Harald Martenstein Über Sportlerinnen und Sportler

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Aus der Serie: Martenstein ZEITmagazin Nr. 48/2018

Es gibt Ungerechtigkeiten, an denen man nichts ändern kann, beim besten Willen nicht. Aus mir hätte zum Beispiel, wegen meiner Körpergröße, nie ein guter Hochspringer werden können. Und im Durchschnitt sind Frauen weniger kräftig als Männer, auch etwas langsamer. Das ist halt so, und es war ja auch sinnvoll, solange wir Typen jagen und kämpfen mussten, statt pausenlos Steuerquittungen zu beschriften und Friedensappelle zu unterzeichnen. Ich selber war leider nie ein Muskelpaket, nur eine Labertasche, insofern ist die Menschheitsgeschichte ganz in meinem Sinn verlaufen.

Es macht mich aber verrückt, wenn man nicht die Wahrheit sagen darf. Der Tennisspieler John McEnroe – Sie müssen den Film Borg/McEnroe sehen, der ist super! – hat 2017 in einem Interview seine Kollegin Serena Williams gepriesen, die sei die beste Spielerin aller Zeiten. Tatort war das US-Fernsehen. Ich konnte sehen, wie die Interviewerin erstarrte. "Wieso denn nur Spielerin? Wieso nicht Spieler, insgesamt?"

McEnroe, der selten ein Blatt vor den Mund nimmt, sagte, dass Williams bei den Männern nur so was wie die Nummer 700 wäre, was ja immer noch verdammt gut ist, besser als zig Millionen Männer. Die Interviewerin verlangte sofort eine Entschuldigung. McEnroe entschuldigte sich nicht. Als dann der Shitstorm tobte, gab es ein weiteres Interview. McEnroe sagte, vielleicht sei Serena Williams unter den besten Spielern aller Zeiten auch Nummer fünf. Er entschuldigte sich wieder nicht. Er machte, um vor den Internethyänen seine Ruhe zu haben, eine kleine Konzession, dabei lächelte er frech.

Traurig an dieser Geschichte ist, dass Serena Williams im Rudel mitmachte. Sie hatte ein paar Jahre zuvor fast das Gleiche gesagt wie McEnroe. Männertennis sei etwas völlig anderes als Frauentennis. Nun griff sie McEnroe an, seine Aussage beruhe nicht auf Fakten. Sie wusste, dass McEnroe recht hat. Aber sie wollte keinen Shitstorm. Ich verstehe das. Wenn Frauen und Männer im Sport ungefähr gleich gut sind, könnte man natürlich die unterschiedlichen Ligen abschaffen, man könnte im Schwergewicht Boxerinnen und Boxer gegeneinander antreten lassen. Aber das werden sie nicht machen, weil im Grunde jeder weiß, dass es irre wäre und im Boxen sogar lebensgefährlich. Jeder weiß es. Aber wenn du es sagst, kriegst du Ärger. Diese Gesellschaft hat einen Dachschaden, und es regnet in die Gehirne.

Frauen, das ist ja auch einigermaßen belegt, besitzen im Durchschnitt eine größere Sozialkompetenz. Mädchen lernen früher sprechen. Wenn im Fernsehen ein Mann aufträte, der sagt, mir passt das nicht, Jungs sprechen genauso früh, dann wäre mein brüderlicher Rat an ihn: Verklage Mutter Natur vor dem Europäischen Gerichtshof, viel Glück. Natürlich könnte man die männlichen Tennisspieler dazu zwingen, in Zukunft nur noch mit Tischtennisschlägern zu spielen.

Es gibt inzwischen auch Forschung, die unterdrückt wird. Der Mathematiker Theodore Hill, kein Nobody in seiner Wissenschaft, hat sich kürzlich dem Thema Intelligenz gewidmet. Er untersuchte die schon von anderen Forschern geäußerte These, dass der Intelligenzquotient von Männern im Durchschnitt eine breitere Streuung aufweist als der von Frauen. Unter Männern gibt es demnach mehr Genies, aber leider auch mehr Volltrottel als unter Frauen. Der vom New York Journal of Mathematics angenommene und im Netz bereits veröffentlichte Text wurde nach Drohungen aus der Zeitschrift entfernt. Zumindest in puncto Unterdrückung scheint das Prinzip der Gleichbehandlung sich durchgesetzt zu haben.

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Kommentare

18 Kommentare Seite 1 von 2 Kommentieren

Sollen wir das "Stuhlgewitter" mal in etwas manierlichere Bahnen lenken?! Was wäre denn gewesen, wenn McEnroe nicht so schamlos zur einen wie zur anderen Seite übertrieben hätte? Platz 700 für Serena Williams oder Top Five - beides ist nicht akzeptabel. Wie wäre es mit einem Ranking zwischen 80 und 120 unter Männern?! Es entspräche übrigens auch dem Platz, den die weltbeste Schachspielerin Hou Yi Fan laut ELO-Liste einnimmt (bitte kein Einwand "aber die Polgar-Schwestern ..." - das war das Resultat eines schachpädagogischen Extremversuchs von Kleinkindbeinen an). Auch Gehirn-Höchstleistungen sind in unbekanntem Maße soziokulturellen und(!) physiologischen Faktoren unterworfen.