Harald Martenstein Über die Architektur Frankfurts

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Aus der Serie: Martenstein

Zwei oder drei Mal durfte ich an öffentlichen Diskussionen über Architektur teilnehmen, weil ich so skurril bin. Mein Vorbild als Architekturkritiker ist Prinz Charles. Mir kann es gar nicht vorgestrig genug sein. Zeitgenössische Bauten sind oft eindrucksvoll, womöglich ist das Kunst. Bildende Kunst ist meiner Meinung nach mehr was zum Angucken oder zur Selbstverwirklichung, drin leben will ich nicht. Für die ZEIT durfte ich mal in Dessau in einem der Meisterhäuser des Bauhauses wohnen, um darüber eine Reportage zu schreiben. Danach habe ich angefangen, eisern zu sparen, damit ich mir eines Tages ein Bauernhaus mit Fachwerk oder eine Fischerhütte mit Reetdach leisten kann.

Frankfurt ist bekanntlich die einzige deutsche Stadt mit einer amerikanischen Skyline. Aber in Frankfurt haben sie auch einen Teil der im Krieg zerstörten Altstadt nachgebaut, Frankfurt besitzt also auch eine polnische Skyline. Die Polen haben nach dem Krieg die fast restlos zerstörten Altstädte von Danzig und Warschau wieder hingestellt, das sind heute Touristenattraktionen. Der Frankfurter Römer, das verwinkelte alte Rathausviertel, von dem nur noch ein paar Fassaden standen, wurde schon in den Fünfzigerjahren neu aufgebaut, nicht detailgetreu, aber im Großen und Ganzen. Nun ist ein weiterer Teil der Altstadt rekonstruiert worden, im Mai 2018 meldete die Lokalzeitung Neue Presse: "Neue Altstadt ab heute zugänglich".

Viele Architekturkritiker und zeitgenössische Baumeister waren von der neuen Altstadt nur mäßig begeistert. Es wird gesagt, dies sei "unehrlich". Muss man denn in jeder Debatte die Moralkeule schwingen? Von einem Mitmenschen erhoffe ich, dass er nicht komplett unehrlich ist. Für Notlügen habe ich Verständnis, aus eigener Erfahrung. Aber ein Haus darf ruhig noch verlogener sein als Donald Trump, Hauptsache, es gefällt. Als Andrea Nahles bei ihrer Wahl zur SPD-Parteivorsitzenden nur ein schlechtes Ergebnis erzielte, sagte sie, dieses Ergebnis sei ehrlich. Also, "ehrlich" kann durchaus "schwach" bedeuten.

Wenn ich durch Frankfurt laufe, kann ich, besser als in jeder anderen deutschen Stadt, die vormoderne mit der modernen Architektur vergleichen, vor dem Bauhaus, nach dem Bauhaus. Moderne Häuser sind meistens glatt, zweckdienlich und sachlich. Wenn viel Glas im Spiel ist, dann schwitzt man im Sommer. Oder sie sehen nach Fabrik aus, Stahl und Beton.

Holz wirkt wärmer, und das, obwohl man weniger schwitzt. Ich liebe es, Holz, Stroh und Mauersteine anzufassen, dann spüre ich Leben und Geschichte. Ich denke dann an die Arbeiter, die diese Steine gemauert haben, und an die Bäume, die für dieses Haus gefällt wurden. Bei Beton spüre ich nichts. Hochhäuser sind bigger than life, aber ich bin nun mal nur as big as life. Die meisten Leute lieben das Verwinkelte, Unübersichtliche, meinetwegen Kitschige, und zwar deshalb, weil ihre Seelen verwinkelt, unübersichtlich und kitschig sind. Das Überflüssige ist das Schöne.

Ich mag Frankfurt, weil es dort beides gibt und weil sie die Vergangenheit nicht ausradiert haben, eine Kopie ist besser als gar nichts. Vor ein paar Jahren habe ich in Brandenburg ein Fachwerkhaus aus dem Jahre 1756 gekauft, das Haus hat der Dorfschmied gebaut, sicher kein reicher Mann. Das Haus war nicht teuer. In der Scheune hat sich, wie mir ein Nachbar erzählte, nach der Wende der örtliche Stasi-Chef erhängt. Es gibt viele Geschichten über das Haus, gute und böse, ich bin jetzt ein Teil davon, obwohl manches nicht mehr original ist.

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