Harald Martenstein Über Väter und Söhne

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Aus der Serie: Martenstein ZEITmagazin Nr. 49/2018

Auf der Frankfurter Buchmesse hatte ich eine gemeinsame Lesung mit Autorenkollegen. Darunter war der Amerikaner David Sedaris, eines meiner Idole. Sedaris stellte sein Buch Calypso vor. In der Passage, über die er plauderte, ging es um einen faustgroßen Tumor, ein gutartiges Lipom, das aus ihm herausgeschnitten werden musste. Die Krankenhausärzte wollten das Gewächs nach der Operation wegwerfen, dies sei Vorschrift. Sedaris mag es nicht, wenn Nahrung vergeudet wird. Also ließ er sich den Tumor von einer Ärztin entfernen, die er bei einer Lesung kennengelernt hatte, sie pfiff auf die Vorschriften. Er zerschnitt den Tumor in mundgerechte Stücke und legte ihn zu Hause ins Kühlfach. Aus Fürsorge beschriftete er die Plastiktüte – "Davids Tumor" –, damit sein Lebenspartner das Zeug nicht für Geflügelgulasch hielt. Beim nächsten Besuch am Meer verfütterte er den Inhalt der Tüte an eine Schnappschildkröte. Diese Tiere fressen alles.

Ich finde es faszinierend, wie offen Sedaris über seinen Wohlstand schreibt. Er hat eine Menge Probleme, aber Geld hat er auch. Unter anderem besitzt er zwei Häuser und fliegt regelmäßig zum Shoppen nach Japan. Ein deutscher Bestsellerautor würde das wohl nur ungern zum Thema machen. Die Amis haben bekanntlich zum Reichtum ein anderes Verhältnis als die Deutschen. Ich fordere Respekt für andere Kulturen, die nicht ganz so neidfixiert sind.

David Sedaris fiel mir wieder ein, als ich den Tweet eines Kollegen las: "Wenn Deine Eltern AfD wählen, warum nicht den Kontakt abbrechen?" Ein anderer Kollege ließ einen Text über seinen AfD-Vater mit dem Satz ausklingen: "Das nächste Weihnachtsfest verbringen wir getrennt."

Sedaris’ Vater, über neunzig, wohlhabend, ist nicht nur ein Fan von Donald Trump, er hat den Sohn auch enterbt, weil dieser schon genug Geld hat. Es gibt vier Geschwister, die nicht so reich sind. Als Sedaris den Vater zu einer Lesung einlud, vor 2000 Leuten, waren 30 Plätze in der Halle frei geblieben. Hinterher stichelte der Vater: Ausverkauft sei es ja nicht gewesen. Möglicherweise hätte mein Vater auch so etwas gesagt. Als ich ihm einen meiner Romane schickte, in der Hoffnung auf Lob, sagte er: "Da geht es ja nur ums Ficken." Es gab ein paar Sexszenen, alle aus Sicht der Männer ziemlich desaströs. Ich liebte meinen Vater sehr.

Sedaris hat den Kontakt nicht abgebrochen. Sein Vater hat in ihm die Liebe zum Jazz geweckt. Er spielte ihm oft Platten vor, sie waren dann zu zweit, inmitten dieser großen Familie. Der Alte spürte, dass dieses Kind dafür das richtige ist. Das ist unzerstörbar. Noch heute hört David Sedaris mit seinem Vater immer wieder die alten Platten, sie sitzen dann beisammen, hören und sind einander nah. Sie reden dabei wenig.

Als ich jung war, hatte ich es in der Familie noch mit einigen echten Nazis zu tun, einige von ihnen liebte ich. Über diesen Konflikt habe ich einen Roman geschrieben. Ich kann diese weitverbreitete Gnadenlosigkeit nicht begreifen, die sich als Menschenliebe ausgibt. Es ist ein Kinderspiel, abstrakt für Menschenliebe einzutreten.

Mit realen Menschen ist es schwieriger, die besitzen immer Facetten, die man weniger mag. Es gibt natürlich eine Grenze, hinter der es unerträglich wird. Wer den Kontakt zum Vater abbricht oder ihn an Weihnachten allein lässt, nur weil dieser AfD wählt, ist jedenfalls kein guter Mensch. Nicht dass ich mich selbst für einen hielte. Das Engagement eines solchen Menschen für "Vielfalt" kann ich nicht ernst nehmen, weil er unter Vielfalt nur seinesgleichen versteht.

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