© Moritz von Uslar

Vabali Spa Berlin Morgens halb zehn in Deutschland

Aus der Serie: Morgens halb zehn in Deutschland ZEITmagazin Nr. 48/2018
Unser Reporter Moritz von Uslar berichtet in dieser Kolumne aus dem deutschen Alltag. Folge 15: Im Saunabad Vabali in Berlin-Moabit trifft sich die besser verdienende Hälfte der Gesellschaft. Muss man sich hier schämen, oder ist es einfach schön? Von

Es ist sehr naheliegend und ein bisschen einfach, Witze zu machen über das, was einem schon beim Eintreten an heiliger Wohlfühl-Atmosphäre entgegenschlägt: alles so gedämpft hier (Licht, Geräusche, Panflöten-Musik). Die Idee der Macher von Deutschlands größter Saunalandschaft lautet, dass es in Berlin ein "hektisches Großstadtleben" gebe (nachvollziehbarer Befund) – in dieser Gegenwelt soll der Besucher eine Reise nach Fernost, genauer: in ein balinesisches Dorf antreten. Es geht dann, du liebes bisschen, gleich wieder um nicht weniger als einen "Ort, an dem Körper, Seele und Geist in Einklang kommen".

Ein Parkplatz in Fußnähe des Berliner Hauptbahnhofs, zwischen dem Zellengefängnis Moabit, dem Stadtbad Tiergarten und dem Poststadion des SC Union Berlin gelegen. Der gut hässliche, orangene Schriftzug "Vabali" (der Clubname ist eine deutsche Wortkreation, sie soll irgendwie asiatisch klingen und so viel wie "Geh nach Bali" bedeuten). Im Check-in-Häuschen wird einem die Chipuhr mit der Blüte des fernöstlichen Frangipani-Baumes überreicht. Zwei Stunden kosten 21,50 Euro, die Tageskarte 36,50 Euro. Ein Schild weist auf Videoüberwachung in den Umkleidekabinen hin. Belehrung des Personals: Das ist hier kein Schwimmbad oder Sportclub, sondern ein Spa (andere Begriffe lauten Premium-Spa, Wellness-Tempel, Wohlfühl-Landschaft, Wohlfühl-Oase). Fotofähige Geräte sind im Spind einzuschließen. Zentraler Hinweis: Das Spa ist textilfrei, auf Badekleidung ist stets zu verzichten. Außerhalb der Pools und Saunen – etwa beim Besuch des Restaurants und der Bar – sind Bademäntel zu tragen.

November, die klassische Sauna-Jahreszeit. Der Besucher läuft einen überdachten Säulengang hinunter: Teakholzsäulen, Bambushecken, es riecht nach ätherischen Ölen (alles klar, hier soll das Alltag-hinter-sich-Lassen schon beginnen). Da liegt eine Buddhastatue, daneben ein mit Blüten und Kürbissen dekorierter Bronzeteller. Kleine Frage: Warum eigentlich Buddhafiguren, wenn die mit Abstand vorherrschende Religion auf Bali (92 Prozent) nicht der Buddhismus, sondern die Hindu-Dharma-Religion, eine Sonderform des Hinduismus, ist?

Ausgabe der Bademäntel und Badelatschen. Zur Erleichterung des Reporters sind die Duschen nach Geschlechtern getrennt. Das Prinzip des Spas ist, dass der Besucher von der Größe der Anlage – elf verschiedene Saunen und Dampfbäder auf 20.000 Quadratmetern, mehrere farblich verschieden gestaltete Ruheräume, das Kaminzimmer, eine Gartenanlage mit Außenpool – zunächst überwältigt ist. Und hey, es sieht an diesem architektonisch zutiefst perversen Ort – ein balinesisches Badedorf in Berlin-Moabit – schon toll aus: Grün schimmert der Innenpool. Sonst herrscht eine braun-weiß-beigeliche Sachlichkeit (Teakholz, Marmorböden). So ein Spa ist ja sofort ein unschöner, wirklich widerlicher Ort, wenn nur ein Hauch von billiger Schäbigkeit aufkommt. Im Vabali ist tief in die Geldkiste gegriffen worden, es wurden nur teure, hochwertige Materialien verbaut. Überall der Hinweis, den "digitalen Detox" zu genießen (allein schon das Handyverbot macht das Vabali zu einem gesegneten Ort). Lustig, das bei den Deutschen so beliebte Liegenbesetzen ist laut Hausordnung nicht gestattet.

Erstaunlich gut gefüllt ist es an so einem Freitagmorgen um halb zehn. Kleine Gästetypologie im Vabali: Der maximal selbstbewusste, sich im natürlichen Einklang mit dem Spa befindende Besucher ist das Händchen haltende Paar um die dreißig (Mann und Frau mit von Yoga definierten Körpern, der Mann trägt Vollbart). Sonst: die besser verdienende obere Hälfte der Gesellschaft, der Typ wohlhabender Handwerker, Männer, die auch mit Handtuch um die Hüften als New-Economy-Unternehmer auszumachen sind, ein 120-Kilo-Riese mit Tribal-Tattoos, ein paar astrein aufgetunete Macho-Prolls der türkischstämmigen Minderheit in Deutschland; ein paar russische Mamas sind auch da.

Die großen gesellschaftlichen Strömungen können ja auch an so einer Saunalandschaft nicht einfach vorbeigehen: Im Februar dieses Jahres, auf dem Höhepunkt der #MeToo-Debatte, wurde für einen Teilbereich des Vabali eine Bademantel-Pflicht durchgesetzt (bis dahin war die ganze Anlage textilfrei, vor allem Besucher aus den USA und Großbritannien hatten sich über die deutsche FKK-Kultur irritiert gezeigt).

Eine zentrale Frage ist, wie der Besucher – man ist ja ein ganz normal verklemmter Idiot – mit der Weisung zum Nacktsein zurechtkommt. Es herrscht unter Vabali-Besuchern ein stilles Einverständnis darüber, dass man sich nicht anguckt, auch Augenkontakt findet nicht statt. Merkwürdiger Widerspruch: Der saunierende Körper möchte natürlich nicht betrachtet werden. Gleichzeitig findet im Vabali, wie in einer Disco, ein Schaulaufen der definierten Körper statt.

In der großen Aufgusssauna zelebriert nun der Vabali-Boy Lucio den Eichen-Aufguss. Schau an, so ein Nacktverdikt zieht nach sich, dass das Einhalten der Regeln – man kennt das von anderen Saunabesuchen – mehr oder weniger vorwurfsvoll, gelegentlich fast aggressiv eingefordert und überwacht wird: Als der Reporter in der zweiten Aufgussrunde immer noch nicht blankzieht (das Handtuch bleibt um die Hüften), kassiert er von den Bänken der Berliner Saunaprofis rügende Blicke.

Und noch ein paar Gedanken zum Nacktsein, auf den Liegen des Vabali Spa notiert: Die Verabredung zur Nacktheit in einem räumlich begrenzten Areal führt interessanterweise zu guten Manieren, guten Umgangsformen, ja zu einer Atmosphäre des gegenseitigen Respekts. Der Konstitution des Nackigseins folgt, wie auch an FKK-Stränden zu beobachten, eine Verflüchtigung des Sexuellen. Gleichzeitig ist im Vabali – wie anders möglich an einem Ort, an dem einige Hundert fremde Menschen zusammen schwitzen und sich nackt durch warme Wasser und warme Dämpfe bewegen – eine gewisse, wenn auch durch Regeln und Konventionen sanktionierte erotische Spannung auszumachen: Ein typischer Vabali-Anblick ist das Paar, das am Beckenrand wie die Frösche aneinanderhängt (die Frau vorne, der Mann hinten, nur notdürftig seine Paarungsbereitschaft verbergend). Ein schöner Satz im "Saunaknigge" des Vabali bemerkt hierzu: "Bitte reduzieren Sie den Austausch von Zärtlichkeiten auf ein Minimum."

Kleiner Kicheranfall beim Besucher, als er auf einer Holztafel das Angebot der verschiedenen Saunaaufgüsse liest: Grüner-Tee-Aufguss, Klangschalenaufguss, Aloe-Vera-Yoghurt-Aufguss, Mint-Fresh-Aufguss, Asiatische Duftreise. Ach, ihr entsetzlich peinlichen Saunawelten! Wie nah liegen Scham und Entspannung doch oft beieinander.

Ein Teechen an der Bar. Im Außenpool treibt der müde Körper im balinesisch warmen Wasser, am Himmel das Berliner Grau.

Kommentare

20 Kommentare Seite 1 von 4 Kommentieren