Géraldine Schwarz "Wo wäre ich ohne Erinnerung? Im Nichts oder in der Ewigkeit?"

© Stephanie Füssenich
Aus der Serie: Ich habe einen Traum ZEITmagazin Nr. 48/2018

Ich träume davon, die Augen nicht schließen zu müssen, um träumen zu können. Nicht die Nacht abwarten zu müssen, damit ein neuer Morgen dämmert. Nicht vergessen zu müssen, um hoffen zu dürfen.

Wo wäre ich ohne Erinnerung? Im Nichts oder in der Ewigkeit? Womöglich bei einem Gedächtnishändler, einem Verkäufer von Ready-to-go-Identitäten: "Mann oder Frau", "Schwarze oder Weiße", "Christin oder Muslimin", "Arbeiterin oder Bürgerliche", "Nationalistin oder Internationalistin". Vielleicht würden eines Tages neue Identitäten auftauchen, "Erdling oder Außerirdische", "Roboter oder Mensch", und die anderen im Ausverkauf landen. Es gäbe eine zur Identität passende Software, als Realitätsfilter: "America first", "Allahu Akbar", "Wir sind das Volk", "La France aux Français", "Prima chi fa figli", "Christianity is Europe’s last hope" oder " Fuck the system – fuck the law".

Aber ich habe meine Erinnerung nicht verloren, und ich bin den früheren Generationen dankbar, die dafür gefochten haben, dass ich mir eine Identität nach Maß erschaffen kann. Für mich ist es eine manchmal mühselige Suche, irgendwo zwischen Frankreich und Deutschland. Aber ich spüre das Glück, dass meine europäische Heimat mich so akzeptiert, wie ich bin, und auch so, wie ich träume zu sein.

Wir Europäer sind einen langen Weg gegangen. Unsere Erinnerungen mögen zersplittert sein, doch es gibt in dieser Vielfalt einen gemeinsamen Nenner: die Erfahrung des Totalitarismus, der die Identität und Individualität der Menschen aufs Gröbste missachtet hat, sie terrorisiert, manipuliert, gefoltert und geblendet hat, um sie in eine Form zu zwängen und in eine Armee im Dienst eines mörderischen Wahns. Wir haben die Erfahrung von Apathie und Mitläufertum angesichts des Verbrechens gemacht. Aber wir haben auch Widerstand erlebt und schließlich triumphiert über die faschistische und kommunistische Unterdrückung.

Ich träume davon, dass wir Europäer diesen Sieg der Freiheit gemeinsam feiern, dass er zu unserer kollektiven Erinnerung wird, zu einer positiven, wegweisenden Erinnerung. Dass wir dabei aber auch das unfassbare Leid nicht vergessen, das uns droht, wenn unsere Wachsamkeit nachlässt.

Ich sehe mir ein Foto an von Emmanuel Macron und Angela Merkel bei den jüngsten Feierlichkeiten zum hundertsten Jahrestag des Endes des Ersten Weltkriegs, und ich denke an Helmut Kohl und François Mitterrand zurück, im Jahr 1982 in Verdun, der Koloss und das Männlein, Hand in Hand, ein wortloses: "Nie wieder". Sie waren damals stolz angesichts dieser Eintracht und einer Zukunft, die vor lauter Hoffnung nur so bebte. Merkel, sie neigt ihren Kopf in die Schultergrube von Macron, und für einen Augenblick scheint diese Geste des Abschieds die Totenglocke zu läuten für ein aufgeklärtes Europa.

Es hängt nun von uns ab, dafür zu kämpfen und diejenigen zu besiegen, die Erinnerungen trüben, falsche Identitäten schaffen und Hass säen. Jeder Einzelne von uns ist dabei unerlässlich.

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Aus dem Französischen übersetzt von Christian Ruzicska.