Harald Martenstein Über Väter und Söhne

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Aus der Serie: Martenstein ZEITmagazin Nr. 49/2018

Auf der Frankfurter Buchmesse hatte ich eine gemeinsame Lesung mit Autorenkollegen. Darunter war der Amerikaner David Sedaris, eines meiner Idole. Sedaris stellte sein Buch Calypso vor. In der Passage, über die er plauderte, ging es um einen faustgroßen Tumor, ein gutartiges Lipom, das aus ihm herausgeschnitten werden musste. Die Krankenhausärzte wollten das Gewächs nach der Operation wegwerfen, dies sei Vorschrift. Sedaris mag es nicht, wenn Nahrung vergeudet wird. Also ließ er sich den Tumor von einer Ärztin entfernen, die er bei einer Lesung kennengelernt hatte, sie pfiff auf die Vorschriften. Er zerschnitt den Tumor in mundgerechte Stücke und legte ihn zu Hause ins Kühlfach. Aus Fürsorge beschriftete er die Plastiktüte – "Davids Tumor" –, damit sein Lebenspartner das Zeug nicht für Geflügelgulasch hielt. Beim nächsten Besuch am Meer verfütterte er den Inhalt der Tüte an eine Schnappschildkröte. Diese Tiere fressen alles.