David Hockney Besuch beim alten Meister

Eine spontane Reise nach Los Angeles, ein herrlich dumpfer Neun-Stunden-Jetlag – für eine Begegnung mit dem 81-jährigen Künstler David Hockney. Von
ZEITmagazin Nr. 49/2018

Vor einem Jahr bekam ich eine SMS von meinem Freund und Verleger Philipp Keel: "Ich habe ein Treffen mit David Hockney in Los Angeles nächste Woche. Wollen Sie mitkommen?"

Ein paar Tage später saß ich, eingehüllt von einem herrlich dumpfen Neun-Stunden-Jetlag, in einem Taxi auf dem Highway 405, unterwegs vom Flughafen LAX zu meinem Hotel. Ich hielt es für ratsam, mich emotional abzusichern, und gab mir höchstens eine 50-Prozent-Chance, dass das Treffen wirklich stattfinden würde. Schließlich ist Los Angeles die Hauptstadt der geplatzten Träume.

Nachts schlief ich schlecht. Vormittags spazierte ich herum und zeichnete, bis mich Philipp am späten Nachmittag mit dem Auto abholte. Er hat lange in L.A. gelebt und zeigte mir auf ausgedehnten Rundfahrten die besten Ausblicke, schönsten Hotels und verrücktesten Bars.

Während einer morgendlichen Wanderung durch Griffith Park kam dann die Nachricht: "Wir treffen David morgen in seinem Atelier."

Wir klingelten an Hockneys Haustür, hoch in den Hollywood Hills. Er war genauso charmant, locker und aufmerksam, wie ich mir das erhofft hatte.

Die nächsten drei Stunden saßen wir in seinem Atelier, zwischen Skizzen, großen Leinwänden und vielen kleinen Brandflecken auf dem Linoleumboden. Ich wollte mich nicht mit blöden Fragen blamieren und beschränkte mich aufs Zuhören und Weingummis-Essen, dazu rauchte ich glücklich ein paar Zigaretten.

Beim Abschied fragte ich Hockney nach seinen Arbeitsgewohnheiten. Er ist 81 Jahre alt. Jeden Morgen geht er ins Atelier und malt. Das macht ihn froh, aber er muss es auch einfach tun. Er ist unglaublich erfolgreich – Ruhm. Geld. Anerkennung. Aber irgendwie hat er es geschafft, den unumgänglichen Wahnsinn der Kunstwelt zu durchleben und am Ende immer noch begeistert zu sein von dem, was ihn ganz zu Anfang auf diesen Weg gebracht hat. I’m a fan.

Christoph Niemanns neues Buch über Los Angeles, "Hopes and Dreams", ist soeben erschienen. Nähere Informationen unter: www.abstractometer.com

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