© Jelka von Langen

Adam Armoush Zündstoff

Im Frühjahr ging das Video eines jungen Mannes um die Welt, der in Berlin von einem anderen mit einem Gürtel geschlagen wurde, weil er eine Kippa trug. Es kam zum Prozess. Der Täter wurde verurteilt. Aber die Geschichte ist komplizierter. Von
ZEITmagazin Nr. 49/2018

Das kleine Stück Stoff, das Adam Armoushs Leben umkrempelte, liegt unter einer Glashaube im Foyer des Jüdischen Museums von Berlin. Menschen gehen ehrfürchtig darum herum wie um einen Schrein, betrachten es von allen Seiten und unterhalten sich leise auf Englisch, Spanisch oder Französisch. "Kippa des Anstoßes" steht auf der Tafel neben der Vitrine. Der 21-jährige Adam Armoush trug sie, als ihn am 17. April in Berlin ein anderer junger Mann auf der Straße angriff und mit seinem Gürtel schlug. Das Video, das Armoush dabei mit seinem Handy aufnahm, hat das Land aufgewühlt. Nun hat seine jeansfarbene Kippa ein Denkmal bekommen, noch bevor ihre Geschichte zu Ende erzählt ist. "Rapid Response" nennt die Kuratorin dieses neue Museumskonzept. Schnelle Antwort.

Der Mann, dem sie gehört, ist sich zu diesem Zeitpunkt schon nicht mehr sicher, ob das alles so eine gute Idee war. Als das Jüdische Museum ihn kurz nach der Attacke um die Leihgabe der Kippa bat, hatte Adam Armoush noch nicht begriffen, was es bedeutet, zur Galionsfigur zu werden. Dass er von nun an nicht nur Tausende Unterstützer haben würde, sondern auch viele Feinde. Dass er vereinnahmt werden würde, auch von den Falschen.

Adam Armoush sitzt an einem Junitag in einem Café in Prenzlauer Berg, er wohnt in der Nähe in einer kleinen Wohnung. Hier, in diesem bürgerlichen Stadtteil von Berlin, wurde er angegriffen. Er trägt ein ärmelloses Shirt, aus dem schmale Arme hervorschauen. Seine braunen Haare trägt er an den Seiten kurz geschnitten und oben lockig, sein Ohr ziert ein kleiner schwarzer Stecker. Beim Reden macht er lange Pausen. Die letzten zwei Monate seit dem Angriff haben ihn mitgenommen, so sehr, dass er auch in seinem Tiermedizinstudium ein Pausensemester eingelegt hat. Er selbst wird nicht ins Museum gehen, wo seine Kippa zwei Monate lang ausgestellt ist. "Das ist mir zu viel Aufmerksamkeit."

Die Geschichte seiner Kippa beginnt am Abend des 17. April. Armoush ist mit einem Freund unterwegs, Salah Mehdi*, beide tragen Kippa. Was dann geschieht, hat Armoush teilweise mit seinem Smartphone gefilmt. Auf dem knapp einminütigen Video sieht man, wie ein junger Mann, die Augen vor Wut weit aufgerissen, mit seinem Gürtel auf den filmenden Armoush einschlägt und auf Arabisch "dreckiger Jude" schreit. Mehdi, der zuvor zurückgewichen war, ist nicht zu sehen auf dem Video. Schließlich zerrt ein Begleiter des Angreifers diesen weg.

Nachdem Armoush bei der Polizei Anzeige gegen unbekannt erstattet hat, lädt er das Video in einer geschlossenen Facebook-Gruppe hoch, er hofft, dass jemand den Täter erkennt. Bald geht es durchs Netz, wird millionenfach angeklickt und beherrscht die deutschen Schlagzeilen. Es geht dabei um die Frage, ob arabische Zuwanderer einen neuen Antisemitismus nach Deutschland importieren. Auch Journalisten aus Japan, den USA und der arabischen Welt berichten über die Attacke mit dem Gürtel. Angela Merkel meldet sich zu Wort und verurteilt im Fernsehen den "schrecklichen Vorfall". In den Tagen danach gehen in Deutschland Tausende auf die Straße und tragen aus Solidarität mit Armoush eine Kippa. Nur er ist bei keiner der Veranstaltungen dabei.

Auch als Anfang November der Pogromnacht von 1938 gedacht wurde, waren die Bilder von dem Angriff ständig in den Fernsehdokumentationen zu sehen. Als Beleg dafür, wie gefährlich es heute wieder sein kann, als Jude in Deutschland auf die Straße zu gehen. Sie haben sich ins Gedächtnis eingebrannt. Ähnlich den Bildern aus Chemnitz, die die Jagd Rechtsradikaler auf Ausländer zeigen. 2018 ist das Jahr, in dem verwackelte Handyvideos Politik machen. Die Debatte um das Video aus Chemnitz hat sogar dazu geführt, dass der Verfassungsschutzpräsident gehen musste.

Welche Macht Bilder haben können, war Armoush nicht bewusst. Dass sie benutzt werden von allen Seiten und jeder seine eigene Wahrheit daraus zieht. Sein Video hat ihn zu einer Symbolfigur wider Willen gemacht, er steht stellvertretend für alle Opfer von Antisemitismus. Nur: Er ist gar kein Jude. Er wurde in den ersten Meldungen nur fälschlich als einer bezeichnet. Armoush kommt aus einer christlich-arabischen Familie in Israel. Dass er mit einer Kippa auf die Straße ging, hat viel mit der schizophrenen Situation zu tun, in der Jugendliche wie er im Nahen Osten aufwachsen.

Adam Armoushs Muttersprache ist Arabisch, dieselbe wie die des 19 Jahre alten Angreifers Kanaan S. Ihre Biografien sind sich ähnlicher, als sie selbst ahnten: Beide waren im Spätsommer 2015 nach Deutschland gekommen, beide stammen aus ursprünglich palästinensischen Familien. Nur kam Armoush als Student mit israelischem Pass hierher und Kanaan S. als staatenloser Flüchtling aus Syrien. Armoush zog zunächst in eine Wohngemeinschaft nach Hannover, Kanaan S. in ein Jugendwohnheim außerhalb von Berlin. Kanaan S., der eigentlich ein "Engelsgesicht" hat, wie es eine Beteiligte im späteren Prozess ausdrückt, trägt die Heimat seiner Vorfahren im Namen: Kanaan ist die biblische Bezeichnung des Gebietes, das seine Großeltern nach der Staatsgründung Israels 1948 verließen. Sie stammen aus der Hafenstadt Akko – der Stadt, in der Armoush geboren wurde.

Dass diese beiden Männer 2018 auf einer Straße in Berlin aneinandergerieten, ist ein Zufall, aber einer, der viel mit dem Konflikt im Nahen Osten zu tun hat, einem über drei Generationen vererbten Konflikt, der bis heute Lebensläufe prägt. Und in dem religiöse Symbole mittlerweile derart mit Bedeutung aufgeladen sind, dass das Individuum dahinter verschwindet. Deshalb ist die "Gürtelattacke", wie sie in den Zeitungen genannt wurde, nicht nur ein besonderer Fall von Antisemitismus, sie sagt nebenbei auch eine Menge über die Identitätssuche zweier junger Männer aus und viel über unsere Mediengesellschaft.

Im Mai lag in Adam Armoushs Briefkasten die Ladung, dass er vor Gericht als Zeuge gegen Kanaan S. aussagen soll, der hatte sich zwei Tage nach der Tat gestellt und kam in Untersuchungshaft. "Was passiert da genau? Wird Kanaan auch im Saal sein?", fragt Armoush an diesem warmen Junitag, zwei Wochen vor Prozessbeginn. Er war noch nie vor Gericht und hat keine Ahnung, wie so etwas abläuft. Von denen, die in den Tagen nach dem Vorfall mit ihm sprachen und ihn teilweise intensiv begleiteten – Journalisten, Ermittler, Vertreter der Jüdischen Gemeinde, Mitarbeiter des Jüdischen Museums –, kam offenbar keiner auf die Idee, ihm zu erklären, was da auf ihn zukommt. Armoush weiß nur, dass er Kanaan S. am liebsten nie mehr wiedersehen will. Gedankenverloren spielt er mit seiner Halskette, an der ein kleiner silberner Marienanhänger befestigt ist. Sie ist ein Geschenk eines engen Freundes und hat keinen religiösen Wert für ihn, er trägt sie als Schmuckstück, weil sie ihm gefällt. Armoush ist katholisch getauft, aber er fühle sich keiner Religion zugehörig, sagt er. "Ich bin Atheist."

Die ersten drei Nächte nach der Tat habe er kaum geschlafen. Von den Schlägen hatte er schmerzende Striemen am Oberkörper und eine aufgeplatzte Lippe. Schlimmer sei aber gewesen, dass er sich plötzlich unsicher gefühlt habe in Berlin. "An dem Abend saßen so viele Leute draußen in den Restaurants, aber bis auf zwei Frauen hat sich niemand eingemischt."

Seit dem Angriff steht sein Name im Internet, auch sein ungefährer Wohnort wurde bekannt. Im Netz las er Hasskommentare und Drohungen. "Wartet nur, ihr dreckigen Juden" war noch einer der harmloseren. "Ich war überrascht, dass einer wie Kanaan so viele Sympathisanten hat", sagt er. Für sie ist Armoush der Feind, ob er nun selbst Jude ist oder sich mit Juden solidarisiert. Seither hat Adam Armoush Angst, dass jemand die Drohungen in die Tat umsetzen könnte. "Ich versuche, nachts nicht mehr allein von der U-Bahn nach Hause zu gehen, und wenn doch, dann renne ich ganz schnell." Er sucht nach einer neuen Wohnung, aber findet bislang keine. Dabei war Berlin seine Traumstadt, als er Anfang des Jahres von Hannover hierher zog. Hier fand er schnell gute Freunde, hier will er bleiben.

Mittlerweile fragt sich Armoush, ob er nicht doch zu einem Anwalt hätte gehen sollen. Aber er habe nicht gewusst, wovon er den bezahlen solle. "Einen Anwalt brauchst du nur, wenn du willst, dass der andere eine besonders hohe Strafe bekommt", hatte ein Freund ihm gesagt. Das will Armoush nicht, er will einfach nur, dass Kanaan S. überhaupt eine Strafe bekommt. "Es geht mir ums Prinzip", sagt er. Er will, dass die Regeln eingehalten werden.

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