aus Plastik. Lederer zählt durch, "228!". So viele verschiedenen Wasserflaschen hat er im Angebot. Die Leute könnten genauso gut Leitungswasser trinken, das laut Umweltbundesamt überall von sehr guter Qualität ist, außer man hat alte Bleileitungen im Haus. Aber jedes Mineralwasser schmeckt eben anders, wegen der Mineralstoffe. Es ist das beliebteste Getränk, für das die Deutschen Geld ausgeben, und es scheint auch identitätsstiftend zu sein: In Lederers Märkten kaufen Ostberliner gern Spreequell, eine ehemalige DDR-Marke; die Westberliner Mittelschicht liebt Volvic aus Frankreich. Die zu Esoterik Neigenden greifen zu St. Leonhard aus Oberbayern, davon gibt es auch Wasser aus einer "Mond-" und einer "Sonnenquelle".

Die Umweltbewussten wissen oft nicht, was sie nehmen sollen. Lederer rät zu Glasflaschen, weil das mal als das Beste galt. Doch das meiste Mineralwasser wird heute in Deutschland in Einwegflaschen aus Kunststoff abgefüllt und verkauft. Und die sind von Mehrwegflaschen aus Kunststoff, die es ebenfalls gibt, nur schwer zu unterscheiden. Vielen ist wahrscheinlich gar nicht klar, dass sie Einwegflaschen in der Hand halten, weil auch auf diese Pfand erhoben wird – zumindest wenn Wasser drin ist und nicht Saft – und man sie in Rückgabeautomaten steckt. Nur werden sie da drin gleich gepresst, um später recycelt zu werden. Sie sind dünner als die Mehrwegflaschen und tragen das Logo der Deutschen Pfandsystem GmbH, eine Flasche und eine Dose mit einem Pfeil drum herum. Seit 2016 geht der Absatz dieser Flaschen zum ersten Mal zurück, und der von Glasflaschen steigt.

Dafür gibt es eigentlich nur eine Erklärung: Die Abneigung gegen Plastik hat zugenommen. 2018 war das Jahr mit den Bildern von Tüten im Ozean, den Nachrichten über Mikroplastik, das man in Fischen findet und in Menschen. Das Jahr, in dem die EU ein Verbot von Rührstäbchen und Strohhalmen aus Plastik ankündigte, weil die öfter an Stränden gefunden werden. Wegwerfplastik zu benutzen ist für viele heute so unmoralisch wie Rauchen. Die Mittelschicht kauft ihren Kindern schon länger lieber Holzspielzeug und kann sich das auch leisten. Es gibt eine Anti-Plastik-Bewegung, das Buch und der Blog dazu heißen Besser leben ohne Plastik. In einigen Großstädten werben Läden damit, sie seien verpackungsfrei – wie Original Unverpackt in Berlin, dessen Kunden Gläser zum Abfüllen von Nudeln oder Müsli mitbringen, um ja kein Plastik und keine Pappe zu verbrauchen.

Aber wie böse sind Plastikflaschen wirklich?

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Sucht man im Netz nach einer schnellen Antwort, stößt man vor allem auf Plastikgegner, für die wegen der Einwegflaschen demnächst die Welt untergeht. Für die Deutsche Umwelthilfe, die gegen Einwegflaschen so energisch kämpft wie gegen Dieselautos, nur bisher nicht ganz so erfolgreich, sind sie "Klimakiller". Auch Stiftung Warentest und Umweltbundesamt raten von Einwegflaschen ab – und stattdessen zu Mehrweg "aus der Region", abgefüllt nicht weiter als 300 Kilometer vom Konsumenten entfernt. Die Mehrwegflaschen dürften allerdings auch aus Kunststoff sein. Eine brauchbare Liste von empfehlenswerten Mineralwässern findet man jedoch nirgends. Dafür stößt man auf eine Studie des Instituts für Energie- und Umweltforschung in Heidelberg, ifeu, das die Sache ganz anders sieht: Manche Einwegflasche aus Plastik sei einer Mehrwegflasche aus Glas längst "ökologisch gleichwertig", weil sie ja recycelt werde.

Was stimmt nun?

Über Einwegflaschen weiß in Deutschland wohl niemand so viel wie Frank Welle, 52. Er ist Chemiker am Fraunhofer-Institut für Verfahrenstechnik und Verpackung in Freising bei München. An einem Novembertag stapft Welle über ein Fabrikgelände in Sachsen. Er ist ein kräftiger Mann mit längeren grauen Haaren. Vor den Fabrikhallen liegen verschnürte Bündel, groß wie Kleiderschränke, sie sind meterhoch gestapelt. Welle tritt heran und betastet sie. Es sind gepresste Einwegflaschen, grüne, blaue und durchsichtige. In den Hallen werden die Flaschen sortiert und zerhackt, die Splitter werden gewaschen und eingeschmolzen.

"Dass Einweg schlecht ist und Plastik böse, kann ich schon lange nicht mehr hören", sagt Welle.

Er ist ein Experte für Recycling. Zu Hause in Freising fährt er mit dem Fahrrad die sechs Kilometer ins Büro, und wenn er in den Supermarkt geht, nimmt er einen Rucksack mit, damit er keine Tüte kaufen muss. Er versucht umweltbewusst zu leben und Abfall zu vermeiden, und trotzdem ärgert es ihn, wenn einer von "der Wegwerfgesellschaft" spricht, als sei Konsum an sich das Problem. Für Welle ist das Problem, dass nicht genügend recycelt wird.

Den Begriff Plastik benutzt Welle nur, wenn er andere zitiert. Er selbst sagt: PET. Polyethylenterephthalat, das ist sein Kunststoff. Der, aus dem die Einwegflaschen sind. Im Gegensatz zu den Kunststoffen, die im gelben Sack oder in der gelben Tonne gesammelt werden, ist er hochwertig und vergleichsweise teuer. Theoretisch ist er unendlich oft wiederverwertbar. Wie lange es wirklich funktioniert, müssen sie in der Fabrik in Plauen noch herausfinden: Vielleicht leidet die Qualität irgendwann doch. Das Recycling von Kunststoffen ist noch jung, es wird viel getüftelt und ausprobiert.

Die Einführung des Einwegpfands war für Frank Welle ein Glücksfall. Die Leute bringen praktisch alle Flaschen zurück, 98 Prozent, sodass diese recycelt werden können. Jeder ist es mittlerweile gewohnt, Papier und Joghurtbecher zu sammeln, und für die Einwegflasche bekommt er dazu noch 25 Cent zurück. Bei großen gesammelten Mengen können die Recycler erst richtig loslegen. Ein solches System müsste man für Coffee-to-go-Becher noch erfinden – auch über solche Dinge denkt Welle nach. Von dem recycelten Einwegflaschen-PET wird allerdings nur ein Teil für neue Flaschen verwendet; aus dem Rest werden Teppiche oder Textilien gemacht.

Ungefähr sechs Kilo Plastikmüll werden pro Kopf jedes Jahr durch das Recycling von PET-Flaschen gespart. Darüber hinaus wirft jeder Deutsche 25 Kilo Plastikmüll in die gelbe Tonne, das ist ein Viertel des privaten Hausmülls. Davon wird am Ende allerdings weniger als die Hälfte recycelt, der Rest verbrannt. Der recycelte Anteil soll jedoch bald deutlich steigen, dafür sorgt ein neues Verpackungsgesetz, das 2019 in Kraft tritt. Bei den umstrittenen Müll-Exporten, etwa nach China, handelt es sich nicht um Flaschen. Auch der Müll aus der gelben Tonne wird zum allergrößten Teil in Deutschland verarbeitet. Ins Ausland gelangen vorwiegend Industrieabfälle, Stanzreste und Folien.

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Dass Plastik so sehr verteufelt wird, ärgert Welle. Viele Supermärkte haben Plastiktüten abgeschafft und durch Papiertüten ersetzt – obwohl diese in Ökobilanzen schlechter abschneiden. Nur weil ein Stoff nicht aus Öl gemacht wurde, sondern aus Holz, muss er noch lange nicht ökologisch besser sein. Nach einer britischen Studie müsste man eine Papiertüte dreimal so häufig benutzen, um eine niedrigere CO₂-Bilanz zu erreichen als die Plastiktüte – was gar nicht möglich ist, denn sie geht schneller kaputt. Mit den Papiertüten fühlen sich viele Leute aber wohler – wie mit den Glasflaschen. "Sie beruhigen ihr Gewissen, obwohl sie das Gegenteil des Gewollten erreichen", sagt Welle. Es ist eine Art moderner Ablasshandel.

Für ebenso irreführend hält er die Bilder von Plastiktüten im Meer, mit denen Umweltschützer zu Spenden aufrufen – als würde deutscher Müll in Massen da herumschwimmen. "Die Vorstellung, Flaschen oder Tüten aus Deutschland landeten in den Weltmeeren, ist absurd", sagt Welle. "Die meisten Abfälle stammen aus Schwellen- und Entwicklungsländern, die direkten Zugang zu den großen Meeren haben." Laut einer in der US-Zeitschrift Science veröffentlichten Studie aus dem Jahr 2015 sind die größten Verschmutzer China, Indonesien und die Philippinen. Immer wieder wird behauptet, von europäischen Stränden gelangten jedes Jahr 150.000 bis 500.000 Tonnen ins Meer; die Zahlen beruhen jedoch auf vagen Schätzungen, genau weiß es keiner. Das Problem ist woanders, und es lässt sich in einem deutschen Getränkeladen nicht lösen.

Welle läuft mit drei Mitarbeitern der Recycling-Fabrik durch die Hallen, in denen Laufbänder ratternd den PET-Müll weitertransportieren. Die Anlage gehört der Mitteldeutschen Erfrischungsgetränke GmbH, sie recycelt jede einzelne PET-Flasche, die bei Lidl und Kaufland in deutschen Rücknahmeautomaten landet. Welle ist hier, um sich anzuschauen, auf welchem Stand die Techniker nun sind. In einem Labor in der Fabrik lässt er PET-Körnchen über die Handfläche rieseln, sie sind klein wie Müsli-Flocken. Es gibt grüne und blaue, die Farben der Flaschen, die Lidl und Kaufland verwenden, und graue, von den durchsichtigen Flaschen. Die Körnchen sind der Rohstoff, der in den neuen Flaschen aufgeht. Welles Job ist es, Recycling-Anlagen wie diese hier vor der Inbetriebnahme zu prüfen, sie müssen sauber arbeiten. Nicht einmal ein Tausendstelgramm eines Schmutzpartikels pro Kilo PET darf bleiben. Die Vorgaben des Lebensmittelrechts sind streng.

Trotzdem hört er immer wieder, in den Flaschen seien gefährliche Substanzen. Voriges Jahr wollten japanische und chinesische Wissenschaftler herausgefunden haben, dass Wasser aus PET-Flaschen wegen eines Weichmacher-Ersatzstoffs die Fortpflanzungsrate bei Mäusen senke. Die Welt machte daraus die Schlagzeile: "Die hormonelle Gefahr, die in Plastikflaschen lauert". Es sind solche Meldungen, die sich im Gedächtnis festsetzen, obwohl an der Studie laut Welle gar nichts dran war. Auch die Vermutung, in den Flaschen sei Weichmacher, hält sich, dabei sind diese Stoffe in PET-Flaschen längst verboten. Dafür steckt Weichmacher in den Einlagen der Verschlüsse von manchen Glasflaschen. "Da droht zwar auch keine Gefahr für die Gesundheit", sagt Frank Welle. "Die Leute, die aus Angst zu Glas greifen, kaufen jedoch das Falsche." Er klingt ein bisschen verzweifelt, er hat das schon oft gesagt, dringt aber nicht durch.

Auch die Ängste vor Mikroplastik hält Welle für übertrieben. Also die Furcht vor Plastikpartikeln, die so klein sind, dass man sie kaum oder gar nicht sehen kann. Wenn eine angebliche Gefahr unsichtbar ist, wirkt sie aber auf viele besonders bedrohlich. Die Kosmetikindustrie setzt Mikroplastik manchen ihrer Produkte zu, um etwa in Duschgels einen Peeling-Effekt zu erreichen. Sie entstehen aber auch durch Zersetzung von Kunststoffen, durch den Abrieb von Autoreifen etwa oder durch das Waschen von Kunststoff-Textilien. Sind sie erst einmal in der Umwelt, kann man sie nicht wieder einfangen. Was das für Folgen hat, ist weitgehend unerforscht. Vor ein paar Monaten erregten Studien Aufsehen, nach denen sich solche Partikel auch im Mineralwasser befinden. Das Chemische Veterinär- und Untersuchungsamt Münsterland-Emscher-Lippe testete 38 Wasserflaschen. Es entdeckte die meisten Partikel jedoch nicht in Einweg-, sondern in Mehrwegflaschen aus Kunststoff – im Schnitt 118 Partikel pro Liter. Die allermeisten fanden sich in einigen Glasflaschen. Womöglich kamen sie beim Spülen hinein.

Welle hat nun selbst berechnet, wie groß die Gefahr durch die Partikel ist. Weil es für Mikroplastik noch keine Grenzwerte gibt, nahm er den Wert für einen anderen, bei Plastikprodukten stets untersuchten Stoff. Er fand heraus: Sogar in der Flasche mit dem allermeisten Mikroplastik war dieser Wert nur zu einem Fünftel erreicht. Selbst wenn man davon ausginge, dass Mikroplastik hochgefährlich ist, dürfte nach vergleichbaren gesetzlichen Normen also fünfmal mehr drin sein. Auch Kleinkinder könnten das täglich trinken, ohne jede Gefahr, sagt Welle.

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In der Recycling-Anlage in Plauen interessiert sich Welle vor allem für eine Zahl: Wie hoch ist der Anteil von recyceltem PET, das die Techniker in die neuen Flaschen stecken? Das ist technisch knifflig: Je mehr man hineingibt, desto grauer und milchiger werden die Flaschen, und sie sind auch nicht mehr so stabil. Um das auszugleichen, müssten die Flaschen dicker werden. Sie sollen aber dünn sein, um Gewicht zu sparen, sonst ist der Vorteil dahin. In den Flaschen aller Hersteller sind derzeit im Schnitt nur 28 Prozent recyceltes PET – zu wenig, um Umweltfreunde zu beeindrucken. In jeder Flasche ist also der Großteil frisches, aus Erdöl hergestelltes PET. In den letzten Jahren war neues PET oft billiger als recyceltes, weil Öl günstig war. So lohnte es sich für Abfüller nicht, sich allzu sehr anzustrengen. Aber nun sind die Ölpreise gestiegen. Die Mitteldeutsche Erfrischungsgetränke GmbH schafft mit ihren Flaschen bereits einen Recycling-Anteil von 60 Prozent. "Für mich sind das praktisch Mehrwegflaschen", sagt Welle.

Das Wasser stammt aus fünf Brunnen, die übers ganze Land verteilt sind. Laut der Mitteldeutschen Erfrischungsgetränke GmbH wird es im Schnitt 220 Kilometer weit in die Läden gefahren, ist also selbst nach den Maßstäben des Umweltbundesamts ein regionales Wasser. Umweltsensible Leute müssten eigentlich die Lidl- und Kaufland-Hausmarken "Saskia" und "K-Classic" trinken.

Auch andere Firmen melden Fortschritte, zumindest beim Recycling-Anteil. Den großen Auftritt legte gerade das Start-up Share aus Berlin hin: Seit September bringt es zu 100 Prozent recycelte Wasserflaschen auf den Markt und wirbt auch damit. Die französische Marke Evian hat angekündigt, bis 2025 ebenfalls zu 100 Prozent wiederverwertetes PET zu verwenden. Der Konzern Coca-Cola, zu dem auch Mineralwässer wie Apollinaris und Vio gehören, will bis 2030 bei allen Plastikflaschen für Wasser und Limonaden immerhin 50 Prozent erreichen.

Das Umweltbundesamt zeigt sich davon unbeeindruckt: Die Einwegabfüller sollten doch bitte wissenschaftlich nachweisen, dass ihre Flaschen besser geworden sind, sagt einer der Experten des Amts, Gerhard Kotschik. Bis dahin halte man sich an die eigenen Studien, auf denen die Empfehlung der Glas- und der PET-Mehrwegflasche beruht. Die sind allerdings schon ziemlich alt.

Bereits in den frühen Neunzigerjahren – es gab noch kein Einwegpfand – begann das Umweltbundesamt darüber zu forschen, was aus ökologischer Sicht von Getränkeverpackungen zu halten sei. Das Amt ließ eine Unmenge an Daten sammeln: Wie viel Rohstoff und Energie braucht man, um die Flaschen herzustellen? Für das Schmelzen von Glas ist sehr viel Energie nötig, dafür kann man so eine Flasche bis zu 50-mal befüllen. Für eine PET-Flasche fällt weniger Energie an, dafür braucht man als Rohstoff Öl. Neben dem Material spielt der Transport eine große Rolle; ein mit Glasflaschen befüllter Lastwagen verbraucht mehr Diesel. Mehrwegflaschen müssen zur Quelle zurückgebracht und gespült werden. Dafür kostet das Recyceln der PET-Flaschen dann auch wieder Energie. Am Ende musste sich das Amt noch entscheiden, wie es die Auswirkungen auf die Umwelt gewichten wollte, die Verschmutzung der Luft, die Versauerung der Böden. Den CO₂-Ausstoß sah es als besonders bedeutend an. Mit diesen Vorgaben setzte es bis heute den Standard für ähnliche Rechenwerke. So entstanden die ersten Ökobilanzen für Getränkeverpackungen. Drei solcher Studien veröffentlichte das Umweltbundesamt, die letzte erschien 2002, also vor 16 Jahren. Das Ergebnis war damals eine Hymne auf die Mehrwegflasche. Getränkekartons wie etwa Tetrapaks fand man zwar ebenfalls "ökologisch vorteilhaft", genauso wie Plastik-Schlauchbeutel für Milch. Um den Ruf von Einwegdosen und -flaschen aber war es geschehen.

Der damalige Umweltminister Jürgen Trittin führte daraufhin 2003 das Einwegpfand ein, das vor allem Mineralwasser traf. Er zwang die Hersteller, die Flaschen zurückzunehmen und recyceln zu lassen. Denn er wollte Mehrwegflaschen fördern, indem er Einwegflaschen den kurzfristigen Preisvorteil im Supermarkt nahm. Dieser Teil des Plans ging nicht auf: Die Leute mochten die Einwegflasche trotz Pfand, vor allem weil sie leichter ist. Außerdem ist das Wasser in diesen Flaschen meist billiger als in einer Mehrwegflasche, selbst wenn es von derselben Marke und demselben Brunnen kommt. Denn der Transport und das Spülen der Mehrwegflaschen ist teurer als das Zerhäckseln und Neueinschmelzen.

Was Jürgen Trittin sicher nicht im Sinn hatte: Heute kann man praktisch von jeder größeren Marke – wie etwa Gerolsteiner – das gleiche Wasser nicht nur in Mehrweg-, sondern auch in Einwegflaschen kaufen. Und es sieht so aus, als werde die Mehrwegflasche langsam verdrängt. Zwar sollte es eigentlich eine Mehrwegquote von 70 Prozent geben, aber sie lässt sich nicht so einfach durchsetzen, und im Getränkeladen sind die Mehrwegflaschen längst in der Minderheit. Die Deutsche Umwelthilfe forderte daher gerade eine Zwangsabgabe auf die Einwegflaschen, um sie den Konsumenten zu verleiden.

Im Herbst 2018 hält ein Wissenschaftler in Berlin einen Vortrag, der die Mehrwegpuristen provoziert, vor ihm haben sie ebenso viel Respekt wie vor Frank Welle. Benedikt Kauertz arbeitet für das ifeu in Heidelberg, eingeladen hat ihn ein Verband von Einwegflaschen-Abfüllern. Das Umweltbundesamt will selbst nicht mehr zu Ökobilanzen forschen, das solle die Getränkeindustrie bitte selbst tun. Und die wendet sich häufig an das Institut. An allen wichtigen Studien der letzten Jahre war Kauertz beteiligt. Nun will er Bilanz ziehen. Sein Institut gilt als unabhängig, noch nie ist ihm ein schwerer Fehler nachgewiesen worden.

"Glas oder Plastik, das ist längst nicht mehr die Frage", sagt Kauertz.

Unter den Studien, über die er spricht, ist auch jene aus dem Jahr 2010, die befand, bestimmte Einwegflaschen könnten Mehrwegflaschen "ökologisch gleichwertig" sein. Sie erregte viel Aufsehen. Die Deutsche Umwelthilfe zweifelte dieses Ergebnis an.

Kauertz benutzt Durchschnittswerte, etwa beim Flaschengewicht. Er verglich damals eine 1,5-Liter-Einwegflasche, gefüllt mit sprudelndem Mineralwasser, mit einer weitverbreiteten Mehrwegflasche aus Glas, die 0,7 Liter fasst. Alle anderen Einwegflaschen schnitten schlechter ab, aber diese eine eben, die durchschnittliche Flasche von sechs großen Herstellern, sie hielt mit. Unabhängige Gutachter nannten das Ergebnis "robust".

Nun, acht Jahre später, sagt Kauertz, es gebe "keine eindeutigen Ergebnisse zugunsten eines Verpackungssystems". Die Mehrwegflasche ist nicht immer die beste Lösung.

Benedikt Kauertz findet, die Empfehlung des Umweltbundesamts, regionales Wasser in Mehrwegflaschen zu trinken, sei zwar "eigentlich gar nicht falsch". Schlecht sind für ihn jedoch Glasflaschen, die von der Quelle aus durchs ganze Land gefahren werden. Eine Mehrwegflasche aus Glas wiegt an die 500 Gramm, eine Mehrwegflasche aus PET um die 60, eine Einwegflasche aus PET um die 30. Lädt man einen Lastwagen voller Flaschen, macht das viel aus, da geht es dann schnell um Hunderte von Kilo und um viele Liter Diesel.

Große Marken füllen ihr Wasser meist an einer Quelle ab und bringen es überallhin. Und wenn sie, wie immer mehr Firmen, keine Pool-Flaschen haben, die mehrere Abfüller gemeinsam benutzen und untereinander tauschen – die bekannteste ist die Perlglasflasche, die es seit den Sechzigerjahren gibt –, dann fahren sie die Flaschen viele Hundert Kilometer wieder zurück. Gerolsteiner aus der Eifel oder Adelholzener aus dem Alpenvorland etwa sind überall in individuellen Glasflaschen erhältlich – da wäre es besser, dasselbe Wasser in der Einweg- oder PET-Mehrwegflasche zu kaufen.

Weil der Streit über die Flaschen in Deutschland so hitzig ist, lohnt sich ein Blick in die Schweiz. Das Bundesamt für Umwelt dort empfiehlt ganz einfach: PET-Einwegflaschen. Wie kann das sein?

In der Schweiz haben sie ein ähnliches System wie in Deutschland, nur dass sie die PET-Flaschen in Containern sammeln, ohne Pfand, und dass es Mehrwegflaschen nur aus Glas gibt. Mehrwegglas halten die Schweizer für "ähnlich gut" wie PET. Für diese Erkenntnis griff man ebenfalls auf Ökobilanzen zurück, die letzte ist von 2014 und kommt von der Baseler Umweltberatung Carbotech.

Fredy Dinkel, einer der Autoren, sagt, man müsse unbedingt die Relationen im Auge behalten: Unter all den Folgen für die Umwelt, die ein Leben in Europa mit sich bringt, machten Verpackungen insgesamt nur einen kleinen Teil aus, 2 bis 3 Prozent. Ein Drittel ergebe sich durch die Ernährung. Ein Viertel werde durch Autofahren und Reisen verursacht – und noch einmal so viel durch Heizen.

Eine 1,5-Liter-Einwegflasche leer zu trinken, das ist laut der Schweizer Ökobilanz ungefähr so umweltschädlich wie die Herstellung von 8 Gramm Brot. Wirft man eine 100-Gramm-Scheibe Brot weg, weil sie vertrocknet ist – zack, schon hat man zwölf Plastikflaschen verbraucht. Solange der Mensch lebt, hat das Folgen für die Umwelt. Es ist gut, wenn er sich Gedanken macht, wie er die Folgen klein hält. Deshalb auf die Plastikflasche zu verzichten bringt aber: so gut wie nichts.

Hinter der Geschichte: Jahrelang kam mit der Mineralwasser-Lieferung für das ZEITmagazin auch ein französisches Wasser in Plastikflaschen in die Redaktion. Im Frühjahr 2018 fanden einige, es sei an der Zeit, aus Umweltschutzgründen darauf zu verzichten. Der Autor fragte sich, ob das wirklich begründet ist – und begann zu recherchieren. Heute trinkt die Redaktion ein regionales Wasser aus Glasflaschen.

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