Koffer Alles am Griff

© Peter Langer
Aus der Serie: Stilkolumne ZEITmagazin Nr. 48/2018

Der Koffer hat es in den vergangenen Jahren nicht einfach gehabt. Einstmals galt es als Statussymbol des Reisenden, möglichst große Koffer zu besitzen. Die Henkel an den Koffern waren nicht dazu gedacht, dass der Besitzer selbst anpackte. Dafür gab es Personal. Das eigene zumal, aber auch ganze Schwärme von Tagelöhnern, die sofort zur Stelle waren, um die Koffer dorthin zu schleppen, wo man sie haben wollte. Solche Koffer sieht man allerdings immer weniger. Sie sind durch den Rollkoffer abgelöst worden. Erst als man sich Träger nicht mehr leisten konnte, mussten sich Kofferhersteller Gedanken machen, wie man schweres Gepäck bequemer transportieren könnte. Der Rollkoffer, den man hinter sich herzieht, ist also ein Produkt der Verteuerung der menschlichen Arbeitskraft.

Der wohl bekannteste Hersteller von Luxuskoffern ist Louis Vuitton. Dort findet sich klassisches Hartgepäck mit Holzrahmen und einer Bespannung aus vinylgetränkter Baumwolle – etwa der Trunk-Koffer, ein internationales Statussymbol. Aber Louis Vuitton hat auch viele Rollkoffer im Programm – und reagiert damit auf Veränderungen in der Mobilität. Denn heute reisen die meisten Menschen im Flugzeug und möchten ihre Trolleys mit in die Kabine nehmen, damit sie den Flughafen möglichst schnell wieder verlassen können. Dass sich der klassische Koffer darüber zu einem nostalgischen Produkt entwickelt hat, sollte kein Problem sein. Auch der rechteckige Trunk war ein Produkt gewandelter Mobilität: Noch im 19. Jahrhundert glichen Koffer aufklappbaren Schränken. Meist war die Oberseite kuppelförmig gestaltet, damit etwaiger Regen abtropfen konnte. Als dann Schiffspassagen modern wurden, wurden die Kofferungetüme unpraktisch. Deswegen setzte sich die Innovation von Louis Vuitton schnell durch: Die flachen Koffer des Pariser Herstellers ließen sich bequem unter die Koje schieben – und waren wegen des wasserabweisenden Canvas-Bezugs dennoch regendicht.

Dass heute Rollkoffer gefragt sind, tut der Tradition des Trunks keinen Abbruch. In der Werkstatt in Asnières bei Paris werden heute immer mehr Sonderanfertigungen hergestellt. Behältnisse für besondere Gegenstände – wie etwa den Fußball-WM-Pokal, der stets in einem eigens für ihn gebauten Louis-Vuitton-Koffer unterwegs ist. Und als das weltbekannte Bild Das Milchmädchen von Vermeer im Oktober vom Rijksmuseum in Amsterdam zu einer Ausstellung nach Tokio reiste, tat es das ebenfalls in einem eigens für diesen Anlass gebauten Louis-Vuitton-Koffer. In solchen Fällen findet sich übrigens auch heute noch ein Träger.

Foto: Peter Langer / Behältnis für besondere Gegenstände: Das Schatzkästchen von Louis Vuitton

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